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Moers: Ein Haus erzählt Demokratiegeschichte

Moers : Ein Haus erzählt Demokratiegeschichte

Im Alten Landratsamt soll in wenigen Jahren ein neues Museum die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen. Sieben Moerser Vereine stehen bereits in den Startlöchern, um das Haus mit Leben zu füllen.

Seit Herbst 2010 steht das Alte Landratsamt am Kastellplatz leer. Die Eingangstür ist innen mit schweren Holzbalken verbarrikadiert. Nur wenige Relikte erinnern an die Zeit, als das Gebäude noch genutzt wurde. Hier und da stehen Aktenschrank, Tisch und Stühle. Viel mehr ließ die VHS nicht zurück, als sie vor fünf Jahren ins neue Bildungszentrum zog. Der Zahn der Zeit nagt überall. Das große Repräsentationsbedürfnis seiner Erbauer, damals im Jahr 1898, ist aber noch immer in all seiner Pracht deutlich: im imposanten Treppenaufgang, im holzvertäfelten Kreis-Saal mit den raumhohen Marmorsäulen, im Kaminzimmer mit den historischen stoffbespannten Wänden. "Es ist schön, dass wir das Gebäude wieder herrichten können", sagt Diana Finkele, Leiterin des Grafschafter Museums.

Das Alte Landratsamt soll Museum werden und die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts in Moers erzählen. Diana Finkele und sieben Vereine stehen in den Startlöchern, um das Projekt zu verwirklichen: Eine Zusage über Fördermittel von 3,4 Millionen Euro liegt vor. Die Gründung eines Trägervereins befindet sich in der heißen Phase, die Satzung ist geschrieben. Jetzt muss der Bauantrag gestellt werden. Dann könnte 2018 Eröffnung gefeiert werden. Bernhard Schmidt fiebert dem Datum entgegen. Der ehemalige VHS-Leiter gehört seit langem zu den Fürsprechern einer musealen Nutzung des Hauses am Kastellplatz. Die NS-Dokumentation, seine Sammlung über den Nationalsozialismus in Moers, wird im Landratsamt eine Heimstatt finden.

1898 im Stil der deutschen Renaissance erbaut, steht das Landratsamt für die wechselvoll deutsche Demokratiegeschichte und für die Geschichte von Stadt und Kreis Moers im 20. Jahrhundert. "Hier residierten die Landräte des Kreises, 1918 tagte im Kreishaus der Arbeiter- und Soldatenrat. Von 1933 bis 1945 war es die regionale Machtzentrale der Nationalsozialisten. "Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten Widerstandskämpfer und Verfolgte des Nationalsozialismus wie Hermann Runge und Ernst Holla als Kreistagsabgeordnete am demokratischen Neubeginn in Moers mit."

Das Konzept für die Nutzung des Hauses steht: Die Volkshochschule soll mit einem Teilstandort in den linken Gebäudeteil des Landratsamts zurückkehren. Die Grundlage für die Dauerausstellung bilden drei Sammlungen: Jüdisches Leben in Moers, Moers zur NS-Zeit und Hanns Dieter Hüsch. Sie wurden von den Vereinen "Erinnern für die Zukunft", Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und dem Hanns-Dieter-Hüsch-Freundeskreis zusammengetragen. Unter dem Dach des Landratsamts wird ein Studierbereich mit Klassenzimmern und Büros eingerichtet, in dem Schüler, Studenten und Interessierte forschen können.

Sie werden meterweise Akten, Bücher und Schriften in der Studierstube vorfinden. Die Dauerausstellung wird auf 330 Quadratmetern die Schwerpunkte Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit darstellen - unter dem Titel "Weg in die Katastrophe, Weg aus der Katastrophe". "Unser Konzept sieht einen biografischen Ansatz vor", erklärt Diana Finkele. "Die Besucher des Hauses werden Identitäten annehmen, deren Biografien sie beim Rundgang durch die Ausstellung nacherleben können. Die Ausstellung soll auf zwei Etagen aufzeigen, welche Lücke der Nationalsozialismus ins Leben der Moerser gerissen hat."

Teil dieses Lebens war Hanns Dieter Hüsch, die am 6. Mai 90 Jahre alt geworden wäre und dem vor dem Bildungszentrum ein Denkmal gesetzt wurde. Geprägt durch das Moerser Milieu der 1930er und 1940er Jahre wird sein Leben und Wirken als beispielhafte Künstlerbiografie nachgezeichnet. Eine Besonderheit ist das Vorhaben, das jeder an der Moerser Geschichte weiterschreiben kann. Idee ist eine Datenbank mit Moerser Biografien.

Ein Bestandteil des Nutzungskonzepts ist auch die Einrichtung einer Gastronomie mit Landratsgarten. Sie soll das Haus an die Stadt und das Schloss anbinden und nicht nur für die Initiativen zu einem wichtigen Begegnungsort werden.

(RP)