Mönchengladbach: "Wir könnten tot sein"

Mönchengladbach : "Wir könnten tot sein"

Der Unfall war lautlos, die Kohlendioxid-Wolke unsichtbar. Anwohner sind von dem Gasunglück in Mönchengladbach total überrascht worden. Als die Feuerwehr mit der Evakuierung begann, waren viele noch im Schlafanzug. Innerhalb von Minuten wurden sie aus der Gefahrenzone gebracht.

Wie viel Uhr es genau war, als er am Samstag jäh aus dem Schlaf gerissen wurde, weiß Peter Kiss schon gar nicht mehr. "Plötzlich ballerte jemand mit der Faust vor meinen Lkw. Ich schob die Gardine von meinem Kabinenfenster weg und sah eine Gasmaske vor meinen Augen", erzählt Berufsfahrer Peter Kiss. "Dann riss der Feuerwehrmann schon an meinem Arm und rief: ,Raus, raus hier.' Ich wusste nicht, was los war und wollte mir noch etwas überziehen, aber er schrie, dafür sei keine Zeit."

Peter Kiss hat wie sein Kollege Andreas Schild die Nacht zum Samstag auf dem Gelände des Transportunternehmens verbracht, bei dem beide angestellt sind. Die Spedition liegt im Mönchengladbacher Gewerbegebiet Güdderath, direkt neben dem Lack-Depot, aus dem aus noch ungeklärter Ursache eine Gaswolke entwich. Am Wochenende wollten die Lkw-Fahrer noch einige Reparaturen erledigen. "Normalerweise parken wir immer auf der Seite des Lack-Lagers. Diesmal hatten wir unsere Wagen gegenüber abgestellt", berichtet Andreas Schild. "Glück für uns. Vielleicht wären wir sonst tot."

Es ist 6.10 Uhr, als am Samstag bei der Feuerwehr der Brandmeldenotruf eingeht. Zehn Einsatzkräfte rücken 50 Minuten vor Schichtwechsel zum Klosterhofweg im Gewerbegebiet aus. Sie glauben, es sei ein normaler Brandeinsatz. "Einige Männer sind mit Pressluftatmer ins Gebäude, andere blieben ohne Atemschutz draußen", berichtet Feuerwehrchef und Einsatzleiter Jörg Lampe später. "Plötzlich fielen die, die draußen standen, in Ohnmacht." Schnell wird den eingesetzten Männern klar: Hier könnte sich eine Katastrophe anbahnen.

Um 7.45 Uhr wird über Notruf Verstärkung angefordert. "Wir wussten, dass es in dem Lackdepot eine CO2-Löschanlage gibt", sagt ein Feuerwehrsprecher. Deshalb habe man auch gleich Kohlendioxid-Austritt vermutet. Sofort sei damit begonnen worden, die Menschen zu warnen. "Mir kam ein Feuerwehrmann entgegengerannt, der rief, ich sei in Gefahr und solle weglaufen. Ich wusste gar nicht, was passiert war. Ich hatte richtig Angst", sagt eine Passantin.

Gegen 8 Uhr werden die ersten Rettungsdienstzelte eingerichtet. Peter Kiss und Andreas Schild werden auch dorthin gebracht. Unterwegs sehen die beiden einen verlassenen Motorroller am Straßenrand liegen. Der Fahrer, so erzählt ihnen später ein Augenzeuge, sei einfach bewusstlos heruntergerutscht und liegen geblieben. "Wir konnten nicht lange überlegen", sagt Feuerwehrchef Jörg Lampe nach dem Einsatz. "Wir sind zu Fuß hinein in die Gefahrenzone, haben die Menschen auf Tragen gelegt, sie zum nächsten Stützpunkt gebracht und in Wagen verfrachtet." Direkt am Unfallort ist die Kohlendioxid-Konzentration zu dem Zeitpunkt so hoch, dass Automotoren wegen Sauerstoffmangels ihren Dienst versagen.

50 Häuser müssen evakuiert werden. Die Polizei sperrt alle Straßen in einem Umkreis von zwei Kilometern ab. Es kursieren Gerüchte, dass es Tote gibt. Über Lautsprecher werden Anwohner, die in ihren Wohnungen bleiben durften, aufgefordert, Fenster und Türen zu schließen. "Kohlendioxid ist schwerer als Luft. Es hat sich in vielen Kellern verteilt", erklärt Lampe. Aber auch auf Straßenrand-Höhe wird ein gefährlich erhöhter Wert gemessen.

Gegen 11 Uhr wird ein Hubschrauber angefordert. Das Gebiet um den Unglücksort liegt in einer Kuhle. Und es weht kein Wind. Die Gas-Wolke will sich nicht auflösen. Die Einsatzkräfte hoffen, dass die Flugbewegungen das Kohlendioxid verwirbeln können. Der Test mit einem kleinen Hubschrauber zeigt Wirkung. Ein größerer wird angefordert.

Gegen 12 Uhr treffen Peter Kiss und Andreas Schild am Stützpunkt "Tankstelle" ein, wo es für die Retter und Betroffenen etwas zu essen gibt. Beide waren bereits im Sanitätszelt. "Wir sind registriert und komplett durchgecheckt worden", berichtet Schild. In seinem Körper wurde eine erhöhte Dosis Kohlendioxid nachgewiesen. "Ich habe Sauerstoff bekommen. Jetzt fühle ich mich gut", sagt der Berufsfahrer. Und: "Das funktioniert hier alles reibungslos." Frühzeitig waren Rettungssanitäter und Notärzte aus Neuss und Viersen angefordert worden. Fast 500 Helfer sind mittlerweile im Einsatz. Die Zahl der Verletzten steigt auf 107.

Kurz vor 15 Uhr hat sich die Lage entspannt. Der Hubschrauber-Einsatz hat dafür gesorgt, dass sich die Gaswolke auflöst. Feuerwehrleute kontrollieren die letzten Häuser und Keller. Mit Gebläsen werden Kohlendioxid-Reste verteilt.

Wenig später kehren die Bewohner wieder in ihre Häuser zurück — glücklich, aber noch mit einem gehörigen Schrecken in den Gliedern.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gasunfall in Güdderath - Bilder vom Unglücksort

(RP)
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