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Kamp-Lintfort: Das Publikum belohnte die "Wahrheit"

Kamp-Lintfort : Das Publikum belohnte die "Wahrheit"

In dem Stück von Florian Zeller um Täuschung und Aufrichtigkeit in Partnerbeziehungen machte das Ensemble um den bekannten Schauspieler Helmut Zierl eine gute Figur. Die Kamp-Lintforter Stadthalle war nahezu ausverkauft.

"Wenn wir uns alle immer gegenseitig die Wahrheit sagen würden, gäbe es auf der ganzen Welt wahrscheinlich kein einziges Paar mehr." Michel muss es wissen. Er betrügt seine Angetraute Laurence schon seit Monaten mit Alice, der Frau seines besten Freundes Paul, und hat sich dabei nicht nur diese eine "ehrenhafte" Rechtfertigung zurechtgelegt.

Alice bekommt dagegen langsam Skrupel und will ihrem Mann alles beichten, doch Michel ist dagegen und hat auch dafür ein passendes Argument: "Dass du deinen Mann belügst, das tust du nur aus Respekt für ihn, aus Liebe, um ihn nicht zu verletzen."

Die Wahrheit – wollen wir sie wirklich immer wissen, oder möchten wir uns mitunter nicht doch ganz gerne belügen lassen? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Theaterstück des französischen Autors Florian Zeller "Wahrheit oder von den Vorteilen, sie zu verschweigen und den Nachteilen, sie zu sagen", mit dem die Neustädter Konzertdirektion Landgraf auf ihrer derzeitigen Tournee am Freitag in der nahezu komplett besetzten Kamp-Lintforter Stadthalle Station machte.

Der 1979 in Paris geborene Autor Florian Zeller gilt derzeit in Frankreich als große literarische Hoffnung, doch in diesem Fall war es wahrscheinlich eher der aus zahllosen Fernsehrollen bekannte Schauspieler Helmut Zierl, der die Besucher an diesem Abend in so großer Zahl in die Stadthalle gelockt hatte. In dem mit vier Personen besetzten Stück spielte er den Michel, begleitet von Karin Boyd als Laurence, Elisabeth Baulitz als Alice und Uwe Neumann als ihr betrogener Ehemann Paul.

Laut Ankündigung war es Helmut Zierls "erste Tourneerolle überhaupt", doch davon war nichts zu spüren. Im Gegenteil. Als versierter Schauspieler meisterte er seine Rolle so überzeugend, dass die Zuschauer zwischendurch einige seiner besonders waghalsigen philosophischen Lügensprüche lautstark kommentierten und auch später, als sich herausstellte, dass seine vermeintlich hinters Licht geführten Mitspieler das Spiel von Lüge Täuschung mindestens ebenso gut beherrschten wie er, erklang aus dem Saal so manch ein Kichern mit deutlich hämischem Unterton.

In der Tat muss der selbstgerechte Michel im Verlauf des Stückes immer mehr erkennen, dass er selber gar nicht der eigentliche Regisseur, sondern nur ein kleiner, unwissender Statist in dem vermeintlich von ihm selber so gekonnt inszenierten, erotischen Lügengespinst ist. Denn angeblich wussten Freund Paul und auch Ehefrau Laurence schon lange von seiner Affäre mit Alice, gaben aber beide die ganze Zeit vor, seinen Lügen zu glauben.

Und dann steht auch noch plötzlich die Vermutung einer schon viel länger dauernden Beziehung zwischen Laurence und Paul im Raum, die allerdings am Ende ungeklärt bleibt. "Siehst du, man soll seinen Partner eben nicht belügen", erklärte eine Zuschauerin abschließend auf dem Weg zum Parkplatz ihrem männlichen Begleiter. Aber hatte Florian Zeller das mit seinem Stück wirklich so gemeint?

(lang)