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Theater Mönchengladbach: Zwei Frauenopern mit Schockbeilage

Theater Mönchengladbach : Zwei Frauenopern mit Schockbeilage

Die amerikanische Regisseurin Beverly Blankenship inszeniert die Kurzopern "Le Villi" und "Schwester Angelica" von Puccini als feministische Anklage. Besonders im zweiten Stück überzieht sie. Die Musik klingt trotzdem wundervoll.

Diese zweieinhalb Stunden Musiktheater sind schwere Kost. Das Schicksal der jungen Anna, die in Puccinis Erstlingswerk "Le Villi" von ihrem Verlobten verlassen wird, verknüpft das Theater mit dem tragischen Einakter "Suor Angelica" (Schwester Angelika), den Puccini gegen Ende seines Opernschaffens komponierte. Das ist fragwürdig. Gewiss, es gibt Parallelen der Handlung in beiden Opern, diese spitzt die amerikanische Regisseurin Beverly Blankenship aber so lange zu, bis es zusammenpasst: So ist Anna (Janet Bartolova) in dieser Inszenierung schwanger und wird auf Betreiben ihres Vaters in ein Schwesternheim abgeschoben.

 Dara Hobbs (links) überzeugte als Darstellerin in der Titelrolle in "Suor Angelica", Begeisterung löste ihre Gesangsleistung aus. Rechts Eva Maria Günschmann (Alt) in der Rolle der herrischen, grausamen Tante.
Dara Hobbs (links) überzeugte als Darstellerin in der Titelrolle in "Suor Angelica", Begeisterung löste ihre Gesangsleistung aus. Rechts Eva Maria Günschmann (Alt) in der Rolle der herrischen, grausamen Tante. Foto: Matthias Stutte

Dort verpasst ihr die Äbtissin zur Begrüßung so heftige Schläge in den Unterleib, dass Anna eine Fehlgeburt erleidet. Das Kind ist tot und wird irgendwo verscharrt. Im Heim müssen die Frauen schwer schuften, auf allen Vieren kriechen sie, um den Boden zu schrubben, oder sie klatschen blutverschmierte Textilien (wieso sind die Laken ausnahmslos blutig?) durch Wäschezuber. Szenen mit schlimmer Züchtigung, ja Folter in dem kubischen Gefängnis mit transzendenten Gazewänden entlarven die Nonnen als Sadisten und Psychopathen.

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Spätestens hier wird klar, dass Blankenship ihren Kritik-Ansatz an den Skandalen um Missbrauch und menschenverachtende Behandlung in kirchlichen Einrichtungen festmacht. Sie hat im Grundsatz recht, wenn sie solche Extreme christlicher Fehlentwicklung geißelt. Allerdings überzieht sie maßlos, wenn sie die schmale Handlung von den "Willi", den weiblichen Rachegeistern, die untreue Bräutigame zu Tode tanzen, frei umdichtet. Richtig tanzen tut die als Putzkolonne kostümierte Frauengruppe übrigens nicht, der reumütig zurückgekehrte Roberto (Kairschan Scholdybajew) sinkt eher dank der magischen Beschwörungsgestik Annas zu Boden. Am Ende wird er kurzerhand in die Waschkommode gestülpt und verschwindet — im Abfluss?

Solche Szenen könnten humoristisch wirken — tun sie aber nicht, weil immerzu die streng feministische Haltung der Regisseurin spürbar bleibt. Dazu kontrastiert seltsam die farbige, blühende, temperamentvolle, oft auch melancholische Musik aus dem Graben. Mihkel Kütson sorgt feinfühlig dafür, dass die Niederrheinischen Sinfoniker die Solisten solide unterstützen. So kann Kairschan Scholdybajew als Roberto sich mit tenoralen Glanzpunkten empfehlen und für seine Figur Sympathien ernten. Janet Bartolova erweist sich als brillante Darstellerin, die auch ihrer anspruchsvollen Gesangspartie großteils gut gerecht wird. Aufhorchen lässt auch der klangsinnliche Bariton Johannes Schwärskys als Annas Vater.

Doch erst nach der Pause, mit "Suor Angelica", entfaltet Puccini seine ganze Palette hoch ausdifferenzierter Klangrede. Hier klingt vieles durchaus diesseitig, frisch und geradlinig, ohne den lastenden Trauerflor der musikalischen Linien in "Le Villi". Dafür entfesselt Dara Hobbs als Angelica die ganze Empfindungs-Bandbreite einer verzweifelten Frau zwischen Hoffen und Bangen. Als sie erfährt, dass ihr Sohn, den man ihr weggenommen hat, gestorben ist, kann sie nichts mehr von der Selbstentleibung abhalten. Sie schluckt ein Fläschchen Gift. Hobbs legt die Partie hochdramatisch an, ihre Stimme verkraftet dies ohne Einbußen an Wohlklang. Eine großartige Sängerin! Ihre Gegenspielerin, die Fürstin, spielt Eva Maria Günschmann eiskalt und abweisend. Ihr markantes Stimmprofil dagegen nimmt sehr für sie ein.

Mit pompöser Apotheose beschließt die Regisseurin den Abend: In ihrer Agonie bittet Angelica die Jungfrau Maria um Gnade. Die schickt Angelicas kleinen Sohn zu ihr, der sich neben die Sterbende legt. Und dann blitzt ein Kreuz aus Licht auf, an dem eine barbusige Frau hängt. Noch einmal trägt Blankenship final ganz dick auf. — Großer Applaus für die Sänger/innen, den Chor und das Orchester. Die Regisseurin war terminlich verhindert.

(RP)