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Broschüre von Ulrich Kemper: Als Moers den Preußenkönig verschmähte

Neue Broschüre von Ulrich Kemper : Als Moers den Preußenkönig verschmähte

Historiker Ulrich Kemper beleuchtet in seiner Broschüre einen für Moers historischen Erbfolgestreit. Es geht um den Übergang von den Oraniern zu den Preußen. Und erzählt, wie mutig die Moerser Widerstand leisteten. Eine spannende Lektüre.

Dieser Erbfolgestreit hatte es in sich. Der Moerser Historiker Ulrich Kemper hat sich auf die Spuren von Friedrich I., König in Preußen, begeben, der im Jahr 1702 Ansprüche auf die Grafschaft Moers erhob – wodurch ein zehn Jahre andauernder, keineswegs friedlicher Streit um Stadt und Schloss begann. „Und ich muss zugeben, dass es mir großen Spaß gemacht hat, zu beschreiben, wie vehement und mit welchen Mitteln die Moerser Bevölkerung ihre Interessen deutlich machte. Die Moerser hatten überhaupt kein Interesse daran, preußisch zu werden. Ihnen ging es unter oranischer Herrschaft gut“, berichtet Ulrich Kemper, der bis zu seiner Pensionierung am Julius-Stursberg-Gymnasium in Neukirchen-Vluyn unterrichtete. Seine Recherchen hat der Autor in einer 84-seitigen Broschüre im Eigenverlag veröffentlicht, die ab August im örtlichen Buchhandel, in der Stadtinformation und auch im Moerser Schloss erhältlich ist.

Mit der Veröffentlichung „Von den Oraniern zu den Preußen. Moers im Erbfolgestreit um 1700“ beschließt der Historiker vorerst seine wissenschaftlichen Recherchen zur Moerser Stadtgeschichte und insbesondere zu den Erbfolgestreitigkeiten im Verlauf der Jahrhunderte. Einen ersten Text veröffentlichte er am 23. Juli 2019 in dieser Zeitung. Anfang dieses Jahres folgte die erste selbst verlegte Broschüre mit dem Titel „Der Moerser Erbfolgestreit um 1600“. Seine Neugier hatte seinerzeit eine der Moerser Geschichtsstationen geweckt. „Darauf wird von einem ,schlechten Wechsel’ im Jahr 1519 berichtet. So fing alles an“, erinnert sich Ulrich Kemper. Die Erbfolgestreitigkeiten zeigen aus seiner Sicht die politischen Wechsel im Laufe der Geschichte wie unter einem Brennglas. „Die alten Herrscher verschwinden, die neuen Herren kommen an. Wie setzen sie sich durch?“ Ganz schön vertrackt war dieser Wechsel um 1700.

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Nach dem Tod des englischen Königs Wilhelm III. von Oranien-Nassau, der auch Graf von Moers war, gab es gleich drei Aspiranten, die Anspruch auf die Grafschaft Moers erhoben. Erbkonkurrenten waren die Grafengeschlechter Nassau-Diez, Nassau-Saarbrücken sowie das Kurfürstengeschlecht von Brandenburg-Preußen, in das Luise Henriette von Oranien eingeheiratet hatte, Friedrichs Mutter. Der Preußenkönig hatte aufgrund seiner Abstammung also berechtigte Interessen. Doch das galt auch für Jungprinz Wilhelm Friso von Nassau-Dietz – mehr noch: Er war vom verstorbenen Wilhelm III. von Oranien-Nassau als Erbe im Testament eingesetzt worden.

„In nervöser Ahnung ließ der Preußenkönig schon im März 1702 vor der Testamentseröffnung symbolisch Besitz von Moers nehmen. Das tat auch der dritte Erbkonkurrent Walrad von Nassau-Saarbrücken“, berichtet Ulrich Kemper. Wie Friedrich sich letztendlich durchsetzte, das beschreibt der Historiker eloquent und mit historischen Fakten belegt in seiner neuen Broschüre. Interessant aber, wie die Moerser auf ihren neuen Herrscher Friedrich reagierten. „Mit Widerstand. Denn sie wollten gerne oranisch bleiben. Anstatt ihm zu huldigen, wehrte sich die Bevölkerung mit besonderen Mitteln wie Gassengesängen, Schmähschriften, Schmähgebärden, Sturmgeläut und Androhungen von Volksgewalt gegen preußische Beamte und Soldaten. Frauen und Männer streckten den preußischen Soldaten vom Wall aus ihre entblößten Hinterteile entgegen, worauf sie mit Fäusten schlugen und sich in Schimpfreden gegenüber den ,preußischen Hunden’ und ,Eier- und Butterdieben’ überboten“, berichtet Kemper schmunzelnd. Moers sei zu dieser Zeit eigentlich keine Goldgrube gewesen. „Warum streiten sich also die Großen um eine so kleine Grafschaft?“, fragt Ulrich Kemper und kennt die Antwort natürlich: „Moers lag strategisch zwischen Kur Köln und dem Herzogtum Kleve.“

Die Moerser kennen Ulrich Kemper sicher vor allem durch sein Engagement gegen das Vergessen des Nazi-Terrors. Er ist Gründungsmitglied im Verein „Erinnern für die Zukunft“, schrieb als Autor an dem Buch „Moers unterm Hakenkreuz“ mit. Er engagiert sich außerdem im Verein „Neue Geschichte im Alten Landratsamt“ und steuerte Biografien zur Ausstellung über die Moerser Demokratiegeschichte bei. Als Mitglied der Otto-Pankok-Gesellschaft widmet er sich aktuell einer neuen Aufgabe und arbeitet an der Geschichte von Haus Esselt: „Vom Rittergut zum Kunstmuseum“.