Interview mit Hinrich Kley-Olsen: "Dorothee Sölle ließ sich nicht vereinnahmen"

Interview mit Hinrich Kley-Olsen : "Dorothee Sölle ließ sich nicht vereinnahmen"

Am Samstag jährt sich der Todestag der großen Theologin und Sprachwissenschaftlerin Dorothee Sölle. Sie gehörte zu den Symbolfiguren der Friedensbewegung. Hinrich Kley-Olsen aus Kerken, Referent für Erwachsenenbildung beim Kirchenkreis Moers, hatte das Glück, Dorothee Sölle persönlich kennenzulernen. Er baut eine Internetseite über sie auf und hält die Erinnerung wach.

Herr Kley-Olsen, wie entstand der persönliche Kontakt zu Dorothee Sölle?

Hinrich Kley-Olsen Als junger Mann, in den Jahren 1983 bis 1987, gehörte ich zum Friedenscamp in Mutlangen. Dort sollten Pershing-II-Raketen stationiert werden. Meine Mutter, die als Juristentochter von dieser Art des Protestes zunächst wenig hielt, hat mit der Zeit ihre Position geändert. Dazu trug später so etwas wie Scham bei, als Kommilitonin der Geschwister Scholl und anwesend bei deren Festnahme 1943 nicht beteiligt gewesen zu sein an solch einem Widerstand. Sie befasste sich mit Gandhi, Martin Luther King und anderen und begann, absoluten Gehorsam zu hinterfragen. Sie nahm 1985 an einer gewaltfreien Sitzblockade teil. Die Polizei hat sie zusammen mit einer anderen älteren Dame weggetragen und beide in einem VW-Bus bis zur Personalienaufnahme festgehalten.

Lassen Sie mich raten: Die andere ältere Dame war Dorothee Sölle.

Kley-Olsen Ganz genau. In dieser Situation kamen beide ins Gespräch, und danach gab es Briefkontakte. Wenn sie später zu Konzertlesungen mit der "Grupo Sal" in erreichbarer Nähe war, bin ich hingefahren und war jedes Mal beeindruckt zum Zusammenspiel der lateinamerikanischen Musik und den starken Texten von Dorothee Sölle.

Wie wirkte Dorothee Sölle als Mensch im direkten Umgang?

Kley-Olsen Bescheiden und zurückhaltend, ja beinahe schüchtern. Hinzu kam, dass sie eine recht zierliche Person war. Umso beeindruckender dann das, was sie sagte.

Das klingt gar nicht nach der Provokateurin, die sie ja auch war.

Kley-Olsen Provokant war eigentlich schon, dass sie als Frau Theologie studiert hatte. Heute ist das für uns normal, aber damals war das anders. Hinzu kam die Tatsache, dass ihre erste Ehe geschieden wurde und sie eine zweite Ehe mit dem ehemaligen Benediktinermönch Fulbert Steffensky eingegangen ist. Das war für diese Zeit ein ungewöhnlicher Schritt.

Stimmt es, dass sie nie einen Lehrstuhl an einer theologischen Hochschule angeboten bekam?

Kley-Olsen Sie hatte verschiedene Lehraufträge, etwa in den Vereinigten Staaten, aber tatsächlich: Obwohl sie so bekannt war, erhielt sie nie einen Ruf als Theologie-Professorin. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie größtenteils als freie Autorin oder zum Beispiel durch Konzertlesungen mit der "Grupo Sal". 1994 bekam sie immerhin eine Ehrenprofessur an der Universität Hamburg.

Heute sind sogar evangelische Seniorenheime nach Dorothee Sölle benannt. Wurde Sie damals von der Kirche angefeindet?

Kley-Olsen Es gab Anfeindungen, vor allem aus evangelikalen Kreisen, die ihre Theologie strikt ablehnten.

Dorothee Sölle wird oft mit der "Gott-ist-tot-Theologie" in Verbindung gebracht. Ist das ein Klischee?

Kley-Olsen Nein, das trifft schon zu. Entscheidend für diese Theologen der Nachkriegszeit war die Tatsache des Holocaust. Nach Auschwitz konnten sie nicht mehr von einem allmächtigen Gott reden, der alles ins Lot bringt. Dieses Bewusstsein war auch für Dorothee Sölle entscheidend. Sie lehnte eine "Papa-wird's-schon-richten"-Theologie ab.

Welches Gottesbild hat sie an die Stelle des allmächtigen Gottes gesetzt?

kley-Olsen Ein Gottesbild, in dem Gott bei uns ist, vor allem im Leiden, als Mit-Leidender und dadurch Halt gebend, ein Gott, der in uns lebt und durch uns wirkt. Sie bekannte, dass wir Gott brauchen, aber Gott auch uns.

Daher auch ihr entschiedenes Engagement gegen den Krieg und gegen Armut.

Kley-Olsen Auf jeden Fall. Der Vietnamkrieg und die Zustände in Lateinamerika haben sie sehr bedrückt. Um so mehr hat sie die Theologie der Befreiung begrüßt, die durch Ernesto Cardenal und andere propagiert wird.

Dorothee Sölle hat viel geschrieben, theologische Fachbücher, aber auch poetische Meditationen. Was würden Sie einem Interessierten als Lektüre empfehlen, der sich in ihr Werk einlesen möchte?

Kley-Olsen Eine gute Anthologie gibt es meines Wissens nach nicht. Meine Empfehlung wäre, mit der Biografie von Renate Wind zu beginnen: "Dorothee Sölle — Rebellin und Mystikerin".

Was beeindruckt Sie im Rückblick am meisten an Dorothee Sölle?

Kley-Olsen Die Tatsache, dass sie sich von niemanden vereinnahmen ließ. Für die Konservativen war sie zu radikal, für die Radikalen war sie wiederum zu fromm. Und die Kraft ihrer Sprache und Theologie bleibt uns ja zum Glück erhalten. Unter anderem auf meiner Internetseite www.dorothee-soelle.de.

STEFAN GILSBACH FÜHRTE DAS INTERVIEW

(RP/ac)
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