Moers: Festivalexpress: Hier steigt jeder mal ein

Moers : Festivalexpress: Hier steigt jeder mal ein

Wem am Wochenende vom Erkunden des Festivalgeländes die Füße schmerzten, der konnte mit der Bimmelbahn gemütlich den Park, das Schloss und die Innenstadt erreichen. Ob Musiker, Jazz-Fan oder Moersliebhaber - den Festivalexpress nutzte jeder mal.

Mit großen Augen betrachtet eine junge Frau, die sich ihren Hut tief ins Gesicht gezogen hat, den dunkelgrünen Moers-Festivalexpress - eine Bimmelbahn, deren Seiten schwarze und gelbe Ballons zieren. "Wohin fahren Sie?", fragt sie Christian (49), der, an die Fahrertür gelehnt, auf die nächste Abfahrt wartet. Er stutzt kurz, erklärt der Amerikanerin dann in gebrochenem Englisch, dass er durch den Park, am Schloss vorbei, in die Innenstadt fährt - und dann wieder zurück. Die Frau nickt. "Wie viel kostet das?", fragt sie, aber der Fahrer versteht sie nicht. "Euros?", fragt sie immer wieder, bis ein Fahrgast die Frage übersetzt. "Sorry", sagt Christian. "It's free." Lächelnd steigt sie in das Anhängerabteil gegenüber einer kleinen Familie.

Das dreiköpfige Eltern-Tochter-Gespann aus Repelen hat vor der Fahrt ebenfalls Erkundigungen eingeholt, denn Mutter Diana (45) ist auf einen Rollator angewiesen. "Können Sie am Neumarkt länger halten, damit wir genügend Zeit haben zum Aussteigen?", hatte Tochter Lea (18) gefragt, und Christian sicherte ihnen freundlich zu, dass er dort sowieso eine Minute stehen bleibe und auf ihre Situation besonders Acht geben werde. "Das ist wirklich ein netter Mann", findet Diana und ihr Mann Ingo nickt. Als sich der Express mit 15 Kilometern pro Stunde in Bewegung setzt, beginnt Ingo sogleich zu filmen: "Damit jeder mal sieht, wie schön Moers ist." Allerdings war aus seiner Sicht früher einiges besser: "Es gab mal einen Mittelaltermarkt, der den Schlosspark einmal im Jahr belebt hat, bis sich die Anwohner über die Ruhestörung nach 22 Uhr beschwert haben. Und seit das Festival nicht mehr im Stadtpark stattfindet, hat es an Attraktivität verloren." "Trotzdem gibt es immer wieder coole Ideen, mit denen das Fest aufgepeppt wird", sagt Lea. "Die Bimmelbahn ist super." Als die langsam an einer der Schlossparkwiesen vorbeifährt, singt ein junger Mann gerade "Das, was du als Heimat kennst, ist stets in mir vereint".

In der Innenstadt steigen Janine (53) aus Moers und Wolfgang (61) aus Duisburg zu, die mit dem Express mal eine andere Perspektive auf die Grafenstadt einnehmen wollen. Die Laune der beiden Freunde könnte nur besser sein, wenn sie gleich die Trommelgruppe wiederfinden würden, die sie vor zwei Stunden auf dem Festivalgelände verloren haben. "Das Getrommel hat die Musik im Festzelt übertönt, deshalb wurde die Gruppe weggeschickt. Keine Ahnung, wo sie hingegangen ist", sagt Janine. "Aber die finden wir wieder. Und dann möchte ich auch Trommeln lernen."

Währenddessen sieht die junge Amerikanerin mit dem Hut, Meredith Axelrod (34), zum zweiten Mal Innenstadt, Park und Schloss an sich vorbeiziehen. "Die alten Häuser hier sind so wundervoll, besonders mein Hotel Dampfmühle", schwärmt sie und lacht über den Namen. Trotz einiger Schwierigkeiten am Flughafen - ihr Koffer ist bis heute nicht angekommen - fühlt sich die Folk-Sängerin und Festival-Interpretin aus San Francisco in Moers wohl. "Die Organisatoren sind toll. Es ist nicht ihr Problem, dass mein Koffer verschwunden ist, aber sie verhalten sich so, als sei es ihres und helfen mir." Losgelöst steigt sie auf dem Festivalgelände aus der Bimmelbahn - befreit vom Kofferstress und Lampenfieber.

(jma)