Mönchengladbach: Wales – der demokratische Monarch

Mönchengladbach: Wales – der demokratische Monarch

In der Reihe "Pioniere der Welt" sprach der Internet-Unternehmer in der KFH am Abend über Demokratie, weibliche Wikipedia-Autoren – und Annette Schavan.

Wenige Minuten, bevor sein Auftritt in der ausverkauften Kaiser-Friedrich-Halle beginnt, schmökert Jimmy Wales noch ein wenig im Programmheft. Sein Deutsch reicht aus, um zu bemerken, dass es nicht ganz auf dem neuesten Stand ist. "Die Frau, die hier als meine Gattin angegeben ist, ist in Wirklichkeit meine Ex-Frau. Hätte man kurz bei Wikipedia nachgeschaut, wäre das nicht passiert", sagt der Gründer der Internet-Enzyklopädie und lacht.

Diese Episode verdeutlicht zwei Dinge: Erstens hat Wales volles Vertrauen in und höchsten Respekt vor seinem Projekt, und zweitens hat er gut lachen, denn das anfangs stark kritisierte und belächelte Portal gehört weltweit zu den fünf meistfrequentierten Seiten. Es ist zu einer Institution geworden, es ist zumindest für junge Menschen – seine eigene Tochter, sagt Wales, ist beinahe genau so alt wie Wikipedia (12) – ein nicht mehr wegzudenkender Teil der globalen Wissens-Infrastruktur. Und anders als Facebook oder Google ist Wikipedia, auch wenn es seine Macken haben mag, frei von Anzeigen und kommerziellen Einflüssen. Wales ist also zweifelsohne der weitaus geeignetere Mann als ein Mark Zuckerberg oder ein Larry Page, um an diesem Abend in der Reihe "Pioniere der Welt in Mönchengladbach" des Initiativkreises unter Schirmherrschaft von van Laack über das Thema "Demokratie und das Internet" zu referieren.

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Und das tut er, mit Charme und mit Verve. Denn die Demokratisierung der Welt durch das Internet und speziell durch den freien Zugang zu Wissen ist sein Steckenpferd. China wird sich dadurch, prophezeit Wales, mittelfristig politisch öffnen müssen. Die Entwicklung der afrikanischen Mittelschicht werde dadurch vorangetrieben. Er rühmt eifrige Online-Nutzer, die Schavan und zu Guttenberg zu Fall brachten, als Verfechter einer transparenteren, ehrlicheren Demokratie. Er berichtet von dem amerikanischen SOPA-Gesetzesentwurf gegen Online-Piraterie ("ein Zensurversuch wie aus der schlimmsten Diktatur", so Wales); Wikipedia streikte aus Protest dagegen einen ganzen Tag lang, zehn Millionen Nutzer schrieben Protest-Mails an ihre Kongressabgeordneten, das Vorhaben wurde gekippt. Und Wales gelobt, die Editierbarkeit von Wikipedia zu vereinfachen, damit sich mehr Frauen daran beteiligen – bisher dominierten zu stark technisch versierte Computerfreaks, und die seien eben zumeist männlich.

Wikipedia selbst übrigens, sagt er, sei zwar auch ein wenig demokratisch, aber eigentlich ein Konglomerat diverser Regierungsformen. "Über Kontroversen stimmen wir ab – das ist Demokratie. Wikipedia ist aber auch eine Aristokratie – es gibt erfahrene Nutzer, die zu Administratoren aufsteigen. Und es ist eine Monarchie nach bestem europäischen Vorbild. Das ist meine Rolle: Ich habe fast keine Macht und halte Reden." Nicht nur an dieser Stelle hatte der 46-Jährige die Lacher auf seiner Seite. Fazit: Jimmy Wales erwies sich als ein weiterer Glücksgriff in der "Pioniere"-Reihe, und Wissenschaftsjournalist Stefan Schulze-Hausmann, der das abschließende Gespräch moderierte und energisch nachhakte, wenn Wales zum Thema Urheberrechtsverletzungen mal etwas sparsam antwortete, hat sich in dieser Rolle längst etabliert.

(RP)
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