Caritas Interview zu Sucht bei Senioren

Interview : Die unsichtbare Sucht

Sie berauschen sich nicht mit Partydrogen, sie trinken sich nicht öffentlich ins Koma. Wenn ältere Menschen suchtkrank sind, bemerkt das oft keiner. Die Zahl der alkohol- und medikamentensüchtigen Senioren steigt.

Herr Schürmann, wenn ältere Menschen von Alkohol oder Medikamenten abhängig sind, bleibt das oft unbemerkt. Haben Sie Zahlen, die das Ausmaß belegen?

Schürmann Schätzungen zufolge sind gut 400.000 Menschen über 60 Jahren alkoholabhängig und 1,5 bis zwei Millionen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig. Allein aufgrund der demographischen Entwicklung muss man davon ausgehen, dass die Zahlen steigen.

Gibt es frauen- und männerspezifische Probleme?

Schürmann Gut 15 Prozent der Über-60-Jährigen haben laut Schätzungen einen riskanten Alkoholkonsum. Das heißt: Ihre tägliche Trinkmenge liegt bei gut eineinhalb Flaschen Bier mindestens. Das betrifft mehr Männer. Frauen haben eher Probleme mit Medikamenten. Dabei rücken vor allem die Schlaf- und Beruhigungsmittel, die Benzodiazepine, in den Fokus. Laut Statistik nehmen gut 15 Prozent der Über-60-Jährigen gelegentlich und sechs Prozent regelmäßig solche Mittel.

Wird das Problem ignoriert?

Schürmann Über Sucht im Alter wird nicht viel gesprochen. Es ist beispielsweise nicht auffällig, wenn ältere Damen abends ein Schlafmittel nehmen.

Was sind Alarmsignale für Verwandte und Bekannte?

Schürmann In den Arztpraxen kann man es merken, wenn die Patienten heftig reagieren, wenn sie ein Medikament nicht bekommen. Alarmsignale sind auch kognitive Beeinträchtigungen, Gangstörungen, Antriebslosigkeit, Tagesmüdigkeit, Depressivität, Koordinationsstörungen und bei Alkohol auch manchmal Bluthochdruck.

Bei der Caritas gibt es seit 2014 eine Gesprächsgruppe für alkohol- und medikamentenabhängige Menschen ab 60 Jahre. Wie viele Leute nehmen daran teil?

Schürmann Wir bieten diese Gruppe zwei Mal im Jahr an, jeweils im Frühjahr und im Herbst montags von 10 bis 11.30 Uhr. Das Angebot besteht immer aus sechs Einheiten. Im vergangenen Herbst hatten wir fünf bis zehn Teilnehmer.

Was ist das Ziel?

Schürmann Der Kurs ist als Vorstufe für weitere Reha-Maßnahmen gedacht wie etwa die Ambulante Rehabilitation Sucht. Wir geben Infos zum Thema Abhängigkeit, besprechen den eigenen Umgang mit Alkohol und Medikamenten, die eigene Lebensgeschichte, und wir stellen Angebote der Sucht- und Altenhilfe vor.

Warum sind speziell ältere Menschen suchtgefährdet?

Schürmann Wenn ältere Menschen in den Ruhestand gehen, beginnt oft eine Vereinsamung. Minderwertigkeitsgefühle treten auf. Manche fühlen sich abgeschoben, haben Angst in Vergessenheit zu geraten, Angst vor dem Tod. Wenn ältere Menschen krank und pflegebedürftig sind, geht damit oft ein Gefühl der Wertlosigkeit einher.

Haben die Betroffenen ein Bewusstsein für ihr Suchtproblem?

Schürmann Nein, gerade bei der Medikamentenabhängigkeit sind die Betroffenen sich über ihre eigene Abhängigkeit nicht im Klaren. Sie haben ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel verschrieben bekommen, und wenn der Arzt es verordnet, muss es ja gut sein. Die Kehrseite der Medaille ist die manchmal unreflektierte Verordnung mancher Medikamente durch Ärzte.

Weitere Informationen zum Thema „Sucht im Alter“ und zum Gruppenangebot der Caritas für Menschen ab 60 Jahren gibt bei der Suchtberatungsstelle der Caritas Moers-Xanten  am  Ostring 1 in Moers. Ansprechpartner bei dem Thema ist Thomas Schürmann unter Telefon 02841 9010843.

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