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Mönchengladbach: Wir übermalen das Dante-Bild

Mönchengladbach : Wir übermalen das Dante-Bild

Interview Thomas Ludwig, Vorsitzender des Mönchengladbacher Fanprojekts, über Borussias Wandlung, das neue Team, die gestiegenen Ansprüche der Fans, inszenierten Fußball und die erkaltete Liebe zum nach München abgewanderten Abwehrchef

Sie haben sich die Borussen im Trainingslager am Tegernsee angeschaut. Wie ist Ihr Eindruck?

Ludwig Ich muss da etwas weiter ausholen. Für uns Fans war es eine lange Saison, denn man muss den zweiten Teil der vorigen Saison dazu nehmen. Was passiert ist, ist unglaublich. Vor einem Jahr waren wir in der Abstiegs-Relegation, jetzt spielen wir um den Einzug in die Champions League. Wir sind sozusagen ein halbes Jahr lang auf der Flucht vor dem Abstieg gewesen, dann ging es darum, den Europapokalplatz zu halten. Keiner konnte durchatmen. Das alles hat viel Kraft gekostet. Erst jetzt, in der langen Sommerpause, war Gelegenheit, die ganze Geschichte mal zu reflektieren.

Mit welchem Ergebnis?

Ludwig Ich habe festgestellt, dass man als Gladbach-Fan total auf den eigenen Klub fixiert war durch all die Ereignisse. Wir waren in unserer eigenen Welt gefangen. Nun habe ich mich mal wieder im Fußball umgeschaut und ich muss sagen, ich bin entsetzt. Die Europameisterschaft hat mir überhaupt nicht gefallen. Die Spiele haben mich gelangweilt, aus Fan-Sicht war es ein inszeniertes Ereignis. Und die Debatten um die Gewalt in den Stadien regen mich auf. Wir Fans werden zu wenig eingebunden, vieles geht an uns vorbei. Was Borussia angeht, kann man sehr zufrieden sein. Der Klub hat gerade in den schwierigen Zeiten gezeigt, dass er gut aufgestellt ist. Auch als es nicht lief, haben die Fans nicht das Klubhaus angezündet, wie es woanders passiert. Darum können wir guter Dinge in die neue Saison gehen.

Wie ist der Außenblick auf Borussia nach dieser außergewöhnlichen Saison?

Ludwig Die Leute sind von der Metamorphose des Teams total überrascht. Ich werde oft gefragt, wie es dazu gekommen ist. Die Leute sehen, dass der Verein in schwierigen Zeiten die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Borussia hat hohe Sympathie-Werte. Keiner glaubt, dass der Erfolg erkauft wurde, sondern das Ergebnis guter Arbeit ist. 2004 hat es angefangen, als das Jugendinternat eröffnet wurde. Vieles von dem, was wir heute sehen, ist das Resultat davon. Der Klub ist, und das macht ihn aus, von unten bis oben gut strukturiert. Darum beneiden uns die Fans anderer Vereine. Und es gibt dem Verein eine solide Basis, auf der immer wieder aufgebaut werden kann.

Wie gefallen Ihnen die neuen Spieler?

Ludwig Ich freue mich total, dass die Transfers geklappt haben. Damit hat Borussia die Abgänge aufgefangen. Ich glaube, wir können zufrieden sein. Allerdings werden viele Fans mit einer ganz anderen Erwartungshaltung in die Saison gehen. Wir müssen nach diesem tollen Jahr wieder lernen, auch mit Misserfolgen umzugehen. Man muss wohl davon ausgehen, dass es auch Rückschläge geben wird. Die Jungs werden im Europapokal vielleicht auch mal einen auf die Mütze kriegen, da müssen sie danach die Kurve kriegen. Da kann es auch mal ein Tief geben. Auch der Start mit dem Pokal-Derby in Aachen und den Bundesligaspielen gegen Hoffenheim in Düsseldorf kann kompliziert sein. Aber es kann auch gut laufen. Wir müssen abwarten. Für uns Fans ist es jedenfalls eine Herausforderung, mit den großen Erwartungen und Hoffnungen umzugehen. Wir müssen realistisch bleiben.

