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Mönchengladbach: Wenn die Tuba zur Geliebten wird

Mönchengladbach : Wenn die Tuba zur Geliebten wird

Øystein Baadsvik faszinierte das Publikum des "nordischen" Sinfoniekonzerts im Theater - als unkonventioneller Solist beim Tubakonzert von Frederik Högberg. Und mit Jean Sibelius trumpfte das Orchester ganz spätromantisch auf.

Die körperliche Beziehung eines Paukenisten zu seinem Instrument erschöpft sich, vereinfacht gesagt, im Draufhauen. Ein Tubist, zumal wenn er Øystein Baadsvik heißt, hat da ganz andere Möglichkeiten. Im 4. Sinfoniekonzert der Saison lässt der Solist in Frederik Högbergs ihm auf den Leib geschriebenen Tubakonzert "Rocky Island Boat Bay" keinen Zweifel daran, dass die Tuba eine leibhaftige Geliebte sein kann.

So innig umschmiegen seine Arme das silberhell glänzende Rohrgeflecht; so äußerst sensibel entlocken seine Lippen dem blechernen Ungetüm leiseste, delikateste Entzückenslaute; so brachial und aberwitzig komisch gestaltet sich manche Zwiesprache, wenn Baadsvik in den Strom seiner Atemluft Worte oder gesungene Töne mischt, die sich klanglich wie ein handfester Ehekrach äußern. Baadsvik tanzt, swingt mit der Tuba. Und wenn er mit der flachen Hand das Mundstück seines Blechblasinstruments malträtiert, klingt es sogar unanständig.

Das Publikum im Konzertsaal des Theaters ließ sich nach anfänglichen Schrecksekunden - Högbergs 2006 entstandenes und hier in Deutscher Erstaufführung dargebotenes Werk pustet zunächst mit reichlich brachialem Krach die Ohren frei - bereitwillig ein auf eine postmoderne Klangwelt. Besonders Elemente des Jazz und der Ästhetik der Filmmusik entlehntes Pathos prägen neben barocker Formensprache und schlagwerkdominierten Passagen die Stimmung des Werks. Immer wieder singt die Tuba herzerweichend schön, nachdem sie einen weiteren Kampf mit dem massiven Orchesterapparat überstanden hat. Und am Ende, nach einer atemberaubend virtuosen Kadenz, verklingt eine provokant monumentale Akkordfolge in leisestem Zupfen. Die Begeisterung im Publikum erwidert Baadsvik mit einem bezaubernd zerbrechlichen Tanz seiner nun keuschen Gespielin.

Jean Sibelius' Sinnenfreude ist die Schwermut. Das macht an so einem Konzertabend einen schönen Kontrast. Der musikalische Nationalheld Finnlands, der vor 150 Jahren auf die Welt kam, schwelgt schon in seiner ersten Sinfonie in elegischem e-Moll, dass es eine Lust ist. Generalmusikdirektor Mihkel Kütson kennt und liebt als Este diese Musik sehr und bringt das mit beherzten Impulsen seinen Niederrheinischen Sinfonikern auch nahe. Das Orchester prunkt mit großer Besetzung: Trompeten und Posaunen geben alles, edel glänzen die Hörner, prominent eingesetzt sind Pauken und Harfe, immer wieder verheißt das Grollen der Großen Trommel nichts Gutes. Weit hinaus in tschaikowsky'sche Tristesse schwingen die Melodien, ländliche Naturidylle blitzt aus der Holzbläser-Sektion. Vieles gelingt sehr differenziert, tonschön in den Streichern; anderes (Blech) bleibt bisweilen roh, unverbunden. Sibelius' Erste zum Klingen und Singen zu bringen scheint ganz schön schwer.

Die "Finlandia" dagegen ist kürzer, prägnanter, vielleicht deshalb so berühmt. Der Blech-Choral des Beginns gelingt mustergültig, die musikalische Reise durchs Finnland der Jahrhundertwende ist schier mitreißend. Begeisterter Applaus.

(ark)