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Michael Grosse Und Christoph Erpenbeck: Wenig Spielraum beim Theater-Spielplan

Michael Grosse Und Christoph Erpenbeck : Wenig Spielraum beim Theater-Spielplan

Christoph Erpenbeck ist Chefdisponent des Theaters Krefeld / Mönchengladbach. Im Gespräch erläutern er und Intendant Michael Grosse, was es heißt, Spielpläne aufzustellen, und wieso sie nicht alle Besucherwünsche erfüllen können.

Bis wann soll dieses Schauspiel produziert, geprobt, zur Premierenreife gebracht sein, in welchem Abstand dazu soll eine Oper oder ein Musical folgen? Welche Ensembles sind wann in Proben wo eingebunden? Und welche Angebote macht das Theater seinen Abonnenten? Ohne Disposition läuft nichts an einem Theater, zumal an einem Zwei-Städte-Theater. Vor drei Jahren übernahm der Bariton Christoph Erpenbeck (50) diese schwierige Aufgabe. Im Gespräch erläutern Erpenbeck und Generalintendant Michael Grosse diesen anspruchsvollen Aufgabenbereich.

Was macht eigentlich ein Disponent?

christoph Erpenbeck Er muss vor allem den gesamten Ablauf des Betriebs Theater planen und steuern. Diese Aufgaben sind aufgeteilt auf das Künstlerische Betriebsbüro (KBB) und die Disposition. Das KBB ist zuständig für die Tages- und Wochenplanung, der Chefdisponent übernimmt die Monats- und Jahresplanung.

Womit beginnen Sie, wenn Sie eine Spielzeit durchzuplanen haben?

Erpenbeck Es beginnt damit, dass ich in die Dispositionstabelle die von der Orchestergeschäftsführerin Anette Held mit den Konzerthallen vereinbarten Termine für die sieben Sinfoniekonzerte und zwei Chorkonzerte einarbeite. Die Disposition braucht da zur Buchung der Säle einen Vorlauf von 18 bis 24 Monaten. Wir sind gerade bei der Spielzeit 2016/17.

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Bitte erläutern Sie, warum die Sinfoniekonzerte sozusagen die Basis aller Planung bedeuten.

Michael Grosse Das sind die großen Pfähle, um die sich alles andere gruppiert: Wir müssen zweimal das Seidenweberhaus in Krefeld und einmal die Kaiser-Friedrich-Halle für die Sinfoniekonzerte mieten. Und das möglichst in einer Woche, damit keine zusätzlichen An- und Abreisekosten für Gäste und Dirigenten anfallen. Für die Sinfoniekonzerte müssen wir feste Termine in Räumen buchen, die teilweise nicht in unserer Verfügung stehen. Darauf basiert alles Weitere. Im Grunde bleiben uns — wegen der Schulferien und Karneval — acht Monate für die sieben Sinfoniekonzerte und zwei Chorkonzerte.

Stand der Dinge ist, dass Sie am Gemeinschaftstheater rund 600 Vorstellungen pro Spielzeit fahren, also rund zwei am Tag. Dazu kommen die vielen Proben. Wie sind die weiteren Planungsabläufe?

erpenbeck Wir fahren eigentlich zwei Häuser, zwei komplette Dispositionen, die nebeneinander laufen: Krefeld und Mönchengladbach. Mit einem Orchester, einem Chor, einem Ballett, einem Musiktheater- und einem Schauspielensemble. Wenn die Säle gebucht sind, terminiere ich die Premieren der Neuproduktionen. Idealerweise im Acht-Wochen-Turnus, denn so lange brauchen die Proben für eine neue Produktion. Da herum scharen sich die Übernahmepremieren aller drei Sparten, dann die Weihnachtsstücke, Kinderkonzerte und Sonderveranstaltungen. Da haben wir von den Proben- und Fahrtzeiten zwischen den Städten noch nicht gesprochen.

Hört sich nach engen Spielräumen an, geben Sie bitte ein Beispiel.

Grosse In der Woche der Sinfoniekonzerte findet kaum Musiktheater statt, in den Wochen davor und danach gibt es zumindest keine Endproben, weil das Orchester fürs Konzert proben muss.

Wieso kann das Orchester nicht öfter spielen? Es hat doch acht Dienste in der Woche zu leisten.

Grosse Acht bis zehn Dienste pro Woche sind möglich: Durch das Konzert sind schon sieben Dienste einer Woche gebunden (vier Aufführungen und drei Endproben). Hinzu kommt ein freier Tag pro Woche. Bleibt noch ein Abend für eine Vorstellung. In der Woche nach einem Sinfoniekonzert reicht die Bühnenzeit nicht aus für die erforderlichen Endproben für eine Premiere. Das heißt: Ein neues Musiktheater hat ein sehr kleines Zeitfenster.

Ist das immer so oder manchmal besonders problematisch?

Grosse Wenn eine Spielzeit wie die aktuelle fünf Wochen kürzer als die davor ist, schafft uns das erhebliche Probleme.

Erpenbeck Weil wir aber, um die Abos zu bedienen, zu jeder Zeit verschiedene Sparten anbieten müssen — auch in den Sinfoniekonzertwochen —, gibt es in unserem Hause zwei besondere Regelungen: Wir bringen zum einen jedes Jahr jeweils eine neue Ballett-Produktion mit und eine ohne Orchester — mit Musik vom Band — heraus. Zum anderen präsentieren wir in jeder zweiten Spielzeit zwei von der Besetzung her zeitgleich in Mönchengladbach und Krefeld spielbare Schauspiele, um die Strukturen des Abonnementsystems sichern zu können.

grosse Machen Sie das mal mit 14 Leuten im Schauspiel!

