Moers: Eine Reise nach Istanbul

Moers : Eine Reise nach Istanbul

Die Proben für das Ruhr 2010-Theaterprojekt "Odyssee Europa" haben am Schlosstheater begonnen. Katja Stockhausen und Dramaturg Erpho Bell schreiben für den Grafschafter ein Tagebuch über ihre Theaterreise.

Das Feuerwerk ist kaum verklungen. Am Anfang des Jahres 2010 ist das Kulturhauptstadtjahr fulminant gestartet. Das erste Jahrzehnt endet. Zehn Jahre im 21. Jahrhundert. Zehn Jahre hat das Heer der Griechen Troja belagert, bevor Odysseus mit einem Trick die Stadt vernichten konnte. Auch diese Feier war fulminant — die Griechen mordeten alles Lebendige und ließen keinen Stein auf dem anderen. Mit Blick auf die brennenden Reste Trojas verfluchten die Götter die Griechen. Viele von ihnen starben bald nach ihrer Heimkehr. Genau diese blieb Odysseus als Strafe weitere zehn Jahre verwehrt.

Das Textbuch im Gepäck

Das Kulturhauptstadtjahr beginnt im Schlosstheater mit den Proben zu dem Stück "Perikizi — Ein Traumspiel". 'Perikizi' ist Türkisch und bedeutet Feenkind. So heißt die Hauptfigur des Stückes der türkischstämmigen Autorin Emine Sevgi Özdamar, das in Anlehnung an die Odyssee Homers entstand. Pünktlich zum Beginn der Proben wurde Özdamar in dieser Woche mit der Carl-Zuckmayer-Medaille 2010 ausgezeichnet. Katja Stockhausen, Schauspielerin im Ensemble des Schlosstheaters, spielt die Titelfigur. Das Stück ist eine Reise von Istanbul nach Deutschland.

Auch die Proben an einem Theater sind wie eine Bewegung in den Text. So folgen wir ihr bis zur Premiere am 28. Februar auf ihrem Weg in Özdamars Odyssee-Fassung, ohne dabei Homers Original zu vergessen. Vor dem Probenbeginn stand eine Reise nach Istanbul, lange vorher geplant. Vom 2. bis 6. Januar erkundete Katja Stockhausen die Stadt am Bosporus, mit dem Textbuch im Gepäck. Von hier ist Perikizi aufgebrochen. Auch das historische Troja lag nach Sicht von mehreren Historikern in der heutigen Türkei. Istanbul ist bunt. Sehr viele Menschen auf den Straßen. Eine Stadt an der Grenze zwischen Orient und Okzident. Einkaufsstraßen, wie man sie aus jeder größeren europäischen Großstadt kennt. Daneben, nur eine Straße weiter, Gassen wie aus einer anderen Zeit. Keine Laternen mehr, Esel als Transportmittel oder Menschen mit Sesamringen auf den Köpfen. Eine andere Welt. In dieser Stadt ist Perikizi in den 50er Jahren aufgewachsen.

Ihr Troja liegt höchstens in der Pubertät, ihre Abnabelung mündet in den Aufbruch nach Europa. Ohne Rücksicht auf Verluste. Einen Teil dieser Welt nimmt Stockhausen mit in den Flieger zurück. Dabei hat sie Özdamars Roman "Die Brücke zum goldenen Horn". Der zweite Teil des Romans spielt in Istanbul, genau diesen liest sie jetzt. Beim Rückflug wird er zur Rück- und Vorschau. Odysseus wäre jetzt auf dem Weg zu den Lotophagen — den Lotusessern —, die sich mit der Lotusblüte von der Last der Erinnerung und Sehnsucht befreien. Odysseus prügelt seine Mannschaft zurück auf die Schiffe — er will weiter. Hier treffen sich Odysseus, Perikizi und Katja Stockhausen: nicht zu früh aufgeben, frei sein und leben. Die Proben beginnen an einem Dienstag, 12. Januar: Erstes gemeinsames Eintauchen in Özdamars Stück. Ein bunter Reigen von Eindrücken und Begegnungen. Und die Figur Perikizi versteckt sich erstmal nur hinter Shakespeare-Zitaten — sie will Schauspielerin werden. Keine ideale Grundlage, um eine Figur zu finden. Die Shakespeare-Zitate verfolgen Katja Stockhausen bis in den Schlaf.

Der Kampf in Perikizis Familie in den ersten Szenen ist ein Kampf der Geschichte mit dem Neuen. Eine fremde Lebensart, die aus der Distanz im Spiel unerwartet zu sozialkitsch wird. Was wie spielen? Welche Situation liegt hinter diesem Text? Eine Kurskorrektur wird notwendig. Odysseus bekam vom König der Winde einen Schlauch geschenkt. Neugierige Mitglieder seiner Mannschaft haben diesen leichtfertig geöffnet, als Odysseus schlief. Diese Winde haben die Schiffe zum Ausgangspunkt der Fahrt zurück getrieben — nur: um die Erfahrung der ersten Reise reicher. Die Reise geht weiter.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das Ruhr-Museum auf Zollverein

(RP)
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