Freiräume für die Kunst in Moers

Kultur in der Grafschaft : Becker Schmitz und die Kunst in Moers

Der Begründer des Moerser Atelierhauses möchte sich mit Ideen und Innovationen für die Kunst und Kultur in der Grafenstadt stark machen.

Vor gut drei Jahren kehrte er zurück nach Moers, wo er 1980 geboren wurde, der Künstler Stefan-Reinhard Becker-Schmitz. Hierzulande wird er eigentlich nur Becker Schmitz genannt. Seine Studenten hingegen, die er an der Hochschule der bildenden Künste in Essen unterrichtet, nennen ihn bei seinem Spitznamen „Bizzy“, abgeleitet aus dem englischen Wort für „busy“ (fleißig, emsig, beschäftigt). Denn unter dem Pseudonym „Bizzy Smith“ postet er auf Facebook. Doch so oder so, ob als Becker Schmitz oder „Bizzy“, der studierte Maler hat viele Ideen in Sachen Kunst, Kultur und Bildung für seine Heimatstadt mitgebracht. Das wohl wichtigste Projekt war die Gründung des ersten Atelierhauses für Künstler in der Grafenstadt. Zusammen mit dem Ehepaar Martina und Harald Hüskes, die das Naturfreundehaus in Vinn als solches lange Zeit betrieben, und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Atilla Cikoglu schufen sie Ende 2017 das „Atelierhaus Moers“.

Derzeit arbeiten dort sieben bildende Künstler aus der Region. Sein zweites, mindestens ebenso ambitioniertes Projekt war die Errichtung des ersten Museums für zeitgenössische Kunst in der Stadt. Mit der Installation „Der Letzte bleibt am Wagen“ von Kai Richter eröffnete im November am Atelierhaus zugleich das „Museum für zeitgenössische Kunst in Moers“ (MZKM) seine Pforten. Es ist das vielleicht kleinste Museum in Nordrhein-Westfalen, aber das wahrscheinlich eigenwilligste. Denn der Kunstraum für nationale und internationale Gastkünstler ist ein zu einem sogenannten „White Cube“ umgebauter Bauwagen, der wegen seiner Mobilität in der Lage ist, nicht nur seine Besucher zu empfangen, sondern auch diese mit Kunst zu besuchen. „Das MZKM ist ein spannendes Novum, das Kultur als Gut versteht und in unserer Region für ein Alleinstellungsmerkmal sorgt.“ Diese Marke wolle er weiter ausbauen und als Katalysator für weitere Innovationen nutzen, um Moers attraktiver und lebenswerter zu machen. Es müssten aber noch weitere Räume für Kulturakteure von morgen und übermorgen entstehen, als auch neue Formen der Partizipation für Alte in den Fokus genommen werden, sagt er. Erfahrungen dafür bringt er mit, denn als Projektleiter des „FutureLab“ in Essen untersucht er die Schnittstellen von Kunst, Kultur und Technik. „Darin liegt eine große Zukunft für Moers. Sowohl auf der Homberger Straße als auch in Meerbeck gibt es zahlreiche Leerstände, die mit wenig Aufwand als Innovationsräume für kulturelle Prozesse nutzbar sind“, so der 38-Jährige. Überhaupt, so ist Becker Schmitz der Meinung, fehlten in Moers „Freiräume für künstlerisches, selbstbestimmtes Handeln von Menschen. „Wir brauchen ein Soziokulturelles Zentrum, das seinem Namen gerecht wird und als Experimentier- und Forschungslabor in der Weise agiert, dass neue Ideen erwünscht sind und Scheitern als Option für ein positives Ereignis, als auch als Chance gesehen wird.“

Insofern sieht Becker Schmitz auch sich selbst in der Verantwortung, beispielsweise an der Umsetzung einzelner Handlungsempfehlungen mitzuwirken, die der beschlossene Kulturentwicklungsprozess (KEP) „Zukunft Kultur Moers“ hervorgebracht hat. Dazu zähle seinen Angaben zufolge vor allem die Verständigung mit dem Kulturbüro darüber, neben der Musik und dem Theater eine dritte Kreativ-Säule in Moers mit der Bildenden Kunst zu entwickeln und zu etablieren. „Neben dem neuen Atelierhaus und dem MZKM brauchen wir darüber hinaus einen repräsentativen Schauraum, ein großes Kunsthaus für zeitgenössische Kunst, das auch Moerser Künstlern erlaubt sich mit ein zu bringen.“

Ein wesentlicher Leitsatz fehlt Becker Schmitz sowohl im Abschlussbericht des KEP, als auch in den 34 Handlungsempfehlungen: „Nirgendwo taucht das Wort und die Haltung von einer ‚Kultur des Ermöglichens‘ auf. Voraussetzung dafür wäre die ‚gleiche Augenhöhe‘ zwischen Kulturschaffenden und Kulturverwaltung beziehungsweise Kulturpolitik sowie institutionell geförderten öffentlichen Kultureinrichtungen und projektgeförderten freien Trägern und der ‚Freien Szene‘. Hier wäre ein stärkeres Miteinander zielführend und in Zeiten des knappen Kulturetats in Moers sinnvoll, um beispielsweise mehr Drittmittel für die bildende Kunst der Grafenstadt zu akquirieren.“ Sein (vorläufiges) Fazit zur Standort- und Zukunftsbestimmung von Kunst und Kultur in Moers lautet: „Wir alle sind Teil des kulturellen Lebens und genau darin liegt eine große Chance, die wir als Kultur- und Landmarke vorantreiben müssen. Eine Marke, die uns und unseren Kindern gestalterische Räume ermöglicht und über die regionalen Grenzen hinaus bekannt machen wird.“

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