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Hans-Jürgen Kretschmer ist einer von sechs Tagesvätern in Moers

Kinderbetreuung in Moers : Opa hoch fünf

Hans-Jürgen Kretschmer ist 65 und einer von sechs Tagesvätern in Moers. Gemeinsam mit seiner Frau kümmert er sich tagsüber um fünf Kleinkinder. So gestalten sie den Alltag mit den Kindern bei sich zu Hause.

„Hier wohnen Oma und Opa. Elternregeln enden hier“, steht auf der Fußmatte der Kretschmers. Dahinter beginnt ihr Hoheitsgebiet: Die beiden sind Tageseltern und ihr Haus wird unter der Woche zur Kita für Kleinkinder. Begonnen hat damit zunächst Brigitte Kretschmer. Ihr Mann beendete vor fünf Jahren seinen Job bei der Deutschen Post und hat ihr anfangs bei der Arbeit mit den Kindern nur ausgeholfen. Doch daraus wurde schon bald mehr.

Grundsätzlich gilt: Wer Kinder bei sich zu Hause betreuen will, der muss sich fortbilden. Brigitte Kretschmer besuchte einen 160-Stunden-Tagesmutter-Lehrgang und kann damit bis zu fünf Kinder bei sich zu Hause betreuen. Ihr Mann belegte einen 30-Stunden-Kursus beim Jugendamt und kann damit auf ein Kind aufpassen. In der Regel arbeiten die beiden jedoch immer als Team.

„Opa! Opaaaaa“, rufen die Kleinen abwechselnd aus dem Spielzimmer, dass im Keller des Hauses liegt, wenn Hans-Jürgen Kretschmer allein nach oben geht. Sie nennen ihn so, weil „Opa“ dann doch wesentlich einfacher auszusprechen ist als „Hans-Jürgen“. Den Beruf als Tagesvater übt er – im Gegensatz zu seiner Frau – ehrenamtlich aus. „Ich habe es auch vor der Weiterbildung schon einfach so gemacht, ich mache das gerne.“ Als Personaldisponent bei der Post sei der Alltag ein stressiger gewesen. „Es ist mir trotzdem wichtig, weiterhin kleine Aufgaben zu haben“, sagt der 65-Jährige. Diese beginnt in der Woche morgens um halb acht. Dann bringen die Eltern ihre Kinder zu ihnen nach Hause. Und auch wenn der Tag mit vielen Ritualen verbunden ist – 11:30 Uhr Mittagsschlaf, 13 Uhr Mittagessen – so gibt es auch immer Abwechslung: Mittwochs machen sie immer einen Ausflug in einen Kindergarten und treffen dort andere Tagesmütter zum Spielen. In der benachbarten Spielstraße verbringen sie viel Zeit draußen. Oder sie basteln gemeinsam.

Passend zur Jahreszeit baumeln derzeit Schneemänner von der Decke im Spielraum. Er ist hell erleuchtet, den Boden ziert ein Teppich mit Straßenmuster, es gibt einen Tisch, ein Sofa und vor allem jede Menge Spielzeug. Alles, was Geräusche macht, ist besonders beliebt. Die selbstgemachte Rasseln aus einer Plastikverpackung gefüllt mit Kaffeebohnen ist an diesem Morgen der Favorit. „Die Kinder sind aber nicht den ganzen Tag laut“, verteidigt sie Hans-Jürgen Kretschmer.

In Moers gibt es insgesamt 46 Kindertageseinrichtungen. Diese alleine können den Bedarf an Betreuung jedoch nicht abdecken. „Die Kindertagespflege ist von enormer Bedeutung, um neben den Kindertageseinrichtungen den Rechtsanspruch auf Betreuung eines Kindes erfüllen zu können“, sagt Stadtsprecher Thorsten Schröder. In Moers gibt es zurzeit 198 aktive Kindertagespflegepersonen – davon sind lediglich sechs Tagesväter. Die Gründe dafür sind zum einen ein tradiertes Rollenbild, aber auch Pädophilie-Vorwürfe erschweren vielen Männern den Einstieg in den Beruf. Auch die Kretschmers macht das betroffen. Sie haben sich dazu entschieden, dass in der Regel Brigitte Kretschmer die Kinder wickelt, „aber wenn ich mal krank bin oder gerade ein Notfall ist, dann kann das auch mein Mann“, erklärt die 61-Jährige auch den Eltern.

Hans-Jürgen Kretschmer sagt, dass er in das Opa-Dasein schon durch seine eigenen Kinder und seine Enkel hineingewachsen sei. Er und seine Frau haben sich bewusst für die Betreuung von Ein- bis Zweijährige entschieden. Zum einen, weil gerade für dieses Alter der Betreuungsbedarf sehr hoch sei, zum anderen sei es einfach ein tolles Alter, findet Brigitte Kretschmer. Die Kinder würden laufen lernen, anfangen zu quasseln – und trotzdem noch Mittagsschlaf machen.

Der kleine Max reibt sich schon um kurz nach elf Uhr seine Augen. Hans-Jürgen Kretschmer nimmt ihn auf den Arm und trägt ihn vorsichtig die Treppe hinauf. Kein Schreien oder Quengeln, als er ihn in sein Bettchen legt. „Ja, du bist müde. Ganz müde, fertig mit der Welt, was?“, redet ihm „Opa“ beruhigend zu und streicht ihm noch übers Köpfchen, bevor er den Raum verlässt.

Gerade im Kleinkindalter könne man Kindern so viel mitgeben, findet das Ehepaar. Für sie zählt vor allem der rücksichtsvolle Umgang miteinander, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt, oder man gemeinsam am Tisch isst – ohne dabei ständig aufzustehen. Außerdem können die meisten Kinder schon selbstständig zur Toilette gehen, wenn sie dann mit drei Jahren in den Kindergarten gehen.

An Anfragen mangelt es den beiden nie. Im August werden sie wieder drei bis vier neue Kinder aufnehmen.