Können die Fans das wirklich?

Ludwig Die, die seit vielen Jahren dabei sind und alle Höhen und Tiefen mitgemacht haben, ganz sicher. Sie haben ein gutes Gespür für die Situation. Ich denke aber, dass jetzt viele Event-Fans dazu kommen. Die haben das durchgestylte Produkt Euro gesehen und werden dann vielleicht vom grauen Bundesliga-Alltag enttäuscht sein. Wir müssen sehen, dass wir in der Hinrunde vor allem unsere Heimspiele gut bestreiten. Gerade am Anfang sind die Auswärts-Aufgaben sehr schwer. Wenn wir nach der Hinrunde 20 bis 25 Punkte haben und Siebter oder Achter sind, dann wäre das gut. Dann schauen wir mal, wie es in den anderen Wettbewerben gelaufen ist und schauen auf die Rückrunde.

Stichwort Düsseldorf. Was ist mit dem Geisterspiel?

Ludwig Für mich ist vor allem enttäuschend, dass durch die Spielplanungen der DFL unser Konzept unterwandert wird, dass man, wenn man sich gut benimmt, auch keine Strafen bekommt. Ich hoffe aber immer noch, dass die Entscheidung revidiert wird und es kein Geisterspiel gibt.

Was passiert, wenn es so kommt? Das Fanprojekt hat angekündigt, dann dazu aufzurufen, nach Düsseldorf zu fahren.

Ludwig Wenn es das Geisterspiel bleibt, sind wir aufgefordert, dafür zu sorgen, dass alles ohne Probleme abläuft. Wir haben für den Fall bereits Ideen im Kopf. Unsere Fans müssen wissen, dass es auch um ihren Ruf geht. Wenn es Ärger gibt, nimmt der Schaden.

Ist Trainer Lucien Favre nach wie vor der Messias für die Fans?

Ludwig Er zieht den Erfolg an. Er hat die Qualität ins Team gebracht und die Fans vertrauen ihm, dass es so bleibt. Er ist sicher kein Messias, aber Lucien Favre ist der Mosaikstein, der uns stark macht.

Können die Fans den Verlust von Dante und Marco Reus verdauen?

Ludwig Dante ist schon lange abgehakt. Wir werden auch sein Bild an der Mauer am Fan-Haus übermalen lassen. Wir werden es fotografieren, dann kann Uli Hoeneß es in München aufstellen. Wir schicken einen Koffer mit all den Dante-Frisuren hinterher.

Was ist mit Reus?

Ludwig Bei ihm ist es anders als bei Dante. Er war eine wichtige Integrationsfigur für uns alle. Für uns Borussen war es wichtig, dass er bei der Euro nur als Gladbacher aufgetreten ist. So gesehen war gut, dass er nicht ins Finale gekommen ist. Denn dann wäre er schon Dortmunder gewesen, weil am 1. Juli, dem Tag des Endspiels, sein Vertrag dort begann. Aber er ist ein Dortmunder Junge und er ist immer authentisch geblieben. Jeder kann seine Entscheidung verstehen, sie ist logisch. Es wäre natürlich schön, wenn es bei Lewis Holtby, der ja Ur-Gladbacher ist, mal genauso laufen würde.

Wie wichtig ist Marc-André ter Stegen für Borussias Fans?

Ludwig Er ist eine große Identifikationsfigur, schließlich ist Marc echter Gladbacher. Er hat auf Anhieb die Fanherzen erobert. Ich mache bei Borussia ja ab und an Stadionführungen. Da laufen auch immer die Kino-Spots, wo es heißt: Du spürst, dass du ein Borusse bist. Bei dem Spot von Marc bekomme ich immer wieder Gänsehaut. Es passt einfach.

Karsten Kellermann sprach im Trainingslager der Borussen in Rottach-Egern mit Thomas Ludwig. Der 43-Jährige ist seit 1994 Vorsitzender des Gladbacher Fanprojekts.

(RP)