Moers Großer Beifall für elf mutige "Experten"

Moers · Das Schlosstheater wagte erneut in einem Rechercheprojekt den Tabubruch und traf damit den Nerv des Publikums. Regisseurin Barbara Wachendorff untersuchte mit zwei Schauspielern und elf Betroffenen das Thema Depression.

 Schauspieler Frank Wickermann (rechts) mit vier seiner Mitspieler. Die neue Schlosstheater-Inszenierung begeisterte das Publikum, obwohl sie ein bedrückendes Thema behandelt: Depressionen.

Schauspieler Frank Wickermann (rechts) mit vier seiner Mitspieler. Die neue Schlosstheater-Inszenierung begeisterte das Publikum, obwohl sie ein bedrückendes Thema behandelt: Depressionen.

Foto: Schlosstheater Moers

Plötzlich war sie da — die erste Panikattacke. Und mit ihr Angstzustände, Schwindel und Schweißausbrüche. Der Song "The Passenger", der gerade noch voller Energie durch den Raum waberte, beginnt zu leiern und zu verzerren. Und eine Frauenstimme sagt leise: "Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Ich brauche Hilfe." Sie ist nicht allein. In Barbara Wachendorffs Rechercheprojekt "Under Cover" sind es elf Menschen, die den Mut haben, über ein Tabu zu sprechen, eine Erkrankung, die so viele Betroffene verschweigen aus Angst vor dem Arbeitgeber, der Umwelt und davor, in dieser Gesellschaft nicht mehr "richtig zu funktionieren". Wachendorff, die für die Regie verantwortlich zeichnet, eröffnet einen verstörenden Einblick in die Gefühlswelten der Menschen, deren Leben so brüchig, lähmend und anders geworden ist. Sie dokumentiert Schicksale und Lebenskrisen, zitiert aufklärend Psychologen und Philosophen. Und doch wohnt ihrer Inszenierung eine heitere Gelassenheit inne, die dem Thema die erdrückende Schwere nimmt.

Die Regisseurin schickt das Publikum in der ehemaligen Kantine des alten Neuen Rathauses sozusagen ironisch in ein "Seminar zur Weiterbildung der schweren Depression". Therapeuten sind die Schauspieler Frank Wickermann und Heike Trinker, die knapp zwei Wochen vor der Premiere spontan für Marieke Kregel eingesprungen war. Sie lassen die Zuschauer bis zur eigenen, im Heulkrampf endenden Verzweiflung Papierschiffchen basteln, um sie von der "Alltagslast zu befreien" und ihnen dazu einen "strukturierten Tagesablauf" zu geben. Gleichzeitig wirken sie im Spiel mit den Experten, so nennt Barbara Wachendorff ihre betroffenen Mitspieler, wie ein fester Halt, wenn die Vielschichtigkeit der Depression auch Todessehnsucht thematisiert. Frank Wickermann und Heike Trinker kitzeln die Tabubrüche heraus, wenn sie im imaginären Kaufmannsladen eine Scheibe Hoffnung kaufen, jedoch aus Versehen zu Traurigkeit greifen, um sich dann mehr Libido zu wünschen. Im Fokus dieser Inszenierung stehen jedoch die Experten, die erstmals auf einer Theaterbühne stehen, und denen in der Premiere am Samstag der stehende Beifall des Publikums galt: Tobias Bausch, Melanie Bovenschen, Volker Gedrath, Cornelia Graefen, Nina Gottschalk, Anika Grönke, Jana Isfort, Sabine Jüngling, Joachim Kunz, Björn Nienhuys und Hannah Schmidt sind mit einer starken Präsenz dabei. Sie rappen zum Beispiel über die "Stimmen, die bestimmen", spielen assoziative Buchstabenspiele, schreiben mit unerwarteten Symbolen neue Gleichungen auf die Wand und halten den Menschen den Spiegel vor, die nicht damit umzugehen wissen, dass ihr Gegenüber nicht mehr so kann, wie er können sollte. "Sie müssen nur wollen. Sie schaffen das. Bloß nicht hängenlassen", reden sie vielstimmig auf das Publikum ein. "Under Cover" ist eine vielschichtige Collage, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht. Barbara Wachendorff geht dabei liebevoll mit ihren Experten um. Sie entblößt nicht, sondern schützt und anonymisiert Einzelschicksale. Papier spielt eine große Rolle. Es werden nicht nur besagte Papierschiffchen gebastelt, die Spieler verbergen ihre Gesichter zuweilen hinter Blättern, und Christoph Rasche hat das Bühnenbild mit Bergen von Papierschnitzeln angefüllt. Jede Bewegung löst ein Rascheln aus. Im Rathaus an der Meerstraße hat sich das Schlosstheater übrigens einen neuen, starken Spielraum erobert. Dass der Bühnenraum in der ehemaligen Kantine eingerichtet ist, ist vielleicht ein Kuriosum am Rande. Während der Aufführung nehmen die Zuschauer dies aber bald nicht mehr wahr.

(RP)