Moers: Der Moerser Fernseh-Knast

Moers: Der Moerser Fernseh-Knast

Im alten Hafthaus in der Moerser Innenstadt sitzen keine Gefangenen mehr – dafür gehen umso mehr Film- und Theaterschaffende ein und aus. Senta Berger war dort, Nicole Kidman sollte kommen, in diesen Tagen wurde eine "Tatort"-Folge abgedreht.

Im alten Hafthaus in der Moerser Innenstadt sitzen keine Gefangenen mehr — dafür gehen umso mehr Film- und Theaterschaffende ein und aus. Senta Berger war dort, Nicole Kidman sollte kommen, in diesen Tagen wurde eine "Tatort"-Folge abgedreht.

Ist der klein! Die junge Frau mit der TV-Programmzeitschrift in der Hand staunt. "Und der raucht ja wirklich!" Sie meint den Schauspieler Axel Prahl, der im Münsteraner Tatort den Kommissar Frank Thiel darstellt. Er steht draußen vor dem alten Knast in der Moerser Altstadt. "Wo ist Professor Boerne, kommt der gleich mit dem Porsche?", ruft ein anderer Tatort-Fan. Prahl lächelt, gibt die gewünschten Autogramme. Dann hat der Fernsehstar aufgeraucht und verschwindet wieder hinter den dicken, alten Mauern des Gefängnisses.

Er dreht derzeit die Tatort-Folge "Der Fluch der Mumie" im alten Hafthaus, in dem seit 2003 keine Gefangenen mehr einsitzen — dafür aber umso mehr Film- und Theaterschaffende ein- und ausgehen. "Am Wochenende erst hat ,Sony Pictures Deutschland' Szenen für den Film ,SMS — Spezialisten mit Skalpell' bei uns gedreht, einen Tag später kam schon das Tatort-Drehteam", berichtet Elke Krüger, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Moers-Kapellen. Das alte Hafthaus in der Innenstadt gehört mit in ihren Zuständigkeitsbereich.

Krüger hat dort die Werkstatt der Arbeitstherapie und den Verkaufsladen "Gitterstübchen" untergebracht. Ansonsten steht der 1913 gebaute Knast leer. Es diente bis 1993 als Gefängnis vornehmlich von Untersuchungshäftlingen des Amtsgerichts Moers und umliegender Amtsgerichte. Seit 1986 wurden auch Abschiebungshäftlinge in die Anstalt gebracht. Ab 1993 wurde das Gebäude zum ausschließlichen Abschiebungshafthaus. Es hatte Platz für 144 Insassen. Vor vier Jahren wurde das Hafthaus geschlossen, die Häftlinge zogen nach Büren um.

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Zurück blieb ein voll funktionstüchtiger Knast, mit Zellen, ummauerten Pausenhof, Stacheldraht und sogar einer Art Kapelle, die ein orthodoxer Häftling einst mit kitschigen Bibelgemälden verziert hatte. "Meines Wissens gibt es in NRW kein vergleichbares leer stehendes Gefängnis", sagt Elke Krüger, die ständig Anfragen von Filmteams bekommt. Nicht nur Filmhochschulstudenten (etwa aus Köln) klopfen regelmäßig an, sondern auch gestandene Filmemacher: Im Dezember 2007 fragte Produzent Redmont Morris, der mit Nicole Kidman "Der Vorleser" verfilmen wollte. Mehrmals besichtigte er das Hafthaus, entschied sich dann aber für eine andere Kerker-Kulisse. "Der Vorleser" wurde später mit Kate Winslet statt mit Kidman verfilmt.

Im vergangenen Jahr drehte dann Senta Berger Teile des Thrillers "Schlaflos" im Hafthaus Haagstraße. In der WDR-Produktion spielte Berger eine Frau, die nach zwölf Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Auch Teile für die Sat 1-Serie "Zwei bei Kalwass" wurden vor einigen Monaten im alten Moerser Knast gedreht. Kürzlich habe nun der Filmemacher Adnan Köse ("Lauf um Dein Leben — Vom Junkie zum Ironman") Interesse an der Kulisse bekundet.

Aber nicht nur Filmschaffende sind vom Gefängnis-Flair fasziniert: Krimi-Autoren luden auf den Fluren zu Lesungen ein, und das Moerser Schlosstheater inszenierte im Hafthaus das Stück "Hotel Europa", das sich mit der Abschiebeproblematik auseinandersetzt. Im Oktober soll "Hotel Europa" wiederholt werden. Selbst die Kirche hat den Knast für sich entdeckt. 50 katholische Jugendliche veranstalteten vor zwei Monaten im alten Hafthaus einen Gottesdienst zum Thema "Gefangensein" und feierten in der Kapelle die Eucharistie. Die evangelische Kirche will im Zuge der "Ruhr 2010" die Veranstaltungsreihe "Schattenkultur" im Hafthaus inszenieren. Elke Krüger ist es recht so. Der Mietvertrag (das Gebäude gehört dem Bau-und Liegenschaftsbetrieb NRW) laufe noch einige Jahre. Die Stadt Moers hatte einmal überlegt, den Knast zu einem Wohnhaus und aus den Zellen luxuriöse Komfortwohnungen zu machen.

Das wäre schade, meint Jutta Bürsgens, Produktionsleiterin vom Tatort-Drehteam. Die "Location" sei für Filmteams Gold wert. Zwar sei es auch möglich, in einer belegten Justizvollzugsanstalt zu filmen, doch würde eine Zwölf-Minuten-Sequenz niemals so wie jetzt in Moers innerhalb von nur drei Tagen abgedreht werden können. "Zudem sind wir in kaum einer anderen Stadt so freundlich aufgenommen worden wie hier in Moers", lobt Jutta Bürsgens.

(RP)
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