Gerade springen Sie ja selbst bei der "Alten Dame" ein. Ein anderes Thema: Ihrer großen Excel-Datei entnehmen wir, dass in der täglichen Planung nicht nur die großen Bühnen und die Werkstattbühnen, sondern auch die Probebühnen nahezu restlos verplant sind. Das sieht auch nicht nach großen Spielräumen aus.

Grosse Da sind wir beim Stichwort Arbeitszeitgesetz. Vier verschiedene Tarifverträge gibt es an einem Theater. Die müssen alle mit ihren Regelungen, Ruhezeiten, Fahrzeiten berücksichtigt werden. Jeder Beschäftigte hat Anrecht auf elf Stunden Nachtruhe. Wenn er abends kurz vor Mitternacht mit dem Theaterbus in Krefeld oder Rheydt ankommt, darf seine nächste Probe erst um elf Uhr vormittags beginnen.

Die wirtschaftliche Grundlage für das Theater sind die Abosysteme in den beiden Städten. Sind Sie hier freier in der Gestaltung?

Erpenbeck Das Abosystem ist der Grundstock, den der Disponent verwaltet. Die Tatsache, dass die meisten Abos an Wochentag, Uhrzeit und einen bestimmten Sitzplatz im Saal gebunden sind, bringt erhebliche Zwänge mit sich. Die Aufführungen im Abo sollten nicht weniger als zwei und nicht länger als sechs Wochen auseinanderliegen. Wir haben allein 30 Freitag-Abos in Mönchengladbach bei ca. 40 verfügbaren Freitagen pro Saison. Zieht man die Freitage der Konzerte, stillen Feiertage etc. ab, verbleiben ca. zwei freie Freitage als frei disponibel. Ein riesiges Puzzle.

grosse Die Abonnenten sind unsere treuesten Kunden, wir erzielen rund 65 Prozent unserer Einnahmen über die Abos. Auch wenn mit weniger Abos alles viel einfacher würde, werden wir daran nicht rütteln. Alle Erfahrungen zeigen, dass gekündigte Abos kaum wieder hereingeholt werden können. Zwei Jahre nach Ende der Interimszeit im TiN haben wir zwar inzwischen 25 000 Zuschauer mehr in Mönchengladbach, aber immer noch 20 000 weniger als davor.

Es gibt Kritik von Zuschauern an den Premierenterminen am Sonntag, am als zu spät empfundenen Vorstellungsbeginn. Können Sie hier nicht stärker Bedürfnisse des Publikums berücksichtigen?

Grosse Der Abonnent kriegt ja, was er will. Er determiniert sich durch die Wahl seiner Abos. Das halten wir auch zu 99 Prozent ein. Das betrifft die Wochentage und die Anfangszeiten.

Warum verlegen Sie Vorstellungszeiten nicht generell auf 19 Uhr vor?

Grosse Da bekommen Sie unter der Woche kaum noch jemanden ins Theater. Aber wir verlegen ab der kommenden Spielzeit den Vorstellungsbeginn allgemein auf 19.30 Uhr, die Studios rücken dann auf 20 Uhr. Aber schon diese halbe Stunde wird uns fehlen, wegen der Ruhezeiten: morgens bei den Proben. Das sind dann 150 Stunden Proben Verlust im Jahr.

Warum aber klappt eine Sonntagspremiere um 16 Uhr, wie zuletzt beim "König Lear"?

Erpenbeck Die Premiere war ins 16-Uhr-Abo eingefügt. Im Schauspiel gibt es ja kein eigenes Premieren-Abo in Mönchengladbach.

Viele Theaterfreunde wünschen sich Premieren am liebsten an Samstagen.

Grosse Unser Ziel ist auch der Samstag für Premieren, aber in so einer kurzen Spielzeit wie jetzt gibt es notwendig Abweichungen auf den Freitag und den Sonntag. 2014/15 wird das besser klappen. Ein Sonntagstermin 18 Uhr wie in Aachen ist wegen der vielen Matineen, Kinderkonzerte etc. an Sonntagen und den daraus resultierenden Ruhe- und Fahrzeiten den Kollegen kaum zuzumuten. Da müssen wir sehr sorgsam mit den Kräften der Mitarbeiter umgehen.

Dann wundert uns, dass trotz dieser Zwänge ab und zu dennoch Zusatzvorstellungen möglich sind.

Grosse Ja, aber nur an Wochentagen, denn die Wochenenden Freitag bis Sonntag sind komplett verplant. So haben wir zum Beispiel am Montag, 23. Dezember, "Ewig jung" und "My fair Lady" gespielt. Der Termin war riskant, hat aber geklappt, weil noch viele Leute unbedingt diese Stücke sehen wollten.

Besuchern fällt auch auf, dass der Spielplan in Mönchengladbach besonders dicht sei.

Erpenbeck In der Tat spielen wir in Gladbach wegen der großen Zahl an Abos und Besucher-Ringen der Theatergemeinde jährlich 50 Vorstellungen mehr als in Krefeld.

Gibt es Anlass, Dinge zu ändern?

Grosse Wir haben im vergangenen Jahr 250 000 Euro mehr in den Vorstellungen eingenommen als in der Spielzeit davor. Unser Angebot scheint dem Publikum also zu gefallen.

Herr Erpenbeck, kennt ein Disponent, zumal einer, der auf eine Sängerkarriere zurückblickt, in diesem Job berufliches Glück?

Erpenbeck Wenn alles funktioniert: ja. Seit drei Jahren mag ich diese verantwortungsvolle Puzzlearbeit. Aber ich singe auch nach wie vor Kirchenkonzerte, unterrichte und springe ab und zu an anderen Häusern ein. Schreiben Sie ruhig: Erpenbeck singt immer noch!

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN ARMIN KAUMANNS UND DIRK RICHERDT.

(ark)