Rheurdt: Frau Hong erklärt Chinesen Deutschland

Rheurdt: Frau Hong erklärt Chinesen Deutschland

Die Schaephuysenerin Li Hong macht ihr Dorf im fernen Peking bekannt. In zwei Büchern schildert die Journalistin ihren ehemaligen Landsleuten das Leben am Niederrhein sowie Politik und Gesellschaft in Deutschland.

Hört man Li Hong zu, könnte man meinen, Deutschland sei ein Traumland. "Das ist es auch", sagt sie. Die hiesige Wirtschaft, die Gesetze, das Sozialwesen - für das alles kann sich die 59-Jährige begeistern. Und die Deutschen selbst: "Sie gelten als ernst, arrogant und humorlos. Aber das stimmt gar nicht." Li Hong möchte, dass möglichst viele Chinesen dies erfahren. Bei einem Verlag in Peking hat sie zwei Bücher veröffentlicht. Eines über "deutschen Charakter und Charme", ein anderes über das "idyllische dörfliche Leben" in Schaephuysen, wo Li Hong seit 20 Jahren zusammen mit ihrem Mann Wolfgang Kalischke lebt.

Die 59-Jährige stammt aus Fushun, einer Industriestadt im Norden Chinas. Li Hong war dort Universitätsdozentin. 1991 kam sie nach Deutschland. "Ich wollte in Duisburg Chemie studieren." Aber das Studium brachte sie nicht zu Ende. Stattdessen schlug sie sich mit verschiedenen Jobs durch, bis sie 2007 zur in Frankfurt erscheinenden Chinesischen Handelszeitung stieß. Als deren Redakteurin berichtet sie seither für Chinesen, die hier leben, über Deutschland. Ihre Bücher richten sich dagegen an die Menschen in ihrer Heimat. Dort gebe es jede Menge Deutschland-Reiseführer. "Schloss Neuschwanstein ist bekannt, aber kaum jemand weiß etwas über die Menschen und den Alltag."

Wenn nun jemand im fernen Peking das Schaephuysener Heimatlied trällert, dann liegt es wohl an Li Hongs Büchern. Eine Freundin hat die Verse ("Dort wo am Fuß des Berges tief verborgen/ Schaephuysen wie ein stilles Veilchen blüht . . .") ins Chinesische übersetzt. In das Dorf hatte sich Li Hong auf den ersten Blick verliebt. "Es war Frühling, auf der Wiese blühten die Blumen, die Vögel sangen. Ich kam aus einer Industriestadt, und dies war mein Traumort." Die Gegenliebe einiger Dörfler sei anfangs ausbaufähig gewesen. "Aber es lag an mir selbst. Mein Herz war verschlossen. Man muss es öffnen, dann stößt man auf Freundschaft und Freundlichkeit." In ihrem Buch über das "dörfliche Idyll" schreibt Li Hong über Feste, Traditionen, die vielen netten Nachbarn, die Schaephuysener "Mitfahrerbank", das Vereinswesen. Nie sei der Deutsche ernster und gewissenhafter als bei einer Jahreshauptversammlung, findet Li Hong. "Bei den Versammlungen unseres Tischtennisvereins wundere ich mich, wie streng es zugeht. Dabei ist es doch nur ein Spiel, ein Hobby."

In den Verein hat ihr Mann sie gelotst. "Er sagte: Alle Chinesen spielen doch Tischtennis!" Li Hong wusste damals gerade, wie man den Schläger hält. Aber sie hat dazugelernt. Am Verein mag sie die Geselligkeit. "Radtouren, Grillen, Nikolausparty. Das macht Spaß." Ihr Buch hat sie mit vielen privaten Fotos illustriert. "Das ist mein Hobby. Ich bin immer mit der Kamera unterwegs."

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Li Hongs anderes Buch behandelt weniger das Dorfleben als Deutschland allgemein. Es geht um Umweltschutz, Mülltrennung, den Besuch in einer Kläranlage, das deutsche Gesetz- und Sozialwesen, die - man höre und staune - ausgeprägte deutsche Lesekultur sowie die Lebensmittelkontrolle. "Hier hat jedes einzelne Ei seine eigene Nummer!" Die an Geschichte und Traditionen interessierte Autorin stellt auch eine Studentenverbindung aus Aachen, wo ihr Sohn studiert hat, vor. "Da geht es zu wie im Mittelalter, das ist lustig."

Breiten Raum widmet Li Hong der Kindererziehung. "In chinesischen Kindergärten lernen die Kinder ab drei Jahren schon Rechnen, Schreiben und Englisch. Es gibt, wie auch später in der Schule viele Hausaufgaben, und die muss man auch machen." Viele Eltern fänden das gut, weil sie glauben, dass dies die Zukunftschancen ihres Kindes steigere. "In China darf nicht jeder studieren, man muss vorher eine staatliche Prüfung ablegen", berichtet Li Hong. Dass in Deutschland Kinder einfach Kinder sein dürfen - Li Hong begrüßt dies sehr. Wie sie überhaupt das hiesige Bildungssystem lobt. "Von der Grundschule bis zum Studium ist es für die Familien kostenfrei." In China sei dies undenkbar.

Auch dass Deutschland Flüchtlingen freundlich aufnimmt und nach Katastrophen in aller Welt die Staaten unterstützt, erfahren ihre Leser von Li Hong. Ja gibt es denn gar nichts, was sie zu kritisieren hätte? "Da muss ich nachdenken . . .", antwortet die Schaephuysenerin, um nach ein paar Sekunden mit einem Lächeln fortzufahren: " . . . aber die Vorteile überwiegen!"

(RP)
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