Moers: Gewalt im Amateurfußball

Moers : Gewalt im Amateurfußball

Bei einem Spiel in Moers kommt es nach einer Roten Karte zu einer Schlägerei. Der Schiedsrichter stand im Mittelpunkt, brach er das Spiel daraufhin ab. Vier von 100 Schiedsrichtern werden pro Saison von Fußball-Spielern verprügelt.

Eine Situation wie so oft im Amateurfußball: Eine kleine Rangelei bauscht sich über die 90 Minuten auf, bis vor dem Ende der Partie einem Spieler doch die Hutschnur reißt. Ein Tritt, ein Fausthieb, oder wie jetzt am Dienstagabend bei der Kreisliga-C-Partie "OSC Rheinhausen III gegen SC Rheinkamp III" ein Kopfstoß, und schon eskaliert die Situation. Nach dem der Schiedsrichter folgerichtig die Rote Karte zeigte, entwickelte sich nicht nur eine Rangelei.

Auch zwischen Fans und Spielern gingen aufeinander los. Es müssen drastische Szenen gewesen sein, ein weiterer Zuschauer alarmierte umgehend die Polizei, die gleich mit mehreren Streifenwagen anrückte: "Dass die Polizei zu Fußballspielen gerufen werden muss, kommt immer mal wieder vor", sagt ein Polizeisprecher. In der abgelaufenen Saison könne er sich aus dem Stehgreif zumindest an einen Vorfall erinnern. Tatsächlich gibt es in Sachen Gewalt auf dem Fußballplatz eine Dunkelziffer.

Nicht jeder Fausthieb, nicht jede Schlägerei wird der Polizei gemeldet. Wie ernst die Lage ist, zeigt das Fakt, dass seit Beginn der neuen Saison bei zuvor als "Problemspiel" eingestuften Begegnungen nun die Beobachtung durch die Polizei nötig ist. Es handelt sich dabei zwar nicht um eine Hundertschaft, aber - es handelt sich um Amateurfußball - uniformierte Beamten stehen bei solchen Fußballspielen am Rande, um Eskalationen frühzeitig zu vermeiden.

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Das bestätigte eine Polizeisprecherin schon vor einigen Wochen der Redaktion. Bereits zu Beginn des Jahres hatten die Verantwortlichen des Fußball-Kreises Moers auf einer Arbeitstagung mit den Vereinen einen Maßnahmenkatalog vorgestellt. Grund war die auf Rekordhöhe geschnellte Zahl der Verhandlungen vor der Spruchkammer nach Ausschreitungen auf den Spielfeldern. Nicht nur zwischen Spielern oder Fans, vor allem die Gewalt an Schiedsrichtern ist ein ernst zu diskutierendes Thema.

Jakob Klos, Schiedsrichter-Obmann des Fußball-Kreises Moers, sagte zum Saisonende, dass die "Qualität der Gewalt", der insbesondere die Unparteiischen ausgesetzt seien, längst eine andere geworden ist. "Wenn man früher noch ,du Blinder' zum Schiedsrichter gesagt hat, wird heute Prügel angedroht", meinte er und betonte: "Wir müssen unsere Schiedsrichter schützen." Thomas Kirches, Schiedsrichter aus dem benachbarten Fußballkreis Krefeld-Kempen leitet seit 14 Jahren die Arbeitsgruppe "Keine Gewalt gegen Schiedsrichter".

Auch er muss feststellen, dass nicht nur die Gewalt, sondern auch die Brutalität gegenüber der Spielleiter von Jahr zu Jahr zunimmt. "Wenn es so weiter geht, haben wir bald den ersten Toten auf dem Fußballplatz", sagt Kirches. Ohrfeigen gehörten vor 15 Jahren zwar schon zum Alltag des Amateurfußballs, heute aber "wird mit der Faust zugeschlagen, oder der bereits am Boden liegende Schiedsrichter getreten", sagt Kirches.

Erst im Mai wurde in Krefeld wieder ein Spieler von der Spruchkammer bestraft. Er hatte einen Schiedsrichter glücklicherweise nur leicht verletzt, als er - Mustafa El-Hoabbani - mit den Fäusten auf den Mann losging. Kirches, Jahre lang im Amateurfußball als Schiedsrichter unterwegs, kann Dutzende solcher Storys erzählen. "Einigen Kollegen wurden Knochen gebrochen, sie tragen bis heute Stahlplatten im Gesicht, um Joch- und Nasenbein zu stabilisieren", sagt er.

Einmal habe ein Vater eines D-Jugendlichen einem 14-jährigen Schiedsrichter in der Kabine aufgelauert - prügelte auf ihn ein, bis nur durch Zufall jemand die Schreie wahrgenommen habe. "Wir müssen gegen die Gewalt endlich etwas tun", sagt Kirches. Dabei erkennt er ein Problem: Was auf dem Fußballplatz passiert, wird strafrechtlich oft nicht verfolgt. Es wird höchstens vor der Fußballspruchkammer verhandelt: "Es gibt eine Sperre, eine Geldstrafe für den Verein", mehr habe ein Schläger nicht zu befürchten, sagt er.

In der nächsten Saison könne er bei einem anderen Verein anheuern. "So ein Mann darf nie mehr auf den Platz, aber der DFB spielt das Problem herunter", sagt Kirches. Er fordert nicht nur mehr Unterstützung vom DFB, er nimmt auch die Staatsanwaltschaft in die Pflicht. "Eine Anzeige muss automatisch durch Kenntnisnahme erfolgen, damit ein gewalttätiger Fußballer auch zivilrechtlich bestraft werden kann", sagt Kirches. Der DFB müsse Rechtschutzversicherungen und Anwälte stellen.

Anfang des Jahres veröffentlichte der Verband einen Bericht, nach dem es bei weniger als 0,8 Prozent aller Spiele zu Gewalt- oder Diskriminierungsvorfällen im Amateurfußball kommen würde. "Das klingt nicht viel", sagt Kirches: Schaut man genauer hin, sind das alarmierende Zahlen. "Wir rechnen unseren Schiedsrichtern vor: "Von euch 100 werden diese Saison im Schnitt vier verprügelt." Was für den Fußballkreis 6 - Krefeld-Kempen gilt, ist gleichbedeutend für jeden anderen Fußballkreis in Deutschland.

Ob in Hamburg, Berlin, Essen oder Freiburg - Schiedsrichter werden im Fußball immer wieder Opfer schwerer Gewalt. Auch im Fußballkreis Moers. "Es kann nicht sein, wenn unsere Familien Angst um uns haben müssen, nur weil wir einem Hobby nachgehen."

(KT)
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