Mönchengladbach: Wegen Drückerbanden: Fifty-fifty vor dem Aus

Mönchengladbach : Wegen Drückerbanden: Fifty-fifty vor dem Aus

Nach 16 Jahren kapituliert die Diakonie vor unseriösen Verkäufern von außerhalb, die den Ruf der Zeitung beschädigten. Dadurch sanken die Verkaufszahlen. Die Düsseldorfer Zentrale sucht einen neuen Partner.

Es war im Frühjahr 2006, als Norbert Bude am eigenen Leib spürte, wie es sich anfühlt, Straßenmagazine zu verkaufen. Damals wappnete sich der Oberbürgermeister mit einem Stapel Fifty-fifty-Zeitungen und entsprechendem Ausweis und zog über die Hindenburgstraße, um für die Obdachlosenzeitung zu werben. "Die direkte Ansprache klappt meistens am besten", resümierte der regelmäßige Käufer und Leser des Magazins seinerzeit. Im Juli könnte er die Gladbacher Lokalausgabe zum letzten Mal lesen. Denn nach 16 Jahren hat das Diakonische Werk jetzt beschlossen, sie einzustellen.

"Das war für uns keine einfache Entscheidung", sagt Heike Wegner vom Café Pflaster der Diakonie, die das Zeitungsprojekt bisher betreute. Die vordergründige Ursache: Die Verkaufszahlen seien von einst mehr als 3000 Heften pro Monat auf weniger als die Hälfte geschrumpft. "Eine Refinanzierung der Fifty-fifty-Betreuung ist da nicht mehr möglich", sagt Wegner. Die Zeitungen aus Düsseldorf abholen, der Personaleinsatz, die Zulieferung lokaler Artikel — die Arbeit blieb gleich, während die Verkäufe zurückgingen. Doch für diesen Rückgang gibt es Gründe: Seit etlichen Jahren hatten die Fifty-fifty-Verkäufer mit unseriösen Trittbrettfahrern aus Drückerbanden von außerhalb zu kämpfen. "Undurchsichtige Vertriebswege gaben zu Irritationen Anlass, aggressives Auftreten der fremden Verkäufer führte zu Beschwerden", sagt Wegner. "Außerdem wurden zunehmend andere Straßenmagazine verkauft, über deren Gemeinnützigkeit Zweifel bestehen." Das alles schädigte auch das Ansehen von Fifty-fifty — und hielt, da ist sich Wegner sicher, immer mehr Menschen davon ab, das eigentliche Produkt zu kaufen.

"Wir ziehen uns aus dem Projekt zurück, weil wir nicht mehr gewährleistet sehen, dass unsere ursprünglichen Ziele, nämlich Wohnungslosen neben Beratung und Betreuung auch eine Tagesstruktur und wertschätzende soziale Kontakte zu ermöglichen, erreicht werden", sagt Heinz Herbert Paulus, Geschäftsführer des Diakonischen Werks. 1,90 Euro kostet Fifty-fifty, die Hälfte davon dürfen die Verkäufer behalten — daher der Name. Rund zehn feste Verkäufer boten die Zeitung zuletzt in Mönchengladbach an — mit Ausweisen des Diakonischen Werks und unter dem Verhaltenskodex des Mönchengladbacher Fifty-fifty-Projekts, der beispielsweise Betteln und Alkoholkonsum während des Verkaufs untersagt.

Ihnen soll künftig freistehen, die Düsseldorfer Ausgabe in Mönchengladbach zu verteilen. Die Düsseldorfer Zentrale von Fifty-fifty — dort wurde das Magazin 1995 von Franziskanerbruder Matthäus Werner und Hubert Ostendorf initiiert — will die Gladbacher Ausgabe allerdings noch nicht aufgeben. "Wir können die Verkäufer, die teilweise schon seit zehn Jahren die Zeitung verkaufen, nicht im Regen stehen lassen", sagt Herausgeber Ostendorf. Es werde alles daran gesetzt, einen neuen Partner für Mönchengladbach zu finden. Die Diakonie habe die Partnerschaft auch nicht sofort gekündigt, sondern eine Übergangszeit eingeräumt, damit Zeit für Verhandlungen mit potenziellen Partnern bleibe.

Sollte der Zeitraum nicht reichen, "sind auch provisorische Übergangslösungen denkbar", sagte Ostendort. Fest stehe nur, dass die Verkäufer von Fifty-fifty neue Ausweise bekommen, weil die Diakonie künftig nicht mehr mit im Boot ist — und man "Tourismus" in der Form vermeiden will, dass Verkäufer aus anderen Städten nach Gladbach fahren, um dort Zeitungen zu verkaufen. Die Diakonie hat unterdessen angekündigt, sich im Vorwort der Juli-Ausgabe von der Leserschaft verabschieden zu wollen.

(RP)
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