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Mönchengladbach: Wolfgang Niedecken: "Ich möchte kein Berufsjugendlicher sein"

Mönchengladbach : Wolfgang Niedecken: "Ich möchte kein Berufsjugendlicher sein"

Die Kölner Kult-Band BAP macht auf ihrer "Zieht den Stecker"-Tour Ende August auch Halt in Mönchengladbach. Im Gespräch mit unserer Redaktion verrät Frontsänger Wolfgang Niedecken Pläne für das Jubiläumsjahr, sein Geheimrezept für ein gesundes Leben und was er der Borussia hoch anrechnet.

Sie sind gerade auf Ihrer Akustik-Tour "BAP zieht den Stecker", auf die Fans so lange gewartet haben. Was ist es für ein Gefühl, wieder auf Tournee zu sein?

Niedecken Es ist eine wunderschöne Tour. Leider mussten wir sie immer wieder verschieben, weil die Organisation so aufwändig ist. Ohne die ganzen Segnungen der Technik muss die Crew es jeden Abend wieder auf's Neue schaffen, dass die Instrumente zusammen harmonisch klingen. Das ist viel mehr Arbeit als bei einer normalen Tour.

Was ist für Sie das Besondere an Unplugged-Konzerten?

Niedecken Die Reduktion. Zur Ablenkung kann man alles Mögliche zukleistern, schminken und Nebel über den Boden schweben lassen. Wir wollten aber einfach mal strippen und schauen, was am Ende übrig bleibt, um es dann mit akustischen Instrumenten neu zu arrangieren.

BAP ist bekannt für lange Zugaben am Ende des Konzerts. Wie lange dauerte Ihr längster Auftritt?

Niedecken Das weiß ich noch ganz genau: Vier Stunden und acht Minuten. Das war 1984 auf der "Zwesche Salzjebäck un Bier"-Tour im Kölner Sartory. Unser Konzert ging von acht Uhr abends bis um acht nach zwölf. Eigentlich wollte ich mich danach noch mit Peter Rüchel vom Rockpalast treffen. Weil ich anschließend aber nur noch fertig in der Ecke lag, musste ich unser Treffen absagen.

Was macht ein Konzert für Sie besonders?

Niedecken Zum Beispiel wenn etwas Unvorhersehbares passiert. Anfang der 80er Jahre kauften wir uns für eine Nummer immer eine ortsübliche traditionelle Kopfbedeckung. Und weil uns im Schwarzwald niemand einen Bollenhut verkaufen wollte, bastelte sich der Percussionist aus einem Pappteller und vier roten Äpfeln einen eigenen. Als er mich dann bei dem entsprechenden Lied auf der Bühne antippte, musste ich mir vor Lachen fast in die Hose machen. Aber auch mein erstes Mal mit Bruce Springsteen auf der Bühne oder unsere Auftritte im Vorprogramm der Rolling Stones, das waren für mich ganz besondere Momente.

Und den allerersten Auftritt, haben Sie den auch noch so gut in Erinnerung?

Niedecken (lacht) Ja komplett. Der war 1978 bei einer Veranstaltung in Köln-Nippes gegen den geplanten Bau der Stadtautobahn. Dazu mussten wir erst überredet werden. Wir sind auch nicht besonders gut gewesen, aber irgendwie hatten wir Blut geleckt.

Bei Ihrer aktuellen Tour sitzen Sie ruhig mit der Gitarre auf der Bühne. Würden Sie sagen, Sie sind nach Ihrem Schlaganfall insgesamt ruhiger geworden?

Niedecken Nein, das denke ich nicht. Vielleicht bin ich noch ein bisschen vernünftiger geworden. Auch wenn Vernunft im Rock n' Roll imagemäßig nichts zu suchen hat. Aber das interessiert mich nicht. Ich bin aber auch gelassener und entschlussfreudiger geworden. Ich habe eine genaue Vorstellung davon, wohin sich diese Band in den kommenden zwei Jahren entwickeln wird.

Und?

Niedecken Ich möchte auf keinen Fall zum Berufsjugendlichen werden. Das wäre mir höchst peinlich. Wir sollten uns unserer Reife entsprechend verhalten. Ich möchte mir nicht die Haare färben und mich auch nicht in irgendwelche hippen Klamotten zwängen, um mit jungen, wilden Bands mitzuhalten.

Auf Ihrer Tour fahren Sie fast jeden Tag in eine neue Stadt. Empfinden Sie das als anstrengend oder genießen Sie den positiven Stress?

Niedecken Ich genieße diesen positiven Stress. Ich merke aber, wenn ich fünf Konzerte nacheinander gespielt habe, schalte ich irgendwann auf Auto-Pilot. Und das ist schade. Gott sei Dank, kommt das aber nur sehr selten vor.

Seit Ihrem Schlaganfall trinken Sie gar keinen Alkohol mehr, fahren wieder viel Fahrrad. Schaffen Sie es, sich im Tour-Alltag auch daran zu halten?

Niedecken Wir suchen die Hotels danach aus, ob es dort einen Fitnessraum oder, noch besser, ein Schwimmbad gibt. Sport ist mir wirklich wichtig. Jahrzehntelang bin ich jeden Morgen dreißig Kilometer mit dem Fahrrad am Rhein entlang gefahren. 2011, im Jahr meines Schlaganfalls, hatten wir aber so viele Termine, dass ich morgens lieber im Bett geblieben anstatt auf's Fahrrad gestiegen bin. Ich wurde 60 Jahre alt, die Band 35, und es gab Unmengen Organisationskram. Dadurch, dass ich kaum mehr Sport getrieben habe, wurden meine Abwehrkräfte schwächer und ich bekam während einer USA-Reise durch die Klimaanlage des Wohnmobils einen Husten, der dann den Schlaganfall auslöste. Vorher hatte ich über zehn Jahre lang keine einzige Erkältung.

