Moers: Fast schon kitschig schön

Moers: Fast schon kitschig schön

Ehemalige Hüttenwerk-Mitarbeiter kämpften mit Erfolg dafür, dass ihre stillgelegte Hütte nicht abgerissen wird. Heute ist der Landschaftspark-Nord das touristische Highlight Duisburgs.

Anfang der 1980er Jahre nahm ich eher widerwillig die Einladung eines Betriebsrates an, mir das Hüttenwerk in Meiderich anzuschauen. Aufgrund ähnlicher Rundgänge im Bruckhausener Thyssen-Werk wusste ich, dass ich an diesem sonnigen Tag besser keine Sandalen anziehen sollte, wollte ich mir die Schuhe nicht ramponieren. Denn mir war klar, dass mich schmutzige Wege durch staubige Hallen und vorbei an lärmenden Produktionsanlagen erwarten werden.

Ganz ehrlich: Wirklich verstanden habe ich damals nicht, wieso durch die pure Zugabe von Zutaten aus einfachem Roheisen ein hochgerühmtes Spezialprodukt wird. Aber es war wohl so. Denn das Hüttenwerk galt als Apotheke für anspruchsvolle Thyssen-Kunden mit ganz speziellen Extrawünschen. "Die machen uns die Hütte bestimmt bald dicht", raunte mir mein Begleiter zu, dem die damalige Stahlkrise mächtig Bauschmerzen bereitete. Denn er hatte Recht. Mitte der 1980er gingen die Feuer in Meiderich aus.

Foto: Thomas Berns

Mir war völlig unverständlich, aus welchem Grunde einige der dort Beschäftigten mit aller Macht und mit ganz viel Herzblut verhindern wollten, dass "ihr" Werk abgebrochen wird. Dreck, Gestank, Lärm - nichts Positives zeichnete aus meiner Sicht das Areal aus. Wofür also kämpfen? Die Visionen dieser Stahlkocher, dass dort Menschen ihre Freizeit verbringen und sich erholen könnten, waren für mich nicht mehr als Gehirngespinste.

Sorry! Ich habe mich getäuscht. Meine Phantasie hat damals nicht ausgereicht! Die Ideen der Stahlarbeiter flossen in eines der Projekte der Internationalen Bauausstellung Emscherpark, kurz IBA, ein - und wurden umgesetzt.

Foto: Christoph Reichwein

Im vergangenen Jahr setzte sich der Landschaftspark erstmals an die Spitze der besucherstärksten Orte in Duisburg. In Nordrhein-Westfalen rangiert er angeblich bereits hinter dem Kölner Dom auf Platz zwei. Mehr als eine Millionen Menschen haben sich allein 2017 auf dem einstigen Industrieareal vergnügt und entspannt, der ein Freizeitpark nicht nur für Industrie-Romantiker geworden ist.

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Auf einem ehemaligen Hochofen zu steigen - wo ist das sonst schon möglich? In den alten Möllerbunkern zu klettern - einmalig. Im gefluteten Gasometer 13 Meter in die Tiefe zu tauchen und eine Unterwasserwelt zu entdecken, in der es ein altes Flugzeug ebenso gibt wie die kleine Maus aus der gleichnamigen Kindersendung - ein unvergleichlicher Reiz für Freunde dieses Sports. Zu den neusten Angeboten gehört ein Kletterparcours für Schwindelfreie, bei dem die (gut gesicherten) Mutigen auf dem Seil nichts mehr neben und über sich haben, an dem sie sich zur Not feshalten könnten. Rundum nur Luft und ein einzigartiger Ausblick über Duisburg.

Das Aktionsfeld für die Landschaftspark-Besucher ist schier unendlich und schließt keine Altersgruppe aus. Nicht immer ist so viel Mut nötig, wie beim Klettern. Selbst ein harmloser Spaziergang oder eine entspannte Radtour durch das weite Areal versprechen viel Abwechslung und Raum für Entdeckungen (zum Beispiel die der Pflanzen- und Tierwelt, die sich diese Industriebrache nach und nach zurückerobert hat).

Spezielle Führungen durch das einstige Werk sind ein Renner und helfen, die Geschichte zu begreifen und den Wandlungsprozess nachzuvollziehen. Zu den besonders gefragten Rundgängen gehören die mit Stirnlampe in der Dämmerung und in der Nacht, wenn das einstige Werk in buntes Licht getaucht ist. Die Installation des Lichtkünstlers Jonathan Park ist atemberaubend und fast schon so kitschig schön, wie das illuminierte Schloss Neuschwanstein. Es gibt kaum einen Werbeprospekt für Duisburg, in dem das in blaues, grünes, gelbes und rotes Licht gehüllte Industriedenkmal nicht abgebildet wird.

Viele Besucher zieht es in den Landschaftspark-Nord in die riesige Kraftzentrale. Dort finden übers Jahr verteilt fast ständig Events statt. Manchmal wird die Halle von internationalen Konzernen für Firmenfeiern gebucht. Für den amerikanischen Chemiekonzern Dow Chemical zum Beispiel zauberte dort vor einigen Jahren der weltbekannte David Copperfield, wobei in die festlich geschmückte Halle ausschließlich ausgesuchte Gäste gelassen wurden. Meist im Verborgenen laufen auch die zahlreichen Filmaufnamen, bei denen der Landschaftspark Kulisse und Bühne zugleich ist. Regelmäßig werden hier aber auch für ein breites Publikum kulturelle Highlights gesetzt, so beim jährlichen Traumzeitfestival. Bei besucherstarken Messen werben Winzer für ihre Produkte, stellen Aquarianer Neuheiten vor oder bieten Kunstgewerbler ausgefallene Artikel für die Advents- und Weihnachtszeit an. Das mehrwöchige Sommerkino vor der Kulisse des Hochofens hat rein rechnerisch schon jeder Duisburger mindestens einmal besucht. Und selbst ein Haufen Sand wird zum Event, wenn er (wie in den beiden vergangenen Jahren) von Künstlern zur größten Burg der Welt verarbeitet wird.

Ein Tag im Landschaftspark - der reicht für Ortsfremde gerade mal, um einen oberflächlichen Eindruck von dem Industrie-Freizeitpark zu bekommen. Und für all die damaligen Kritiker wie mich? Wir genießen still, freuen uns und schütteln immer noch ungläubig den Kopf...

(RP)