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Ambulante Altenpflege in Moers: „Auf einmal klatschen die Leute für uns“

Ambulante Altenpflege : „Auf einmal klatschen die Leute für uns“

Besondere Wertschätzung haben Pflegekräfte vor Corona kaum erfahren – das ging auch den ambulanten Altenpflegern in Moers und Xanten so. Jenny Thate von der Caritas-Sozialstation hofft, dass die Anerkennung nach der Pandemie andauert.

Eines möchte Jenny Thate (42) klar stellen: Natürlich freut sie sich, wenn ihr Beruf als ambulante Altenpflegerin anerkannt wird. Wenn Menschen auf ihren Balkons auch für sie klatschen. Wenn Leute Schutzmasken für die Caritas-Station nähen, weil der Vorrat knapp geworden ist. Trotzdem stellt die Pflegedienstleiterin sich die Frage: „Warum erst jetzt?“ Sie mache denselben Job wie vor zehn Jahren auch. Da habe sich niemand besonders dafür interessiert. Ihr 36-köpfiges Team und sie wurden nicht als „systemrelevant“ bezeichnet.

Durch die Corona-Pandemie hat sich vieles gewandelt. Als der Lockdown beschlossen wurde, erhielt Thate viele Absagen von Patienten. Ihre Angehörigen hatten Angst, dass sie von den Pflegekräften infiziert werden könnten und wollten sie von nun an lieber selbst pflegen. Zwei Wochen später überlegte es sich ungefähr die Hälfte dieser Angehörigen anders: „Sie haben gemerkt, dass es nicht einfach ist, sich um einen alten Menschen zu kümmern“, sagt Thate. Vor allem nicht, wenn Kinder, Homeoffice und Haustiere genauso viel Aufmerksamkeit forderten.

Die Pflegedienstleiterin und ihre Mitarbeiter fahren ein bis drei Mal am Tag zu ihren Patienten, waschen sie, begleiten das Frühstück, machen ihre Betten, mobilisieren sie, verabreichen Medikamente, helfen dabei, die Kompressionsstrümpfe anzuziehen, spritzen gegebenenfalls Insulin. Was die ambulanten Pfleger beim einzelnen Patienten leisten, kommt immer auf dessen Bedürfnisse und seinen Pflegegrad an. Während der Pandemie wollen viele ausführlicher mit den Altenpflegern sprechen, den Besuch in die Länge ziehen. Das kann Thate gut nachvollziehen. „Die Menschen sind einsam, sie bekommen kaum noch Besuch. Manchmal sind wir die Einzigen, die sie den ganzen Tag sehen“, sagt die 42-Jährige. Deshalb schaue sie dann nicht auf die Uhr, sondern lasse sich auf die längeren Gespräche ein.

Thate möchte, dass die Patienten sich wohlfühlen und mit einem guten Gefühl in ihren Tag starten können. Trotzdem verfolge ihre Sozialstation – wie alle anderen Einrichtungen der Caritas auch – eine sogenannte Mischkalkulation: Braucht ein älterer Mensch mal etwas mehr Aufmerksamkeit und dauert der Besuch bei ihm deshalb länger, wird der Aufenthalt beim nächsten Patienten etwas abgekürzt – vorausgesetzt, dieser braucht nicht auch mehr Zuwendung als an anderen Tagen. Dafür wird Letzterer am nächsten Morgen länger versorgt. Besonders schwierig sei es, Demenz-Patienten die Krise zu erklären. Thate und ihr Team tun das immer wieder, doch die meisten können sich schon bald nicht mehr daran erinnern. Sie verstehen nicht, warum die Pflegekräfte Schutzmasken tragen, können ihren Gesichtsausdruck noch schlechter lesen, weil jedes Lächeln hinter der Maske verschwindet. Und auch die frische Luft zum Atmen, sagt Thate.

Wenn sie mit einem Auszubildenen unterwegs ist, bleibt bei beiden auch während der Autofahrt der Mundschutz auf dem Gesicht, damit die Ansteckungsgefahr möglichst gering bleibt. Nach sechs Stunden wolle man sich die Maske einfach nur vom Gesicht reißen. Und doch ist der Schutz unabdingbar.

Zwischenzeitlich hatten Jenny Thate und ihr Team auch keinen Mundschutz mehr – die Vorräte waren aufgebraucht. So nähten Bürger Masken für die ambulanten Altenpfleger. Eine Geste, die die Pflegedienstleiterin überrascht und berührt hat. Inzwischen konnte der Kreis Wesel ausreichend Schutzmaterial zur Verfügung stellen.

Obwohl sie ihren Job weitermacht wie bisher und nicht in die Kurzarbeit gerutscht ist, hat Thate manchmal ein ungutes Gefühl: Es wirkt für sie selbst so, als würde sie die Regeln des Lockdowns zu brechen. Ihr Sohn (12) frage sie oft, warum sie denn noch arbeite. Die anderen Mütter blieben doch auch zu Hause. Weil Schulen und Kitas geschlossen haben, gestaltet sich das Familienleben der Pflegekräfte schwieriger. Zwar sei eine Betreuung gewährleistet, doch in dieser Krise nicht für die Kleinen da zu sein, sei belastend.

Sie könne sich auch nicht mehr so einfach mit den Kollegen austauschen, sagt Jenny Thate. Die wöchentlichen Dienstbesprechungen fielen aus, genauso wie die täglichen Treffen im Büro und die Gespräche über Patienten. Eine schwierige Zeit. Deshalb wäre sie froh, wenn die Solidarität für Pflegekräfte nach Corona nicht abnehmen würde.

Das Beste aber wäre, wenn sich die Rahmenbedingungen für die Altenpflege verbessern würden. Vor allem in Form einer höheren Bezahlung.

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