Ich trinke mittlerweile überhaupt keinen Alkohol mehr, weil ich es großartig finde, klar denken zu können. Wer einmal in meinem Zustand war, weiß, wie sehr man es schätzt, nach einem halben Jahr Reha wieder alles auf der Reihe zu haben.

Was ersetzt Ihnen den Rotwein am Abend?

Niedecken Abends trinke ich gerne ein großes Glas mit aufgebrühtem frischen Ingwer, Nana-Minze und einem zusätzlichen Minze-Teebeutel. Wenn der Tee gut gezogen ist, kommt dazu noch mindestens eine halbe Zitrone. Das schmeckt unfassbar gut. Zu Hause heißt es dann: 'Vatter macht sich wieder seinen coolen Drink'. Den trinke ich übrigens auch auf der Bühne.

Sie sind ein großer Fußball-Fan - wie und wo verfolgen Sie auf Ihrer Tour die WM-Spiele? Geht das überhaupt?

Niedecken Wir haben unsere ganze Tour nach dem WM-Spielplan ausgerichtet. Nur bei unseren zwei Zusatzkonzerten in Köln hat unser Booker nicht darauf geachtet. Am liebsten gucke ich die Spiele in Ruhe zu Hause auf meinem großen Fernseher. Auch meine Mädels schauen regelmäßig mit. Fußball ist für mich eine ästhetische Veranstaltung, und bei einer WM kommen die besten Spieler der Welt in meinem Wohnzimmer vorbei. Herrlich!

Sie als eingefleischter FC-Fan: Können Sie der Borussia in Mönchengladbach etwas abgewinnen?

Niedecken Ich persönlich habe überhaupt nichts gegen Borussia Mönchengladbach. Ich finde, das ist ein großartiger Fußballverein, der hervorragende Spieler hervorgebracht hat. Natürlich hätte ich es lieber, wenn der FC auch öfter mal gegen Mönchengladbach gewinnen würde.

Weil sich die Kölner Kult-Bands "Bläck Fööss" und "Höhner" 2009 auf Karnevalssitzungen der Borussia schwarz-weiß-grüne Fanschals umhängen ließen, gab es von den FC-Fans in Köln mächtig Ärger. Würden Sie nach dem Konzert Ende August in Rheydt einen Borussia-Schal tragen, wenn Sie ihn von einem Fan geschenkt bekommen?

Niedecken Wenn ich die entsprechenden Worte dazu sagen dürfte, ja.

Und die würden lauten?

Niedecken Dass mir natürlich der FC in die Wiege gelegt worden ist, aber ich durchaus respektvoll mit dieser Geste umgehen kann.

Das klingt wirklich sehr vernünftig.

Niedecken Ich bin sehr gerne in Gladbach. Ich habe da auch schon viele Spiele zwischen den Borussen und dem 1. FC gesehen. Besonders toll finde ich übrigens, dass das Stadion immer noch "Borussia Park" heißt und nicht in irgendeine Versicherung umgetauft wurde. Das ist den Gladbachern hoch anzurechnen.

Neben Ihrer Leidenschaft für Fußball, Musik und Kunst setzen Sie sich in Ihrem "Rebound-Projekt" für Kindersoldaten im Ostkongo ein. Wie verarbeiten Sie die Schicksale, mit denen Sie vor Ort konfrontiert werden?

Niedecken Als ich das erste Mal in Nord-Uganda war und gesehen habe, was diese Kinder durchmachen, die für den Bürgerkrieg überhaupt nichts können, hat mich das wirklich verfolgt. Ich hätte nicht mehr in den Spiegel sehen können, wäre ich tatenlos wieder abgereist. Am Anfang habe ich viele schlaflose Nächte gehabt. Nachdem ich nun öfter da war, kann ich das auch besser verarbeiten. Damals habe ich jedenfalls an nichts anderes denken können.

Gibt es Jugendliche, zu denen Sie auch einen näheren Kontakt pflegen?

Niedecken Ja, da gibt es einige. Ein schönes Beispiel ist Zebra, ein ehemaliger Kindersoldat, der heute mit seinen rund 20 Jahren eine eigene Schreinerei mit sechs Angestellten hat und gerade Vater geworden ist. Ich habe ihn vor ein paar Jahren in einer unserer Schulen kennengelernt. Immer wenn ich in die Stadt Beni fahre, dann besuche ich ihn in seinem Betrieb. Es ist schön zu sehen, wie stolz er ist, es geschafft zu haben.

Zurück zur Musik: Übernächstes Jahr feiert die Band ihr 40-jähriges Bestehen. Was haben Sie geplant?

Niedecken Am Ende unserer laufenden Tour veröffentlichen wir unser Live-Album "Das Märchen vom gezogenen Stecker". Auf dem Doppelalbum gibt es 30 Stücke, die wir an drei Abenden im April in der Kölner Philharmonie aufgenommen haben. Dann werden wir uns für ein Jahr von der Bildfläche verziehen, um uns auf das Jubiläumsjahr 2016 vorzubereiten und an einem neuen Studioalbum arbeiten. 2016 werden wir höchstwahrscheinlich eine Greatest Hits-Tour spielen. So etwas machen wir nur alle zehn Jahre, wenn es ein Jubiläum zu feiern gibt.

An Abschied wird nicht gedacht?

Niedecken Nein, der liegt noch in weiter Ferne. Wir sind uns schon lange darüber bewusst, dass es ein Privileg ist, so leben zu dürfen wie wir. Warum sollten wir uns verabschieden?!

(met)