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Fragen und Antworten zur geplanten Umstrukturierung der Notfallversorgung im Kreis Wesel

Fakten & Hintergrund : Das sind die Pläne für die Notfallversorgung

Die Notfallversorgung im Kreis Wesel soll neu strukturiert werden. Fragen und Antworten dazu hat unsere Redaktion zusammengetragen.

Es ist eine einschneidende Veränderung, die die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein plant. Wie berichtet, will sie den ärztlichen Notdienst im linksrheinischen Teil des Kreises Wesel am Bethanien-Krankenhaus in Moers konzentrieren. Das hätte zur Folge, dass es in Kamp-Lintfort, Rheinberg, Sonsbeck, Alpen und Rheurdt künftig keinen ärztlichen Notdienst mehr gibt. Die Notfallpraxis in Moers wäre dann Anlaufstelle für rund 220.000 Menschen. Gegen die Pläne regt sich politischer Widerstand. Unsere Redaktion hat Fragen und Antworten zum Thema Notfallversorgung zusammengefasst.

Wie ist die Notfallversorgung in Moers organisiert? Seit 2008 existiert eine Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung auf dem Gelände des Bethanien-Krankenhauses. „An diesem System sind aktuell 130 niedergelassene Ärzte angeschlossen“, erklärt der ärztliche Direktor des Bethanien, Thomas Voshaar, der das Projekt damals mit ins Leben gerufen hat. Im Schnitt würden dort derzeit zwischen 1300 und 1500 Patienten pro Monat behandelt.

Wie gestaltet sich der Notdienst praktisch? „Jeder Notfall oder vermeintliche Notfall wird versorgt, damit diese Personen nicht in die Krankenhäuser gehen, die für die ambulante Versorgung nicht vorgesehen sind“, betont der Moerser Allgemeinmediziner Ronald Gruener, der seit Jahren Teil des Moerser Notdienstsystems ist. Offene Platzwunden und Unfälle gingen direkt ins Krankenhaus. Die Fälle, bei denen Menschen mit Herzinfarkt oder schweren Magen-Darm-Problemen kämen, seien selten. Viel zu tun sei immer. „Über Weihnachten und an den Feiertagen haben wir von morgens um 9 bis abends um 22 Uhr teilweise 150 bis 170 Menschen da gehabt“, berichtet Gruener. „An normalen Wochenenden sind es in der Erkältungszeit 80, sonst zwischen 50 bis 60 Patienten. Der Vorteil einer Notfallpraxis direkt am Krankenhaus ist, dass man auf jeden Fall auf kurzem Weg ins Krankenhaus gehen kann. Wir sind auch an das Reanimationsteam dort angeschlossen.“ 50 bis 60 Prozent der Patienten könnten aus ärztlicher Sicht mit ihren Anliegen auch zum Hausarzt gehen, schätzt der Arzt.


Wie soll der Notfalldienst in Zukunft gestaltet werden? Die Kassenärztliche Vereinigung plant eine Konzentration des Notfalldienstes am Standort Moers. „Das kommt definitiv ab dem 1. April“, sagt Thomas Voshaar. Dazu werde die KV-Praxis vergrößert. „Wir bauen um, und zwar so, dass es dreimal mehr Behandlungs- und Warteräume als jetzt dort gibt.“ Der Umbau soll im Mai 2020 abgeschlossen sein. „In fünf bis sechs Jahren soll am Bethanien ein komplett neuer Baukörper entstehen, der den Notdienst des Krankenhauses und der Notfallpraxis in einem Raum vereint“, sagt der Vorsitzende der KV-Kreissstelle Wesel, Michael Weyer. In Dinslaken gebe es das seit Oktober 2019 schon und auch in Wesel existierten entsprechende Pläne. Voshaar spricht für Moers von einer baulichen Umsetzung dieser „Ein-Tresen-Lösung“ zwischen 2023 und 2025.

