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Interview: "Anderer Ort" steht nicht zur Debatte: Erziehungsverein kippt Märchenfestival

Interview: "Anderer Ort" steht nicht zur Debatte : Erziehungsverein kippt Märchenfestival

Wegen Differenzen mit Dr. Joachim Bürger, dem Besitzer der Alten Mühle auf der Dong, wird die beliebte Veranstaltung eingestellt.

Herr Pfarrer Fricke-Hein, welche konkreten Gründe haben zum Rückzug des Erziehungsvereins aus der Organisation des Märchenfestivals geführt?

Fricke-Hein Dr. Bürger hat erklärt, den Mühlenpark nur unter der Bedingung eines wesentlich höheren Marketingaufwands wieder für das Märchenfestival zur Verfügung stellen. Das kann aber nicht Aufgabe eines gemeinnützigen Sozialunternehmens sein, das ein ganz anderes Kerngeschäft hat.

Gab es diese unterschiedlichen Auffassungen zwischen dem Verein und Herrn Dr. Bürger bereits länger?

Fricke-Hein Ja, bereits nach dem letzten Festival, das aus unserer Sicht ein voller Erfolg war, hat er sich ähnlich geäußert. Insofern hat uns seine Haltung nicht überrascht.

Was würde aus Sicht des Erziehungsvereins gegen eine Ausweitung des Festivals mit mehr Besuchern sprechen?

Fricke-Hein Die ruhige Atmosphäre macht den besonderen Reiz des Festivals aus. Deshalb verträgt die Veranstaltung nicht mehr Zuschauer. Die großen und kleinen Besucher schätzen es sehr, dass die Erzählplätze sehr gut besetzt, aber nicht überfüllt sind. Das wissen wir aus vielen dankbaren Reaktionen begeisterter Märchenfreunde und auch der Erzähler und Sponsoren. In früheren Jahren waren die Zuschauerzahlen übrigens auch nicht höher.

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Gibt es Überlegungen, das Festival an einem anderen Ort stattfinden zu lassen?

Fricke-Hein Nein, solche Überlegungen hat der Erziehungsverein nicht angestellt. Es gibt in der Stadt keinen anderen Ort, der sich so gut für das Märchenfestival eignet wie der Mühlenpark. Deshalb fanden wir es großartig, dass Dr. Bürger sein Grundstück immer wieder kostenlos für das Festival zur Verfügung gestellt hat und sind ihm dafür sehr dankbar.

STEFAN GILSBACH FÜHRTE DAS INTERVIEW

Es war einmal — ein Märchenfestival. Doch glücklich bis ans Ende aller Tage blieb die Zusammenarbeit des Neukirchener Erziehungsvereins mit dem Besitzer des Veranstaltungsgeländes nicht. Gestern kündigte der Verein an, sich als Veranstalter des Festivals zurückzuziehen: "Alle Planungen für 2015 sind eingestellt worden. Der Grund sind unterschiedliche Auffassungen über die Zukunft des Festivals zwischen Dr. Joachim Bürger, dem Eigentümer des Mühlenparks, in dem das Märchenfestival seit 2005 stattfindet, und dem Erziehungsverein." Bürger habe dem Verein mitgeteilt, sein Gelände stehe nicht mehr zur Verfügung, falls es beim bisherigen Konzept bliebe.

Das bestätigte Dr. Joachim Bürger gestern unserer Zeitung. "Vergangenen Freitag erhielt ich die Anfrage des Vereins, ob ich mein Gelände wieder bereitstellen würde. Ich schrieb zurück, dass ich zwiegespalten bin." Der Marketing-Profi ist der Auffassung, dass mit einer rein regionalen Ausrichtung das Potenzial des Festivals verschenkt werde. "Wir hatten überregionale Resonanz, als ich damals die Idee nach Deutschland geholt habe", sagt er. Er selber habe an dem Festival nie einen Cent verdient. "Ich wollte etwas schaffen für die Stadt Neukirchen-Vluyn."

Der Park um die Mühle auf der Dong bot Geschichtenerzählern und -erzählerinnen eine Bühne. Für die besten Darbietungen wurde der Publikumspreis "Goldene Spindel" verliehen. Ab 2011 ging man von einem Jahres- zu einem Zwei-Jahres-Rhythmus über.

Dr. Joachim Bürger zeigt sich enttäuscht über den Besucherrückgang, der sich beim Festival im Jahre 2013 gezeigt habe. Der Erziehungsverein kann das nicht nachvollziehen: "Im letzten Jahr kamen rund 3000 große und kleine Besucher. Das war ein schöner Erfolg." Man solle nicht vergessen, dass seit 2011 — nach der Love-Parade-Katastrophe in Duisburg — strengere Regelungen für große Besucherströme eingeführt worden seien. Dr. Joachim Bürger erinnert sich: "Ich hatte den Eindruck, es wurde nur noch über Sicherheit gesprochen. Aber das Gelände ist doch nicht der Duisburger Hauptbahnhof."

Laut Ulrich Schäfer, dem Sprecher des Erziehungsvereins, lag der Etat für das Märchenfestival in den vergangenen Jahren bei rund 60 000 Euro, die durch Sponsoren- und Eintrittsgelder gedeckt werden konnten. "Nicht eingerechnet ist hier der personelle Aufwand des Erziehungsvereins in der Öffentlichkeitsarbeit, bei Transportdiensten und beim Catering für die Erzähler. Die Stadt hat uns bei der Werbung geholfen und Absperrungen und Schilder aufgestellt", so Schäfer.

Betrübt über das Aus für die Veranstaltung zeigte sich gestern Neukirchen-Vluyns Bürgermeister Harald Lenßen: "Ich bedaure sehr, dass das Märchenfestival zukünftig nicht mehr stattfinden soll. Die Veranstaltung ist ein Höhepunkt für Jung und Alt in unserer Stadt, an der viele Menschen mit Herzblut gearbeitet haben."

Auch wenn unterschiedliche Zielsetzungen anscheinend ein Weiterführen des Festivals verhinderten, hätten die vergangenen Jahre gezeigt, was in Neukirchen-Vluyn möglich sei, meint Lenßen. "Für die gute Arbeit möchte ich allen Organisatoren danken."

(RP)