1. NRW
  2. Städte
  3. Moers

22. Juni 1941: Wie Männer aus Moers in den Krieg an der Ostfront zogen

Erinnerung an 22. Juni 1941 : Wie Moerser Soldaten in den Krieg an der Ostfront zogen

Hunderte folgten damals dem Tagesbefehl von Adolf Hitler. Viele kamen nicht zurück. Von einigen sind noch Fotoalben erhalten. Bernhard Schmidt, Leiter der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Moers, hat hineingeschaut.

Hunderte Moerser Soldaten zogen vor 80 Jahren mit in den Krieg an der Ostfront. Dennoch ist der 22. Juni 1941 in unserem Geschichtsbewusstsein kaum ein Datum. Für die Völker der früheren Sowjetunion ist es bis heute der Beginn des Großen Vaterländi­schen Krieges, der dort mehr als 27 Millionen Opfer kostete, 8 Millionen davon in der Ukraine. Für die Weltgeschichte ist Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ der Start in den bislang verheerendsten rassistischen Raub- und Vernichtungs­krieg. Und für das Historiker-Team der ZDF-Dokumentationsreihe „Der deutsche Abgrund“ öffnet dieser Überfall das „Tor zur Hölle“ – das zugleich in den Holocaust mündet.

Ein Verwaltungsbericht des Kreis Moers weist für den Zweiten Weltkrieg bereits 1948 nicht weniger als 10.358 eigene Todesopfer an Wehrmachts- und Zivilvermissten aus. Und viele kriegsgefangene Soldaten kamen erst nach Jahren aus Russland zurück – wie hier Arnold Verspay im Frühjahr 1948.

Doch fangen wir weiter vorne an. Ein Jahr nach dem so erfolgreichen „Blitzsieg“ über Frankreich ziehen nun viele junge Moerser begeistert auch in diesen zweiten großen „Feldzug“. In Deutschland, so hatten sie schon in den 1920er Jahren lernen können, lebt ein Volk ohne Raum. Und dieses hat, da rassisch überlegen, ein Recht auf die Kornkammern in der Ukraine.

  • Paul Specks (sitzend) im Einsatz als
    80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion : Briefe aus Hückelhoven, die von der Front erzählen
  • Andrij Melnyk ist Botschafter der Ukraine
    „Gezielte russische Geschichtsumdeutung“ : Ukrainischer Botschafter boykottiert Gedenken mit Steinmeier
  • Alpakas im Kalisto. ⇥Foto: crei
    Veterinär rät : Moerser Streichelzoo-Alpakas sollen im Kalisto bleiben – zum Wohle der Tiere

In das erste Fotoalbum von Wilhelm Schink aus Hülsdonk, geboren 1906, zu seinem Einsatz im Osten ist vorne der Schriftzug „Aus großer Zeit“ eingeprägt. Und nicht nur die Alben von Wilhelm Schink, sondern auch die von Peter Heckes aus Schwafheim, geboren 1904, oder Helmut Cousin von der Römerstraße, geboren 1919, zeigen zunächst Bilder von gut ausgerüsteten frischen Truppen im Vorrücken, die Landkarten des eigenen Frontabschnitts oder Phasen von Freizeit und Entspannung. Gelegentlich ist auch ein Interesse – ja Mitgefühl – für die Menschen und Dörfer vor Ort erkennbar.

Es ist aber, was viele dieser jungen Soldaten noch nicht wissen, ihre eigene Wehrmacht, die bereits zwei Monate nach dem 22. Juni in Babi Yar bei Kiew am 30. September 1941 die Ermordung von 33.000 Juden innerhalb von zwei Tagen mitorganisiert. Bald bringen es SS-Einsatzgruppen und Polizeibataillone von Litauen und Lettland bis in die Ukraine auf mehr als eine Million ermordeter Juden. Von Anbeginn an mit im Gepäck hat die Oberste Heeresleitung den berüchtigten Backe-Plan. Mit diesem soll man, um ein Kolonialreich im Osten zu errichten, 10 Millionen Menschen verhungern lassen, eine Einstellung, die in kürzester Zeit 1,2 Millionen russische Kriegsgefangene das Leben kosten wird.

Das zweite der in Moers erhaltenen Fotoalben zeigt mehr Fotos aus Quartier und Stellungskrieg, Schnee und Eis, unwegsames Gelände. Den Umschlag des dritten Albums ziert bei Wilhelm Schink die eigene Erkennungsmarke. Er hat überlebt und tatsächlich auch den Rückzug über Jahre dokumentiert. Bilder zeigen Ehrenfriedhöfe für die eigenen Kameraden oder die eigene „Entlausungsanstalt“. Nicht überlebt hat der so begeisterte wie blutjunge Helmut Cousin. Zu seinem Tod in Nowo Tischowo am 8. September 1943 gibt der Kompanie-Führer an den Moerser NSDAP-Kreisleiter Bubenzer eine genaue Schilderung, die die Witwe wenig getröstet haben dürfte.

Für die jetzt in der Produktion massiv fehlenden Soldaten kommen Arbeitssklaven auch an den Niederrhein. Mit brutalsten Methoden werden sie aus der schnell besetzten Ukraine zwangsverschleppt. Mindestens 730 dieser jungen Leute verlieren in weniger als vier Jahren ihr Leben im südlichen Altkreis Moers. Besonders brutal sind die KZ-ähnlichen Lager der Zeche Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort. Als Überlebende den Einladungen aus Moers zwischen 1996 und 2008 folgen, sind sie überrascht, wie wenig die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs im Bewusstsein der Niederrheiner ist.

Im Dezember 1942 soll der Moerser Panzergrenadier Wenzel Leiss an der hartumkämpften Front von Rschew vor Moskau übergelaufen sein. Dieser Verdacht kostet sieben unschuldige Menschen aus der Ruhrstraße in Hochstraß das Leben. Das NS-Regime braucht reichsweit ein abschreckendes Exempel: „Sippenhaft“. An genau den Tagen, an denen die 6. Deutsche Armee in Stalingrad kapituliert, werden sie auf Befehl des Reichsführers SS im KZ Ravensbrück durch Erschießen hingerichtet, unter ihnen die dreijährige Marianne Leiß.

Im September 1941, dem Monat des Massenmords an den Juden in Babi Yar, wird in Deutschland das Tragen des Judensterns verordnet. Der bereits durchorganisierte Mord im Osten erleichtert ab Oktober die ersten großen Massendeportationen deutscher Juden nach Lodz und Riga. Am 11. Dezember geht auch vom Niederrhein ein Zug mit 1000 Menschen aus Düsseldorf in das Ghetto nach Riga – woran Moers sich im Dezember dieses Jahres erinnern will. Es sind dieselben 80 Jahre – der Höllenschlund war geöffnet.