Der Moerser Vater des Grundgesetzes

Hermann Runge schrieb an der Verfassung mit : Der Moerser Vater des Grundgesetzes

Das Grundgesetz feiert heute den 70. Geburtstag. Das ist auch Hermann Runge zu verdanken: Er schrieb an der Verfassung mit.

Die Grafenstadt hat ihn irgendwann vergessen. Ihren härtesten Widerstandskämpfer gegen das Naziregime, ihren Gründervater des Grundgesetzes, ihren Sozialdemokraten der ersten Stunde: Hermann Runge. Selbst seine eigens gegründete Partei, die SPD in Moers, erinnerte sich nicht mehr an ihn. Bis Bernhard Schmidt und Fritz Burger vor 25 Jahren im Landesarchiv in Düsseldorf für ihr Buch „Tatort Moers“ recherchierten. Darin sollte es um Moerser Widerstandskämpfer im zweiten Weltkrieg gehen. In den alten Dokumenten stießen die Autoren auf den Namen Hermann Runge. Sie fanden heraus, dass Moers mit seinem Tod 1975 nicht nur einen Widerstandskämpfer verloren hatte, sondern auch einen der Gründervater des Grundgesetzes: Runge war im August 1948 über den NRW-Landtag in das verfassungsgebende Gremium des parlamentarischen Rates gewählt worden, hatte also an der deutschen Verfassung mitgeschrieben.

Trotzdem befassten sich Schmidt und Burger zunächst nur mit seinem Widerstand in der NS-Zeit. Sie erzählten davon, wie Runge, der 1920 in die SPD eingetreten war, Hitlers Machtübernahme nicht akzeptieren wollte. Sie schrieben darüber, wie er sich mit anderen Genossen dagegen auflehnte. Runge lieferte für die Brotfabrik „Germania“ in Duisburg-Hamborn  Backwaren aus und gleichzeitig illegal sozialdemokratische Schriften. 1935 wurde er wegen Vorbereitung eines besonders hochverräterischen Unternehmens verurteilt – zu neun Jahren Zuchthaus. Hätte er sich nicht mit dem Zuchthausdirektor gut gestellt – er wäre wohl am Ende des Krieges mit Stacheldraht an zwei seiner 73 Mitgefangenen gekettet und durch einen Genickschuss von den Nazis getötet worden. Zumindest endete so das Leben vieler anderer Häftlinge. Doch Runge kämpfte weiter, wurde 1944 aus der Haft entlassen, statt – wie ursprünglich vorgesehen – in ein Konzentrationslager überführt zu werden. Er überlebte den Krieg, gründete die SPD in Moers neu, baute die Partei am Niederrhein wieder auf.

Schmidt war fasziniert von Runges Geschichte. Er recherchierte weiter – über seine Rolle bei der Verfassungsgebung. 2010 veröffentlichte Schmidt einen Aufsatz über den Gründer der Moerser SPD. „Nicht nur seine Vergangenheit als Verfolgter der Nazis qualifizierte ihn, ein menschenwürdiges Grundgesetz mitzugestalten“, sagt Schmidt. Auch die politische Erfahrung, die er nach dem zweiten Weltkrieg beim kommunalpolitischen Wiederaufbau gesammelt hatte, sei von Nutzen gewesen. Tatsächlich setzte sich Runge vor allem für die Verfolgten des NS-Regimes ein. 1948, als die Arbeiten am Grundgesetz begannen, sagte er der Neuen Zeitung: „Das Grundgesetz darf nicht das Ergebnis von Kompromisslösungen in den einzelnen Fragekomplexen sein. Aus der unerlässlichen Toleranz jedes ehrlich politisch tätigen Menschen muss etwas Neues entstehen.“ Im Ausschuss für Wahlprüfung, Petitionen, Außenhandelsfragen und Vergesellschaftung von Eigentum stimmte er den ersten beiden Verfassungsänderungen zu: Mit ihnen wurde der „Hochverrat“ nach Artikel 143 aufgehoben und der Lastenausgleich nach Artikel 120a eingeführt.

Später arbeitete Runge im Ausschuss für Wahlprüfung und Immunität mit, dann in dem für Angelegenheit der inneren Verwaltung und Fragen der Wiedergutmachung. Im Juni 1956 war er Berichterstatter bei der bis heute gültigen dritten Änderung des Bundesgesetzes zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Der Sozialdemokrat hielt sich gerne im Hintergrund. Er scheute das Rampenlicht, schrieb – im Gegensatz zu anderen Gründervätern – nie über seine Mitarbeit an der Verfassung.

Populär wurde Runge in der Grafenstadt erst, als Schmidt und Burger 1994 ihr Buch veröffentlichten. „1996 hat sich die SPD dafür eingesetzt, dass eine Moerser Gesamtschule nach ihm benannt wurde“, sagt Schmidt. Zuvor hatte es bloß die Wilhelmine- und-Hermann-Runge-Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt in Rheinkamp gegeben.

Eine Ausstellung in Bonn, die sich auch dem Schicksal des Ehepaares im dritten Reich widmete, schaffte es nie nach Moers. Schmidt: „Ich war froh, als das Vergessen ein Ende hatte.“

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