Kamp-Lintfort.: Gemüseparzellen für Städter im Trend

Kamp-Lintfort. : Gemüseparzellen für Städter im Trend

Das Geschäft mit der Landlust boomt. Immer mehr Bauern vermieten fruchtbares Ackerland an Hobbygärtner aus der Stadt. Auch in Kamp-Lintfort können sich Familien, Singles und Paare bald ihren Traum vom eigenen Gemüse erfüllen.

Im Juli lag "ein Hauch von Dill" in der Luft, dann wuchsen reihenweise Radieschen, Spinat, Mangold und "wahnsinnig viele" Zucchini auf dem Feld. Die Tomaten sind nichts geworden, es hat zu viel geregnet im Spätsommer. Dafür hat Susanne Seitter "körbeweise" Bohnen auf ihrem eigenen Acker geerntet. Am meisten aber, so sagt sie, habe sie sich über die Möhren gefreut, weil es bei der Ernte so roch, wie früher, als Oma das frische Gemüse bei den Wurzeln packte und aus der Erde rupfte.

Vor einem halben Jahr erfuhr die 34 Jahre alte Berlinerin, dass man sich vor den Toren der Stadt für eine Saison einen Gemüseacker mieten kann. Weil das Leben in einer Ein-Zimmer-Wohnung mit Balkon ganz schön eng sein kann, griff Susanne Seitter zu. Seit Anfang Juni tauscht sie ein- bis zweimal in der Woche für ein paar Stunden ihr kleines Zuhause gegen eine Parzelle am Stadtrand. Für sie sei Ackern Neuland, sagt sie.

Ein ähnliches Projekt wie in Berlin soll im kommenden Jahr an den Niederrhein kommen. Die Bio-Gemüseäcker befinden sich an der Schlossallee 81 und gehören zum Biolandhof Frohnenbruch von Klaus und Bärbel Bird. Tobias Paulert (37) und Birger Brock (38) haben die Kamp-Lintforter Landwirte für ihr Projekt "Ackerhelden" gewonnen. Die zwei Jung-Unternehmer aus dem Ruhrgebiet vermieten über ihre gleichnamige Firma bereits Gemüseparzellen in Mönchengladbach, Dorsten, Bremerhaven und Berlin. In Kamp-Lintfort soll das Projekt mit 25 Feldern starten, sofern sich ausreichend Interessenten finden. Der kleine Bio-Acker kostet dort pro Saison 248 Euro, der große 445 Euro, Saatgut, Gießkannen und Jungpflanzen inklusive. Die Idee: Klaus Bird bestellt die 40 bis 80 Quadratmeter großen Gemüseäcker, anschließend sät und ernten Hobbygärtner aus der Umgebung von Mitte Mai bis November auf ihrem Mietfeld. "Früher wusste jeder wie man Möhren anbaut, dieses Wissen ist verloren gegangen", sagt Tobias Paulert. Das klassische Gemüsebeet aus den 50er und 60er Jahren gebe es kaum noch. "Der Garten wird als Ziergarten genutzt oder zum Spielen für die Kinder." Er und sein Partner aber wollen, dass die Menschen wieder verstehen, woher das kommt, was irgendwann auf ihren Tellern landet. Die Ackerhelden setzen auf die Adjektive: regional, saisonal und bio. Ihr Motto: keine Chemikalien auf dem Acker, 100 Prozent biologisch angebautes Gemüse. Die Zielgruppe für ihr Unternehmen sei daher "der Biokunde an sich", vom jungen Ackerhelden bis zum Rentner, erklärt Paulert, Das Geschäftsmodell der Ackerhelden passt zum Konzept von Bio-Landwirt Klaus Bird. Warum demnächst auch andere auf seinem Land Zuckererbsen, Pastinaken, Möhren, Kartoffeln, Spinat, Kürbis und Radieschen pflanzen dürfen, erklärt er so: "Die Leute sollen den Wert der Produkte erkennen und lernen, dass Biogemüse eben nicht so makellos ist, wenn es aus der Erde kommt." In Kamp-Lintfort bewirtschaftet Bird eine Fläche, die etwa so groß wie 90 Fußballfelder ist, auch ein Hofladen gehört dazu. Für ihn sei das Projekt mit den Ackerhelden "ein guter Nebenverdienst". "Sie pachten die Fläche inklusive Bodenbearbeitung und nachher habe ich damit nix mehr zu tun, weil die Leute ihre Äcker selber pflegen und ernten." Für Susanne Seitter hat sich die Saison rückblickend gelohnt. "Dreckig und stolz" war sie nach der Ernte, erzählt sie. Auch mit den Feldnachbarn lief es gut. "Man tauscht sich aus, was besonders lecker ist und fragt sich, ist das Spinat oder was anderes? Aber es gibt Bilder vom Gemüse für ganz Ahnungslose." Und noch eine Sache findet sie herrlich am eigenen Mietacker: "Man hat die Produktivität in der Hand, das ist schon sehr schön." Für nächstes Jahr hat sie die Miete schon gezahlt. Weitere Informationen zu den Ackerhelden und den Mietfeldern in Kamp-Lintfort gibt es unter www.ackerhelden.de im Internet. Wer sich noch bis zum 15. November registriert, bekommt einen Acker zum Frühbuchertarif.

(RP)
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