Lesung mit Martin Brambach in Moers Großes Kino beim Krimifestival Moers

Moers · Der Schauspieler Martin Brambach trug die Novelle „Die Panne“ von Friedrich Dürrenmatt in der Aula des Gymnasiums in den Filder Benden vor. Warum der Abend viel mehr als eine Lesung war.

 Martin Brambach bot in unnachahmlicher Weise „Die Autopanne“ von Friedrich Dürrenmatt dar.

Martin Brambach bot in unnachahmlicher Weise „Die Autopanne“ von Friedrich Dürrenmatt dar.

Foto: Armin Fischer (arfi)

Es war eine exzeptionelle Lesung mit grandioser Schauspielerei, was da am Samstagabend in der Aula des Gymnasiums in den Filder Benden über die Bühne ging. Doch es war mehr als eine Lesung: Es war ein ungemein kurzweiliges szenisches Live-Hörspiel, dargeboten in mitreißenden 90 Minuten. Die ausverkaufte Schulaula dankte es dem brillant auftretenden Protagonisten des Abends, Martin Brambach, mit einem überwältigenden Schlussapplaus.

Es war die vierte von 18 Veranstaltungen des Krimifestivals Moers 2024. Auf dem Programm stand schlicht angekündigt die Novelle „Die Panne“ von Friedrich Dürrenmatt mit Martin Brambach. Doch Text, Autor und Vortragender bildeten in dieser Konstellation eine Art kreatives Dreieck, das im Ergebnis einem Hohelied auf die Literatur und die darstellende Kunst gleichkam.

Schon der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hielt die 1955 erschienene Erzählung „Die Panne“ für ein Meisterwerk, das nicht nur um die philosophischen Themen Schuld und Gerechtigkeit kreist, sondern auch in der Schilderung eines opulenten Mahls zu größter Unterhaltung beiträgt. Den Inhalt beschreibt der Diogenes Verlag wie folgt: „Weil sein Auto eine Panne hat, gerät der Handlungsreisende Alfredo Traps in eine Villa, in der vier ältere Herren ein Gerichtsspiel abhalten, das ihnen – ehemaligen Richtern, Staatsanwälten, Verteidigern und Henkern – zum Zeitvertreib dient. Traps übernimmt die Rolle des Angeklagten, und man versichert ihm, eine Schuld werde sich schon finden lassen. Am Ende der Fressorgie liegt ein Todesurteil auf dem Tisch, und die Grenzen des Spiels sind verwischt: Die Fiktion ist in die Realität überführt worden.“

Schon die Namen der an der fiktiven Verhandlung teilnehmenden Männerrunde sind mehrdeutig: Richter Wucht, Staatsanwalt Zorn und Strafverteidiger Kummer. Auch der Nachname von Alfredo Traps erinnert an das englische Wort „trap“, was übersetzt so viel heißt wie Falle oder Hinterhalt.

Der von Martin Brambach mit höchster Präzision und Lebendigkeit vorgetragene Text ist eine kongeniale Fassung von Gerhard Ahrens.

Brambach, einer der profiliertesten Fernseh-, Film- und Theater-Schauspieler seiner Zeit, zelebriert wortgewaltig die Handlungsszenen, vor allem jene, die das Abendessen als eine stundenlange Völlerei mit einer Vielzahl von Gängen und erlesenen Weinen beschreibt. Er liest auch nicht den Text von Richter, Ankläger und Verteidiger nur einfach vor, sondern lässt jene Figuren quasi selbst sprechen, indem er ihnen eine jeweils eigene Stimme gibt.

So spricht er den Staatsanwalt Zorn (wie es auch im Text dazu heißt) mit „schnarrender Stimme“, den Richter und Hausherrn in einer höheren Stimmlage sowie den Verteidiger Kummer etwas näselnd. Doch damit nicht genug: Bei der Urteilsverkündung des Richters steht Brambach vor dem Lese-Tisch und verkündet in dessen Rolle eines ziemlich Volltrunkenen das Todesurteil einer nichtstaatlichen Justiz. Das macht er vortrefflich und derart glaubwürdig, dass die Gäste im Saal den Eindruck hatten, sie wären bei der Männerrunde dabei – und von der die Ex-Juristen wiederum meinten, es sei der „schönste Herrenabend“ bisher überhaupt gewesen. Fazit: Großes Kino!

Weitere Krimifestival-Veranstaltungen unter https://krimifestival-moers.de.

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