Moers Ein surrealer Kosmos

Moers · Das Schlosstheater Moers startete mit großer Literatur in die neue Spielzeit: Rabea Kiel bearbeitete und inszenierte Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" im Schloss. Das Publikum erlebte eine gelungene Premiere.

 Das Ensemble des Schlosstheaters im Bühnenbild von Michaela Springer. Sie hat für Rabea Kiels Inszenierung des Zauberbergs einen surrealen Raum geschaffen.

Das Ensemble des Schlosstheaters im Bühnenbild von Michaela Springer. Sie hat für Rabea Kiels Inszenierung des Zauberbergs einen surrealen Raum geschaffen.

Foto: Schlosstheater Moers

Das Exit-Schild hängt bedeutungsvoll schief. Hans Castorp liegt im Klinikbett, vielleicht irgendwo in einem Lazarett. Er hat Angst davor, nicht "im eigenen Bild sterben zu dürfen, irgendwelchen Fremdbildern ausgeliefert zu werden". Doch es sind gerade die Bilder, die sich im Gedächtnis einprägen und mit denen die junge Regisseurin Rabea Kiel die sprödesten und sperrigsten Passagen des Zauberbergs in ihrer Inszenierung lebendig und greifbar macht.

Sie überzeichnet den unwirklich anmutenden Kosmos, den Thomas Mann im Zauberberg geschaffen hat, sie macht ihn greller und befremdender. Ihr Sanatorium ist eine klinisch-weiße Wand mit unterschiedlich großen Öffnungen, dahinter ein gespenstisch wirkender Raum, so dunkel wie eine Gruft, die Hans Castorp alsbald verschlingen und in sich hineinziehen wird.

Starkes Ensemble

Das puristische Bühnenbild, das Michaela Springer geschaffen hat, mutet an, als befände man sich auf einem spanischen Friedhof mit seinen hohen Wänden und den Schiebegräbern. Im Stück gibt es zwei Seiten: ein Davor und ein Dahinter. Dort befinden sich die Patienten, weltentrückte menschliche Zerrbilder, dekadent und in Watte gepackt.

Die dunklen Augenringe lassen sie wie flüchtige Schatten einer stehengebliebenen, vergangenen Zeit wirken, so als seien sie in der Tat einem Stummfilm entstiegen. In dieser Abgeschiedenheit konfrontieren sie Castorp mit Politik, Philosophie, Wissenschaft und Religion und verhandeln die großen Themen der Menschheit: Liebe, Krankheit und Tod. Rabea Kiel fügt noch ein Thema hinzu: die Zeit.

Der Regisseurin gelingt es, große, spannende und humorvolle Theatermomente auf der kleinen Bühne im Schloss zu erzeugen, auch durch Videosequenzen, wodurch die fratzenartigen Gesichter übergroß ins Publikum blicken. Diese besonderen Augenblicke erschafft sie aber nicht alleine. Das Premierenpublikum erlebte am Freitag ein enorm starkes Ensemble, jederzeit präsent und sehr spielfreudig.

Allen voran Frank Wickermann und Matthias Heße, die in ihren Rollen als Naphta und Settembrini, die ewig widerstreitenden Kontrahenten, sicherlich mit den schwierigsten Part in der Inszenierung übernommen haben: Verneiner und Bejaher, Teufelchen mit roten Hörnern und Engelchen mit Flügeln. Beide haben dieses maliziöse Grinsen, verpacken ihre Lebenstheorien in ein Sabbern und Lispeln. Sie sind die Parodien jeglicher Bildungsbeflissenheit.

Die Stärke des fünfköpfigen Ensembles liegt darin, jederzeit mehrere Rollen zu spielen — auch im Zauberberg: Marieke Kregel gibt die verruchte Madame Chauchat mit perfekt französischem Akzent und ist zugleich die schnatternd-keifende Frau Stöhr. Katja Stockhausen spielt den röchelnden Joachim Ziemßen sehr zurückgenommen und dazu diverse andere kleine Rollen.

Und auch Patrick Dollas empfiehlt sich mit seinem Hans Castorp für weitere große Rollen. Rabea Kiel legt eine kluge Inszenierung vor, die leider im zweiten Teil nach der Pause ein wenig die zuvor geschaffene Spannung verliert.

(RP)
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