Moers Erfolgreich gegen kriminelle Mädchen

Moers · Seit fünf Jahren versucht die Polizistin Andrea Margraf, junge Frauen auf dem Weg in die Kriminalität zu stoppen.

 Andrea Margraf weiß, dass der Kontakt zu den Eltern der Mädchen besonders wichtig ist.

Andrea Margraf weiß, dass der Kontakt zu den Eltern der Mädchen besonders wichtig ist.

Foto: kdi

Auf dem Schreibtisch von Polizeioberkommissarin Andrea Margraf (43) liegt ein Brief, geschrieben von einer jungen Frau. Die 20-Jährige berichtet, dass sie sich gerade von dem Vater ihrer wenige Monate alten Tochter getrennt und nun allein eine Wohnung bezogen habe. "Im September schließe ich meine Ausbildung ab. Es läuft alles sehr gut. Vielen Dank", schreibt sie. Solche Briefe hat die Polizistin in den vergangenen fünf Jahren häufig bekommen. Die jungen Absenderinnen: Mädchen, denen die Polizistin auf die rechte Bahn geholfen hat.

Am 1. April 2008 hatte Margraf ihren Dienst als Sachbearbeiterin für Mädchenkriminalität auf der Moerser Polizeiwache aufgenommen. Ihr Zuständigkeitsbereich erstreckt sich auf den gesamten linksrheinischen Teil des Kreises Wesel. Zeitgleich übernahm eine Kollegin in Wesel den gleichen Aufgabenbereich im rechtsrheinischen Teil. Vorangegangen war eine landesweite Entwicklung, die Kriminalisten Sorge bereitet hatte. Der Anteil von Mädchen in bestimmten Deliktsbereichen war deutlich gestiegen. Bei leichter Körperverletzung waren 1996 nur 15 Prozent aller Jugendlichen weiblichen Geschlechts. 2008 waren es bereits 20,1 Prozent. Ähnlich die Entwicklung bei schwerer Körperverletzung. Dort war der Anteil von 11,8 auf 15,7 Prozent gestiegen.

Fünf Jahre später zieht Margraf Bilanz: Sie fällt unter dem Strich positiv aus. 46 Mädchen, die kurz davor waren, zu Intensivtäterinnen zu werden, konnte sie aus dem Programm entlassen, weil sie länger als ein Jahr polizeilich nicht mehr in Erscheinung getreten waren. Oft seien es biografische Zufälle, die ein Mädchen in eine kriminelle Karriere abgleiten, sie dann aber auch wieder herausfinden ließen, berichtet die Polizistin. "Manchmal genügt ein neuer Lehrer, damit ein Mädchen wieder Boden unter die Füße bekommt." In den vergangenen Jahren hat Margraf ein enges Netzwerk mit Schulen, Sozialarbeitern, Kirchengemeinden und Justizbehörden geknüpft. Entscheidend ist aber immer die Beziehung zu den Eltern. "Wenn die nicht funktionieren, wird es schwierig", sagt Margraf.

Sie besucht jede ihrer Klientinnen zu Hause. Oft in Uniform, doch vielfach parkt sie den Streifenwagen eine Straße weiter, wenn sie die Familie nicht in Verlegenheit bringen will.

Mitunter kommt sie sich wie eine Sozialarbeiterin vor. Und wenn sie sagt: "Man musst den Mädchen sagen: ,Du bist mir wichtig.'", dann klingt das auch so. Aber wenn sie erfährt, dass eine Schülerin ein ärztliches Attest gefälscht hat oder Drogen bei ihr entdeckt, dann schreibt Margraf eine Anzeige.

Und wahrscheinlich brauchen die Mädchen, mit denen die Polizistin in ihrem Job zu tun bekommt, genau jene Mischung aus Zuwendung und Konsequenz.

Denn oft sei den Jugendlichen ja gar nicht klar, dass eine "Handy-Abzocke" den Straftatbestand eines schweren Raubes erfüllt. Auch laut Jugendstrafrecht stehen darauf empfindliche Strafen. In der Praxis fallen die Sanktionen der Justiz aber eher verhalten aus. Margraf: "Da würde ich mir manchmal mehr Konsequenz wünschen.

Viele "ihrer" Mädchen kennen sich untereinander, sei es, dass sie der gleichen Clique angehören, sei es, dass sie über soziale Medien vernetzt sind. Nicht selten kommt es so auch zu neuen Delikten. Erst wird im Internet geflachst, dann gepöbelt, schließlich fliegen ganz real die Fäuste.

Die Kommissarin glaubt nicht, dass heute mehr Mädchen gewalttätig werden als vor fünf Jahren. In der Kriminalstatistik sind die entsprechenden Deliktzahlen sogar rückläufig. Aber heute werde oft brutaler zugeschlagen als früher. Auch in dieser Beziehung hätten die Mädchen aufgeholt.

Eine Illusion hat sie während ihrer Arbeit verloren: "Sie können Ihr Kind noch so gut erziehen", sagt sie, "wenn es in die falschen Kreise gerät, kann es doch kriminell werden."

(RP/ac)
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