Mönchengladbach: Warum drei Frauen auf Straßenschilder kommen

Mönchengladbach: Warum drei Frauen auf Straßenschilder kommen

Wer gestern auf die Tagesordnung des Bauausschusses schaute, konnte Großes vermuten. Das war Thema: Mönchengladbach Arcaden, ein riesiges Einkaufscenter. Marktplatz Rheydt, ein Sieben-Millionen-Projekt. Hugo-Junkers-Park, künftiges Vorzeige-Grün in Rheydt.

Doch alle diese Vorhaben blieben in der gestrigen Sitzung nur Randnotiz: Neuigkeiten gab's nicht, der Bauausschuss nahm formal die bisherigen Entwicklungen zur Kenntnis. Und so entpuppte sich ein Tagesordnungspunkt ganz am Ende der mehr als vierstündigen Sitzung als reizvoll: Wie gehen Verwaltung und Politik damit um, wenn in einem Baugebiet neue Straßen Namen bekommen? Wer hat denn da was zu sagen?

Es geht um das Baugebiet Dahlener Heide. Hier entstehen auf 51 000 Quadratmetern 143 Einfamilienhäuser. Und damit die künftigen Bewohner auch eine Adresse haben, müssen neu entstehende Straßen Namen bekommen. Die Verwaltung erkannte richtigerweise: Frauennamen sind in der Stadt bei Straßenbezeichnungen unterrepräsentiert — es gibt rund 350 männliche, aber nur 48 weibliche Persönlichkeiten, die sich in Straßennamen wiederfinden.

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Bei ihrer Recherche entdeckten die städtischen Experten drei Frauen, die sie auf einen Straßenschild verewigen wollen: Antonie Boetzelen (1862-1954), 30 Jahre lang Vorsitzende des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes und fast zehn Jahre Vertreterin der Deutschen Volkspartei im Mönchengladbacher Stadtparlament. Anna Künning (1869-1941), eine ehemalige Lehrerin, die ebenfalls fast zehn Jahre für die Zentrumspartei in der Stadtverordnetenversammlung saß und die sich unter anderem um Kriegskinderhorte verdient gemacht hat. Und Susanne Becker (1893-1965), die als SPD-Funktionärin von den Nazi-Schergen verfolgt wurde. In der Bezirksvertretung West stießen diese drei Frauen aber auf wenig Gegenliebe. Mit 9:8-Stimmen forderten die Bezirkspolitiker stattdessen diese Straßenbezeichnungen: Zum Heidekrug, Schwarzer Weg und Am Einsiedler. Alles Namen, die in der sublokalen Geschichte eine Rolle spielten.

Die CDU kämpfte gestern mit der FWG für die Vorschläge der Bezirksvertretung West. Man könne sich nicht einfach über die Entscheidung der BV hinwegsetzen, sagte der CDU-Sprecher im Bauausschuss, Hans Wilhelm Reiners. Die Linke schloss sich dem vermutlich deswegen an, weil sie nach eigenen Aussagen bei Antonie Boetzelen von einer Nähe zur NS-Frauenschaft ausgeht. Die Ampel dagegen war für die Vorschläge der Verwaltung. Wer eine Straße Am Einsiedler nenne, sorge bei der Vermarktung eines Baugebiets für einen Wettbewerbsnachteil, so der SPD-Sprecher Thomas Fegers. Im Bauausschuss hat die Ampel die Mehrheit: Die Frauen machten das Rennen.

(RP)
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