1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach

Mönchengladbach: Zu viele Pillen für Senioren

Mönchengladbach : Zu viele Pillen für Senioren

Eine Studie, die die Sozial-Holding in Auftrag gab, offenbart erschreckenden Zahlen. Die Heimbewohner schlucken zu viele und oft nicht miteinander verträgliche Medikamente. Ein Runder Tisch soll Lösungen finden.

Von den 617 Bewohnern in den sechs Altenheimen der Sozial-Holding der Stadt erhalten mehr als die Hälfte mehr als acht verschiedene Arzneimittel pro Tag. Durchschnittlich bekommt jeder Heimbewohner 6,3 Verordnungen täglich verabreicht. "Das ist viel zu viel und unverantwortlich", sagt Helmut Wallrafen-Dreisow. Der Geschäftsführer der Holding hatte eine Studie in Auftrag gegeben, die die Arzneimittelversorgung in seinen sechs Häusern analysiert. Über das Ergebnis der systematischen Erfassung sei er selbst sehr erschrocken. "Wir müssen Lösungen finden", sagt er, "und zwar schnell und effektiv."

"Die Daten werden regelmäßig ausgewertet"

Denn maximal vier bis fünf Medikamente am Tag seien für Senioren zulässig, auf keinen Fall mehr. Aber nicht nur die Menge, sondern auch die Kombination mehrerer Arzneimittel kann verheerende Auswirkungen zeitigen. "Die Haus- und Fachärzte verschreiben unabhängig voneinander, die Apotheker liefern aus." Wobei beide Berufsgruppen keine Schuld treffe. "Das Problem liegt bei uns: Wenn wir Schmerzen haben, wollen wir behandelt werden und Medikamente haben." Die Kommunikation zwischen allen Beteiligten müsse nachhaltig verbessert werden.

Arno Theilmeier, Gastroenterologe und Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, teilt Wallrafen-Dreisows Sorge. Deshalb hat er einen Runden Tisch zusammen gerufen. "Wir alle gemeinsam — Krankenkassen, Heimleiter, Ärzte und Apotheker — werden Lösungen finden", sagt er. "Schon jetzt laufen viele Gespräche, und erste Ergebnisse liegen auch schon vor." Ziel sei die deutliche Reduzierung von Medikamentengaben an Senioren.

Bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) gibt es eine ganz neue Software, die detailliert auflistet, welches Medikament von welchem Arzt wann an welchen Patienten verschrieben wurde. "Die Daten werden regelmäßig ausgewertet", sagt AOK-Regionaldirektor Heinz Frohn. Wobei nicht nur Heimbewohner beobachtet werden, sondern jeder einzelne AOK-Versicherte. Eine eventuelle Überversorgung oder verhängnisvolle Medikamenten-Kombination werden so schnell entdeckt, und "wir sehen, wenn im Einzelfall etwas schief gelaufen ist." Die Daten werden mit den Ärzten ausgewertet und besprochen. "Nur durch die enge Vernetzung von Kassen, Heimen, Ärzten und Apothekern werden wir das Problem in den Griff bekommen", ist Heinz Frohn überzeugt.

(RP/top)