Moers: Andreas Weißert, Brecht und die Frauen

Moers : Andreas Weißert, Brecht und die Frauen

Der Schauspieler Andreas Weißert zeichnet in einer Lesung im Studio des Schlosstheaters Moers das Bild eines Dramatikers und Lyrikers, der selbstbewusste Frauen schätzte: Bertolt Brecht. Die Zuhörer erhielten viele Einblicke.

Irgendwann taucht bei einer Lesung "Bertolt Brecht über die Frauen" die Frage auf, ob der große deutsche Epiker, Lyriker und Dramatiker sich so gegenüber den Frauen verhielt, wie er sie in seinen Erzählungen, Gedichten und Theaterstücken beschrieb: als selbstbewusste Personen, die gerade nach Schicksalsschlägen ihren Mann stehen. Doch diese Frage wollte Andreas Weißert nicht allgemeingültig beantworten, als er am Sonntagabend im Studio des Schlosstheaters Erzählungen und Gedichte von Bertolt Brecht vortrug, der 1898 in Augsburg geboren wurde und 1956 in Ost-Berlin starb. "Zu seinem 100. Geburtstag 1998 haben Autorinnen aus der Frauenbewegung geschrieben, wie furchtbar schlecht er zu Frauen war und wie er sie ausgebeutet hat", gab der Schauspieler als Rezensent nur seine Meinung vor 50 Zuhörern bekannt.

"Das passt nicht zu den Frauenrollen einer Mutter Courage oder einer heiligen Johanna der Schlachthöfe." Ein ausbeuterisches Frauenbild passte auch nicht zu den Gedichten und Geschichten, die Andreas Weißert ausgesucht hatte, der als Schauspieler den Brechtschüler Peter Palitzsch kennengelernt und später als Dramaturg in Dortmund als "Linker" eine besondere Liebe zu Bertolt Brecht entwickelt hatte.

Beispielsweise trug der 77-Jährige "Poetische Texte" vor, in denen der Epiker, Lyriker und Dramatiker 1941 den Tod einer seiner Mitarbeiterinnen verarbeitet, die er "mein General", "mein Lehrer" und "mein Schüler" nennt. Auch wenn Bertolt Brecht gerne als Autor der Neuen Sachlichkeit eingeordnet wird, welche kompakt und schnörkellos ist, sagt er danach fast romantisch, er wolle das "steffinische Sternbild" am Himmelzelt nach ihr benennen.

In der kurzen Geschichte "Der Arbeitsplatz" lässt Bertolt Brecht den Satz fallen, der wohl am besten sein Wunschbild einer weiblichen Person beschreibt: "In wenigen Tagen wurde die Frau zum Mann". In dieser Geschichte schlüpft eine Frau in die Rolle ihres verstorbenen Mannes, um in den 1920er Jahren in männlichem Anzug Arbeit als Wächter eines Industriebetriebes zu finden und das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Oder die Geschichte "Die unwürdige Greisin", die die humorvollste des Abends war, in der eine alte Frau nach dem Tod ihres Mannes das erste Mal in ihrem Leben das Leben genoss und die Grenzen der bürgerlichen Welt außer Kraft setzte. Mit hervorragender Intonation trug Andreas Weißert diese Erzählungen und Gedichte vor, wobei die Liebe zu Brecht ebenso zu spüren war wie die Sprachfertigkeit eines Schauspielers.

Hier und da setzte der Künstler Requisiten ein, beispielsweise ein Kopftuch. Oder eine Puppe, als er als Zugabe Surabaya Jonny sang, dessen Melodie von Kurt Weill stammt — beim Refrain begleitet von den Zuhörern, die zu Mitsängern wurden. Dieser Seemann mit autobiografischen Zügen, der in jedem Hafen eine andere Frau hatte, ist auch eine Facette des Frauenbildes eines Bertolt Brecht, das viel zu kompliziert zu sein schein, um es wirklich zu entschlüsseln.

(got)