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Familienberatung in Zeiten von Corona

Interview mit Rainer Moll von der Caritas : „Tagesstruktur ist jetzt enorm wichtig“

In Zeiten von Corona kann das Familienleben anstrengend sein und zu vielen Konflikten führen. Rainer Moll, Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugend und Familie bei der Caritas Moers-Xanten, erläutert, welche Probleme jetzt entstehen können und gibt Tipps, wie Familien gut durch die Corona-Krise kommen können.

Herr Moll, die Corona-Krise stellt Familien vor besondere Herausforderungen. Viele Familien sind nun gezwungen den Alltag auf engem Raum zu verbringen. Da entstehen leicht Konflikte. Suchen Familien nun vermehrt Rat bei Ihnen?

Rainer Moll Aktuell können wir noch keine nennenswerte Erhöhung der Anmeldezahlen verzeichnen. Dies ist aber nur noch eine Frage der Zeit. Wenn die Kontaktsperre und die Schließung der Schulen und Kitas weiter anhält, werden sich die Konflikte in den Familien potenzieren. Wir haben selbst das Problem, dass wir derzeit keine Face-to-Face-Beratung mehr anbieten können, sondern ausschließlich auf Telefon- oder E-Mail-Beratung zurückgreifen müssen. Anfangs dachte ich, dass das nicht funktioniert, aber sowohl die Ratsuchenden als auch die Berater haben sich schnell angepasst. Die Menschen werden flexibler.

Welche Konflikte können in Familien durch die derzeitige Situation entstehen?

Moll Zurzeit stoßen in den Familien alle Menschen mit persönlichen Belastungen aufeinander. Die Eltern können nicht arbeiten gehen oder befinden sich im Homeoffice, andere werden von Existenzängsten geplagt. Freizeitaktivitäten, die Anspannungen kompensieren könnten, sind weggefallen oder können nicht durchgeführt werden. Auch Freunde zu treffen ist unmöglich. Kinder sind mit ihrem enormen Bewegungsdrang auf die Wohnung beschränkt und – so unwahrscheinlich es klingt – den meisten Schülern fehlt die Schule als Ort der sozialen Gemeinschaft und der Tagesstruktur. Kindern und Jugendlichen fehlen die Freunde und die Peergroup. Das alles erzeugt eine Gemengelage von Reizbarkeit, Aggression und blank liegenden Nerven auf allen Seiten. Eine hochexplosive Mischung. Da können dann Kleinigkeiten zum berühmten Tropfen werden, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wir sprechen hier von einer absoluten Ausnahmesituation.

Verschärfen sich bereits vorhandene Probleme durch die aktuelle Lage?

Moll Unbedingt! Wenn in familiären Systemen auch vorher schon viele Belastungssituationen vorherrschten, dann werden diese verstärkt durch die oben genannten Faktoren. Und es kommen neue hinzu. Das Problem ist, dass wir davon ausgehen, dass die Kinder die Reaktionen ihrer Eltern nicht verstehen, weil sie die Sorgen um Arbeitsplatz etc. nicht nachvollziehen können und müssen. Andererseits verstehen auch viele Eltern ihre Kinder nicht mehr, weil sie durch die Ganztagsbetreuung auch weniger Kontakt zu ihren Kindern haben und sie unter den neuen Bedingungen erst wieder neu kennen lernen müssen.

Im engsten Kreis für einen längeren Zeitraum zuhause bleiben – aus anderen Ländern, in denen die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus schon länger greifen, sind die Fälle häuslicher Gewalt in diesem Zeitraum gestiegen. Befürchten Sie, dass auch hier die häusliche Gewalt ansteigen wird?

Moll Ja! Wir haben diese Befürchtungen und hinzu kommt außerdem, dass diese Gewalt oder auch die Kindeswohlgefährdungen derzeit kaum öffentlich bekannt werden können, weil Einrichtungen der sozialen Kontrolle, wie zum Bespiel Schule, Kita, Großeltern und Nachbarschaft, keinen Zugang mehr zu den Kindern haben. Die Tatsache, dass Familie aktuell im Verborgenen lebt, erhöht das Risiko von Kindeswohlgefährdungen und häuslicher Gewalt massiv.

Was können Eltern tun, um Kindern die momentane Situation zu erklären?

Moll Man findet im Netz schöne Ideen, wie man kleinen Kindern dieses abstrakte Phänomen der Coronainfektion erklären kann. Eine Idee fand ich besonders charmant. Man gibt dem Kind einen Klecks von Hautcreme auf die Nase und erklärt, dass das Kind die Creme an andere Personen verschmiert, wenn sie ihnen begegnet, so hat dann auch die Oma, die Freundin oder die Erzieherin die Creme im Gesicht, wenn das Kind mit denen schmust und so verbreitet das Kind die Creme auf andere Personen.

Der Umgang von Jugendlichen mit sozialen Netzwerken wird oft kritisch gesehen. Welche Rolle spielen diese gerade jetzt für junge Leute? Können sie ein Ersatz für Treffen mit Freunden sein?

Moll Es ist wichtig, Jugendlichen und Kindern klar zu machen, dass sie keine vorgezogenen Ferien haben und bis in den späten Mittag schlafen können. Deshalb ist Tagesstruktur für Kinder und Jugendliche enorm wichtig: Frühes Aufstehen, Zeit für Schulaufgaben, Mittagspause und Zeit für Entspannung sowie Soziale Netzwerke. Da der soziale Kontakt zu Gleichaltrigen derzeit in erster Linie über das Handy funktioniert, müssen Sonderregeln besprochen werden, die den Jugendlichen eine größere Zeit an den Geräten ermöglicht, aber trotz allem mit klaren Zeitvorgaben.

Wie kann man entstehende Stresssituationen in der Familie entzerren und was kann man tun, wenn ein Familienstreit eskaliert?

Moll Ein gutes Mittel, Stresssituationen zu entzerren, ist, Stoppsignale einzuführen, aus der Situation gehen und eine Auszeit nehmen. Familien sollten überdies Streit- und Kommunikationsregeln vereinbaren und über Gefühle reden. Abends sollte man den Tag Revue passieren lassen und den nächsten Tag planen. Bei all dem sollte man sich auf die eigenen Stärken besinnen und den Menschen in der Umgebung, deren Stärken vor Augen führen. Für mehr Ausgeglichenheit können Entspannungsübungen, Yoga und viel Bewegung sorgen. Wichtig ist es Rückzugsorte für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Kinder brauchen außerdem jetzt mehr Schmuseeinheiten als sonst. Das Wichtigste ist jetzt aber Toleranz und Nachsicht. Und die Pflege der wichtigsten Elterntugenden: Gelassenheit und Gewalt ächten.