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Das Moers Festival trotzt der Corona-Pandemie

Musik in Moers : Das Moers Festival trotzt der Corona-Pandemie

Das Festivalteam zeigte sich am Montag überwältigt von der Resonanz auf das live aus der Konzerthalle gestreamte Moers Festival. Besonders die Teilnahme an der digitalen Interaktion habe alle Erwartungen übertroffen.

Parkplatz-Tristesse am Solimare. Dort, wo sich Pfingsten 2019 vier Tage lang 30.000 Menschen in den bunten Festivaltrubel zwischen Cocktailbar, Dorfbühne und Händlermarkt stürzten, ist Pfingsten 2020 nichts los – nicht einmal zugeparkte Straßen. Und dennoch blickt die Musikwelt nach Moers – weil 216 Musiker aus 24 Nationen zusammen mit dem Moers Festival-Team den Mut haben, der Corona-Pandemie zu trotzen. Chilly Gonzales, Wolfgang Puschnig, Silke Eberhard, Luise Volkmann, das 30-köpfige Ruhrgebietsorchester „The Dorf“ und viele andere sind dabei. Das Moers Festival streamt die Konzerte live hinaus in die Welt. Und die Jazzfans feiern interaktiv am Laptop mit – irgendwo im Campingzelt, auf der Bootstour, mit Blick auf den Pool oder bei Falafel und Bratwurst in der Pause.

Guilhem Meier, Teil des französischen Trios „Poil“, präsentierte sein Solo-Projekt „LFANT“ in der Festivalhalle am Solimare. Er war einer von mehr als 200 Künstlern, deren Konzerte live in die Welt hinaus gestreamt wurden. Foto: Ja/Norbert Prümen (nop)

Etliche twittern und schicken Fotos von ihrem persönlichen Festival-Hotspot 2020, bejubeln die Künstler auf Facebook mit Likes und Herzchen, weil sie wegen Corona nicht gemeinsam in der Halle applaudieren dürfen. Die Absender kommen von Moers bis Manhattan. Ist das Experiment also gelungen? Der künstlerischen Leiter Tim Isfort hat versucht, so viel Konzertatmosphäre wie möglich aus der fast menschenleeren Halle dorthin zu senden, wo sich sein Publikum aufhält – und zwar durch eine kreative Licht-, Ton- und Applaus-Inszenierung aus der zum Studio umfunktionierten Halle am Solimare. Die Tribüne, auf der sonst bis zu 2000 Jazzfans mitfiebern, bleibt leer. Ein traurig dreinblickendes Rehkitz/Bambi ist dort der Platzhalter.

Wolfgang Mitterer präsentierte sein Projekt „Reluctant Games“. Foto: Ja/Norbert Prümen (nop)

Es sind wenige Menschen unterwegs: Kameraleute, Techniker, Helfer und Journalisten, die der Musik auf Abstand zuhören. Viele Vorkehrungen sind getroffen, um die zu schützen, die in der Halle arbeiten. Die Moderatoren Maelle Giovanetti und Jacques Palminger tragen Gesichtsvisiere, Sänger und Bläser treten hinter Plexiglaswänden auf. Der Beifall kommt aus der Konserve. Achim Zepezauer hat ihn aus 48 Festivaljahren zusammen gemixt.

Das Moers Festival ist mit großem Humor durch inszeniert – mit Diskussionen über die Gleichstellung in der Jazz-Musik sowie Interviews mit den Künstlern. Wobei sich aber schon am ersten Tag die Geister über Miss Unimoers in ihrem silberfarbenen Raumanzug scheiden. Während manche sofort einen Fanclub für die Kunstfigur gründen wollen, reagieren andere mit Unverständnis. Miss Unimoers, die vor einem Green Screen agiert, ist der einzige Gast. Mal sitzt sie neben dem Mond auf einer gelben Couch, mal ist sie im Ufo unterwegs, auf jeden Fall ist sie immer da und hört den Musikern zu. Fern jeglicher Ablenkung bietet der Livestream aus der Festivalhalle zwar andere, aber ebenso intensive Musik-Erlebnisse.

So zum Beispiel, wenn Festival-Haudegen Wolfgang Puschnig sein Saxophon so durchpustet, bis man glaubt, dass gleich eine Dampflok heranrast. Oder wenn Stimmkünstlerin Ute Wassermann einen mit „Ventil“ bis an den Rand des eigenen Vorstellungsvermögens bringt, was eine Stimme alles vollbringen kann, und die Kamera die Nahaufnahme gleich dazu liefert. Oder wenn die Band „Gewalt“ ihre Songs im Halbdunkeln heraus schreit, ohne dass die Wortfetzen im Lärm verloren gehen. Und auch wenn der Frauenchor „Sjaella“ nordische mit seinen klaren Stimmen Volks- und Kirchenlieder intoniert. Nur die erste Reihe wäre vielleicht so nah an der Bühne gewesen, um mitzuerleben, wie eine einzige Schweißperle von Chilly Gonzales Stirn tropft, während er in Pantoffeln und Morgenmantel den Dave Brubeck-Klassiker „Take Five“ am Piano so herunter dekliniert, bis nur ein Takt übrigbleibt. Dass die Musiker ohne Publikum in der Halle agieren, merkt man am Bildschirm kaum. Vielleicht, weil sie es genauso wie Chilly Gonzales vermisst haben, Konzerte geben zu können. Denn mit dem Lockdown kam auch das kulturelle Leben zum Erliegen.

„Ich wusste gar nicht mehr, wie es ist, mit 13 Leuten aus sieben Nationen auf einer Bühne zu stehen“, sagte Saxofonistin Luise Volkmann von „Eté Large“. Auch die Belgierin Marlies Debacker freute sich, mit ihren Kollegen Florian Zwißler, Carl Ludwig Hübsch und Etienne Nillesen endlich wieder auf einer Bühne neue Klangwelten zu erforschen. „Obwohl es ganz anders ist als vor Publikum“, wie sie später Interviewpartnerin Lena Entezami im Studio von Arte Concert erklärt.

Der Sender hat laut Festivalchef Tim Isfort fast 40.000 Streamende an den ersten Tagen gezählt. Hinzu kämen die Zuschauer, die den Live-Stream auf der Homepage und auf der Facebook-Seite des Moers Festivals verfolgt hätten. Vielleicht hat das Moers Festival ja damit doch ein wichtiges Signal für die Kultur in Corona-Zeiten gesetzt. Dennoch hoffen wohl die meisten auf ein Moers Festival 2021 ohne Corona, sondern mit Trubel, Cocktailbar, Dorfbühne und Händlermarkt.