Was sagt die Politik? Massive Kritik an den Plänen der KV kam im vergangenen Jahr von der Stadt Kamp-Lintfort und der SPD, die die Versorgung vor Ort – zum Beispiel am St. Bernhard-Hospital – für dringend geboten hält. Das Hospital, heißt es, habe grundsätzliche Bereitschaft zur Einrichtung einer Notfallpraxis signalisiert. Der SPD-Landtagsabgeordnete René Schneider übt scharfe Kritik an der aktuellen Entwicklung. „Das ist eine Verschlechterung für die Menschen vor Ort, vor allem für die älteren“, sagt er. Denn eine große, zentrale Notfallpraxis bedeute in diesem Fall für einen Großteil der Patienten mehr Wartezeiten und längere Wege. Die KV bevorzuge eigenmächtig den Standort Moers.

Wie argumentieren die Befürworter? Die Kassenärztliche Vereinigung sagt: Es geht nicht anders. „In Rheinberg gibt es eine Notfallpraxis, die nicht mehr den Kriterien entspricht, die gefordert sind“, erklärt KV-Vertreter Weyer. „Und in Kamp-Lintfort haben wir das Problem, dass wir das vom Personal her nicht mehr schaffen.“ In Moers, sagt Weyer, könne man die Kollegen der Nachbarstädte mit in die Notfalldienste einbinden. „Und die Menschen, die sich nicht gut selbst fortbewegen können oder krankheitsbedingt nicht in der Lage dazu sind, können den bestehenden Fahrdienst nutzen oder über die 116 117 gehen. Der Kollege dort entscheidet dann über den Hausbesuch.“ Der Allgemeinmediziner Grüner ist sich sicher, dass sich gar nicht so viel verändern wird. Dadurch, dass die Notfallpraxis lange Öffnungszeiten habe und die Praxen in Rheinberg und Kamp-Lintfort nur stundenweise geöffnet hätten, seien ohnehin schon viele Patienten aus der Region nach Moers gekommen, sagt er. 220.000 Menschen notfallmäßig zu versorgen, sei auf jeden Fall möglich, betont Voshaar. Denn: So kämen zu den derzeit 130 angeschlos-senen KV-Ärzten weitere 80 für die Dienste dazu.

Was ist mit der Notfallversorgung für Kinder in Moers? Ein großes Problem ist der nicht existierende kinderärztliche Notdienst. „Das Hauptproblem ist die geringe Anzahl der Kinderärzte“, sagt Weyer. Damit könne man keinen flächendeckenden Notdienst organisieren. Das sieht auch der Moerser Kinderarzt Thomas Geerkens, seit kurzem stellvertretender Obmann der Kinderärzte für die Kreise Wesel und Kleve, so. Bei insgesamt 35 bis 40 Ärzten in beiden Kreisen – und davon nur sechs in Moers – sei ein Aufbau schwierig.

Was gibt es für Pläne?
Der Vorschlag der Kinderärzte lautet, in Kooperation mit den Kinderkliniken Moers, Geldern, Kleve, Wesel und Dinslaken gemeinsam Notfalldienste zu organisieren und sich die Arbeit zu teilen. Diesbezüglich warte man auf eine Rückmeldung der KV, sagt Geerkens. Auch Thomas Voshaar vom Bethanien hält die kinderärtzliche Versorgung für ein „Riesenproblem“ und eine „Herausforderung.“ Man habe eine „unfassbare große Zahl an Notfällen in der Kinderklinik“. Die Logik eines Zusammenwirkens der Kinderärzte mit dem Krankenhaus sei zwingend, so Voshaar. „Wenn man das für Erwachsene an einem Tresen und in gemeinsamen Räumlichkeiten macht, warum soll das für die Kinder nicht sinnvoll sein? Man muss halt darüber reden, wer das bezahlt. Eine Entlastung wäre es auf jeden Fall.“