Moers: Ein Abflug als Abschiedsgeschenk

Moers: Ein Abflug als Abschiedsgeschenk

Dr. Ulrich Rauter gab das Steuer der Fachwerk Kreis Wesel GmbH an Rainer Henke weiter. Parallel wechselt ein Kursteilnehmer zur Lufthansa, um Triebwerkmechaniker zu werden, ein besonderer Erfolg für die Gesellschaft.

Christoph Gütermann konnte in seinem Leben bislang nicht durchstarten. Nach einigen Schicksalsschlägen erlitt der Kamp-Lintforter Gymnasiast eine Depression und brach seine schulische Laufbahn kurz vor dem Abitur ab. Er begann kurzfristig eine Ausbildung, musste diese aufgrund seiner Depression jedoch nach einigen Monaten auch wieder beenden. Nachdem er nach Moers gezogen war, wurde ihm von seinen Ärzten geraten, er solle erst einmal sein Leben "auf die Reihe kriegen" und nicht arbeiten.

"Irgendwann hat mir mein Arbeitsvermittler gesagt, ich soll zu Fachwerk gehen", berichtet der heute 24-jährige Moerser, der offen über seine Krankheit spricht. Im September "landete" der Fliegereiliebhaber bei Fachwerk, wo er sich über die Aktivierungshilfe auf das Berufsleben vorbereitet. "Die Mitarbeiter haben immer Zeit für mich und mein Problem", berichtet er.

Weil er handwerklich präzise arbeitet, Technik versteht und sehr zuverlässig ist, hebt er im August so richtig ab. Er beginnt eine dreieinhalbjährige Ausbildung als Fluggerätemechaniker für Triebwerkstechnik bei der Deutschen Lufthansa in Hamburg.

"Das ist natürlich ein Traum für mich", freut er sich vor dem Schiff aus Holz, das langsam neu entsteht und das er bei seiner Fachwerkzeit immer wieder passiert. "Jetzt suche ich nur noch ein Zimmer oder eine kleine Wohnung in Hamburg, was nicht leicht ist."

Für Dr. Ulrich Rauter ist Christoph Gütermann ein Überflieger, über den er sich besonders freut. Zumal er genau dann vom Lehrvertrag erfuhr, als er gestern den Steuerknüppel als geschäftsführender Gesellschafter der Fachwerk Kreis Wesel GmbH an Rainer Henke übergab. "25 Personen steigen in einen Kurs ein", sagt der 65-jährige Duisburger. "Es ist wie bei einer Reisegruppe. Einige steigen wieder aus, andere gehen neu an Bord. Viele kommen in einer Anschlussmaßnahme unter. Einige finden einen Ausbildungsplatz, aber normalerweise nicht bei der Lufthansa in der Triebwerkstechnik." Das sei schon eine ganz besondere Leistung.

Anfang 2012 hatte Ulrich Rauter die Fachwerk GmbH gegründet, die aus den Trümmern der IMBSE hervorging. Ende 2011 musste diese in die Insolvenz gehen. Die Arbeitsagentur hatte damals einen Großauftrag neu vergeben.

Ein Drittel der 130 IMBSE-Mitarbeiter übernahm Fachwerk, ebenso Räume und Hallen im Moerser Feld am Hülsdonker Bahnhof. "Ich arbeite hier, weil ich meine Aufgabe liebe, wie die 50 Mitarbeiter, wie ich denke", beschreibt Ulrich Rauter seine Haltung. Über ein gemeinsames Projekt, das die Fachwerk GmbH nur in Kooperation mit dem TÜV Nord Bildungszentrum GmbH & Co. KG in Kamp-Lintfort umsetzen konnte, lernte er im Herbst letzten Jahres dessen Geschäftsführer Rainer Henke kennen.

"Er ist der richtige Mann am Steuer", beschreibt der scheidende geschäftsführende Gesellschafter seinen Nachfolger. "Er steigt mit dem Herzen ein." Rainer Henke sieht sich als neuer geschäftsführender Gesellschafter der Fachwerk-Philosophie verpflichtet, Menschen zu Projekten einzuladen, in denen sie sich individuell einbringen und entwickeln können. Aber auch Neuerungen will der 58-jährige Noch-Schwerter einführen, der in die Grafenstadt ziehen will. Zum Beispiel beteiligt sich die Fachwerk GmbH im Frühjahr am bundesweiten Logistiktag.

(RP)