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Ein radikaler Moerser – der fromme Gerhard Tersteegen

Gastbeitrag Torsten Maes : Ein radikaler Moerser – der fromme Gerhard Tersteegen

250. Todestag Gerhard Tersteegens (3. April 1769), wer feiert da eigentlich? In der Stadtkirche fand eine Text- und Liederlesung statt. Und eigentlich stockt einem da schon der Schreibfluss. Stadtkirche, Tersteegen?

Der Knabe Tersteegen war sicher mit 14 Jahren zu seiner Konfirmation in der Kirche. Aus einem der alten Abendmahlskelche, die wir heute noch im Gebrauch haben, hat er da vermutlich sein erstes Abendmahl empfangen. Aber ob er die Mülheimer Petrikirche, neben der er später wohnte, je betreten hat, ist zumindest umstritten. Der fromme Pietist Gerhard Tersteegen war kein Kirchenfrommer. Er war ein Individualist und lebte eine sehr persönlich gefärbte Christusfrömmigkeit, die exotische Blüten trieb. Er „heiratete“ Jesus Christus und besiegelte den Bund mit Briefen, die er mit seinem Blut statt Tinte schrieb. Skurril.

Er forderte von den Kirchen Kirchenzucht und bei der Feier des Abendmahls sittenstreng auf den wahrhaftigen Glauben der Gemeinde zu achten. Und der wahre Glaube war für ihn die Überzeugung an einen persönlichen Gott, dem man mit Gebet und züchtigem Leben zu gehorchen hatte. Tersteegens Kirche ist nicht für alle. Er war Pietist und setzte sich von den „normalen“ Christen seiner Zeit ab. Dabei hatte er Verbündete unter den Frommen in vielen Ländern, schrieb eine große Zahl von Briefen in alle Welt und lebte sein alternatives Christentum nicht ohne Seitenhiebe gegen die laxen Kirchen. Konfessionalismus war ihm zuwider, wenn er sich auch seiner Herkunft nach als Reformierter bezeichnete. Seine in der Moerser Lateinschule geförderte Sprachenbegabung kam ihm dabei entgegen. Fromme Bücher schrieb er als Biografien besonders frommer Menschen. Die frommen Gedichtsammlungen wurden auf frommen Lotterien unter das Volk gebracht. Tersteegens Glaube kam aus tiefstem Herzen und erhitzte sich bis ins Extreme. Damit brachte er die offizielle Kirche gegen sich auf. Die erwirkte Versammlungsverbote und Zensur seiner Schriften. Eine Zeit lang wirkte er faktisch im Untergrund, befolgte aber weitgehend die Sanktionen. Er war sicher ein mutiger Mann. Liest man seine Lieder, von denen einige noch im evangelischen Gesangbuch stehen, so wirkt die mystische Glaubenssprache zwar sehr alt. Sein ausgeprägter Individualismus und die schöne und emotionale Dichtung können aber durchaus noch ansprechen. Tersteegen ist für manchen Gottsucher ein Geheimtipp. Mit zunehmendem Alter entwickelte er eine rege medizinische Tätigkeit, richtete eine Apotheke ein und wurde ein vielgesuchter Ratgeber. So verband er praktische Lebenshilfe und das Predigen. In sein Haus wurden Schalllöcher eingebaut, damit die große Zahl von Besuchern auch draußen seinen Reden folgen konnte. Er hatte zeitweise mehr Zuhörer als die Kirche nebenan. Sicher war Tersteegen eine charismatische Persönlichkeit, wenn er auch eher als zurückhaltend beschrieben wurde. So ließ er zu Lebzeiten weder eine Biographie noch ein Bildnis von sich anfertigen. In seinem bekanntesten Lied kommt seine radikal individuelle Frömmigkeit zum Ausdruck:
„Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesu offenbart;
ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.“
Dass ausgerechnet ein Text Tersteegens als gesungenes Gebet Eingang in den großen Zapfenstreich zunächst in Preußen und bis heute bei der Bundeswehr gefunden hat, kann überraschen. Tersteegen war ein Radikaler und ein kirchlicher Außenseiter. Und wenn man das bis heute nicht ungestörte Verhältnis zwischen der offiziellen Kirche und Tersteegens Werk bedenkt, so zeigt seine Dichtung dennoch Wirkung, die über die Besonderheiten seiner Persönlichkeit hinaus strahlt. Dies kann man hervorheben, wenn dieses Mannes gedacht wird.

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Wenn die Kirche selbst ihn würdigt, sollte sie aber seine kirchenkritische Haltung und die zur Überheblichkeit gesteigerte Frömmigkeit nicht verschweigen. Die gehören zu ihm. Tersteegen wollte keiner neben anderen in der Kirche sein. Tersteegen fühlte sich der Wahrheit seines Glaubens verpflichtet und stellte sich damit selbst der Kirche gegenüber. Dies tat er aber mit solch schönen Worten, dass man sich glatt neben ihn setzen und mit ihm vom Glauben träumen will. Schauen sie doch mal ins Gesangbuch.

(RP)