Mönchengladbach: Wohlklang mit Adam und Eva im Paradies

Mönchengladbach : Wohlklang mit Adam und Eva im Paradies

Reinhold Richter leitete eine hochkarätige Aufführung von Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" in St. Helena, Rheindahlen. Als Solistin wirkte die amerikanische Primadonna und bayerische Kammersängerin Helen Donath mit.

Wie rührt es doch immer wieder Herz und Sinne, wenn in Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" der Löwe brüllt, die Lerche tiriliert oder das Gewürm unter Zuhilfenahme des Kontrafagotts am Boden kreucht. Entzückend ist das und erbaulich. Schon die Erschaffung des Lichts, jener fulminante, aus der geheimnisvollen Ruhe des Urweltenchaos in hellstem C-Dur hervorbrechende Klangstrahl, treibt jedem einigermaßen empfänglichen Menschen wohlige Schauer über den Rücken. Und Reinhold Richter, der seit quasi ewigen Zeiten (genau: 31 Jahre) als Kantor zum Wohle der Gemeinde wirkt, weiß natürlich um Haydns tonmalerischen Coup. Dementsprechend blendend schickt der von etlichen Projektsängern verstärkte Kirchenchor den Licht-Akkord unters Gewölbe. Zur Freude der Zuhörer im übervoll besetzten Kirchenschiff.

Diese Freude ist umso größer, als wenige Augenblicke zuvor noch der vom Chor dahingehauchte Geist über den Wassern ernsthaften Intonationstrübungen ausgesetzt war. Die lösen sich erfreulicherweise bald in Wohlgefallen auf, was einem fulminanten Konzerterlebnis freien Lauf lässt. Der viel beschäftigte Chor, dem man die langjährige Erfahrung seiner Sängerinnen und Sänger anhört, macht seine Sache gut. Das Orchester, das mit Profis edel besetzt ist, agiert tonschön, routiniert und in Richters Sinne. Der Kantor agiert mit gewohntem Hochdruck, theatraler Gestik und sichtlicher Freude an den vielen Farben und Temperamenten des populären Werks. Mit welcher Vehemenz er den Paukenwirbel der Ursuppen-Ouvertüre befehligt, wie er das finale "Amen" eine kleine Ewigkeit hinauszögert – zwischen diesen emphatischen Posen erschafft Richter Haydns naiv-volkstümliche Schöpfungsgeschichte gleichsam neu.

Als kleine Sensation jedoch entpuppt sich das Trio der Gesangssolisten. Allen voran die 72-jährige Helen Donath legt eine solche Freude in die Gestaltung ihrer Engel-Arien oder das Gattenduett Eva/Adam an den Tag, dass einem das Herz übergeht. Ihr Sopran strahlt nahezu ewig-jung in der Höhe, ihre gestalterischen Finessen, die tadellose Technik, die kleinen und koketten Gesten der Diva – sie machen Helen Donaths Auftritt zum Ereignis. Außerordentlich gefällt auch der Bariton von Jochen Kupfer. So viel Wohlklang war selten, seine Lust, die rezitativischen Partien beinahe lautmalerisch zu gestalten, beeindruckt ebenso wie der große, sonore ariose Duktus.

Da hat es der Tenor Donát Havár mit seinen wunderbar ausgeglichenen, obertonreichen Farben schon schwerer, zumal er musikalisch blass bleibt. Doch die Ensembles gelingen tadellos, hier sind wirkliche Könner am Werk.

Der Kirchen- und Projektchor hält zweieinhalb Stunden durch, meistert manche Klippe bravourös. Und als in den tosenden Schlussapplaus Helen Donath der großen Sängerschar Dank und freundliche Anerkennung zollt, ernten die Sängerinnen und Sänger den verdienten Lohn für ein Dreivierteljahr intensiver Probenarbeit.

(ark)
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