Serie Auf Der Flucht: Auf dem "Todesmarsch" entkommen

Serie Auf Der Flucht: Auf dem "Todesmarsch" entkommen

Gabriele Wyrwala hat sich für die Ausstellung "Flucht vom Niederrhein" im Grafschafter Museum auf die Spuren von Werner Coppel gemacht. Er verließ mit 14 Jahren Moers auf der Flucht vor dem Nazi-Regime. Er entkam dem Holocaust.

Moers Werner Coppel gelang im Januar 1945 bei Gleiwitz die Flucht: Mit anderen Gefangenen versteckte er sich im Wald, bis die Rote Armee das Gebiet befreite. Die Nazis hatten Werner Coppel zusammen mit Günther Bähr nach Auschwitz-Monowitz deportiert, wo beide für die Buna-Produktion der IG Farben zur Zwangsarbeit eingesetzt waren. "Er war noch ganz jung, als er Moers verließ", sagt Gabriele Wyrwala, katholische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Moers.

Foto: kdi

Sie hat für die Sonderausstellung "Flucht vom Niederrhein" im Grafschafter Museum in Moers die Biografie von Werner Coppel aufgeschrieben. Werner Coppel wurde am 22. Februar 1925 geboren. Sein Vater Karl war Viehhändler. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Coppel sen. für Deutschland, wurde mehrfach verletzt und kam in französische Gefangenschaft. Werner Coppel besuchte die jüdische Volksschule in Moers. "Sie befand sich zuerst am Neumarkt.

Bis zu seinem Schulabschluss wurde sie allerdings mehrfach verlegt", weiß Gabriele Wyrwala durch ihre Recherchen für die erste Ausstellung des Vereins "Neue Geschichte im Alten Landratsamt". 1938 habe Coppel noch seine Bar Mitzwa in der Moerser Synagoge gefeiert. Diese wurde nur wenige Monate später, am 9. November 1938, geschändet und geschlossen, weiß Wyrwala zu berichten. Nach seinem Schulabschluss habe er für einige Monate in einer Moerser Ziegelei gearbeitet.

Doch mit knapp 14 Jahren verließ er mit dem drei Jahre älteren Günther Bähr Moers, um sich in der Hachschara-Stätte in Ahrensdorf/Brandenburg auf die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. In Moers war er nicht mehr sicher. "1941 konnte Werner Coppel ein letztes Mal seine Familie in Moers besuchen. Sie wohnte in einem Judenhaus an der Uerdinger Straße. Noch im selben Jahr wurden seine Eltern und sein Bruder nach Riga verschleppt und ermordet", weiß die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Die Gesellschaft ließ 2014 an der Prinzenstraße drei Stolpersteine für die Familie verlegen. Nachdem Coppel 1945 auf dem Todesmarsch der KZ-Häftlinge von Auschwitz in den Westen die Flucht gelungen war, lernte er in Gleiwitz die Krankenschwester Trudy Silbermann kennen. "Sie fuhren nach Berlin und halfen dort beim Aufbau einer kleinen Synagoge", fasst Gabriele Wyrwala zusammen. Im März 1946 heirateten sie.

Es war die erste jüdische Trauung in der Synagoge. Das Ehepaar wollte jedoch nicht in Deutschland bleiben. Im August 1949 reiste die Familie mit einem Truppentransportschiff von Bremerhaven nach New York. "Sie wurden der Stadt Cincinnati zugewiesen. Carl Coppel hat es dort sozusagen vom Tellerwäscher zum erfolgreichen Geschäftsmann gebracht", berichtet Wyrwala. Nachdem er zunächst einen Feinkost-Lebensmittel-Vertrieb gegründet habe, arbeitete er dann als regionaler Vertriebsleiter für internationale Fracht.

In späteren Jahren engagierte sich Coppel in den USA wider das Vergessen. Er gehörte laut Gabriele Wyrwala Kuratorien und Vorständen von jüdischen Gemeinden an und war Vorstandsmitglied des Zentrums für Holocaust und Humanity Education. "Ab 1970 begann er, öffentlich über seine Erfahrungen im Holocaust zu berichten - an Schulen und Hochschulen, in Kirchen und anderen Organisationen", hat Wyrwala recherchiert.

2001 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität in Cincinnati verliehen. Gabriele Wyrwala begegnete Werner Coppel im Jahr 2000. "Nach mehreren Absagen hatte er die Einladung der Stadt Moers und unserer Gesellschaft zur 700-Jahr-Feier der Stadt Moers angenommen. Aber vermutlich mehr auf Drängen seiner Frau und eines Rabbiners, der ihn dazu animiert hatte, seine Geschichte aufzuschreiben." Er sei distanziert gewesen, habe vor allem erzählt, wie es ihm nach dem Krieg ergangen sei, erinnert sich Gabriele Wyrwala an das Treffen, das vor 17 Jahren stattfand.

"Ich glaube, er war nicht in Deutschland, um Freunde zu finden. Er hat sehr gehadert", erzählt die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Moers, ein Anliegen, das sie schon in jungen Jahren beschäftigte. Sie ist Gründungsmitglied der Gesellschaft. Als junge Frau war sie mit der Moerser Stadtjugendpflege selbst nach Israel gereist. "Wir haben im Rahmen der Aktion ,Sühnezeichen' dort Bäume gepflanzt.

Israel hat mich nicht mehr losgelassen." Nach Coppels Besuch in Moers, der ihn auch nach Neukirchen-Vluyn führte (dort lebte ein Cousin), riss der Kontakt ab. Laut Wyrwala starb Werner Coppel 2016 im Alter von 91 Jahren.

(RP)