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Vortrag in Mönchengladbach: Als Joseph Goebbels Dichter werden wollte

Vortrag in Mönchengladbach : Als Joseph Goebbels noch Dichter werden wollte

Bevor Joseph Goebbels zu einem der übelsten Nazis wurde, träumte er von einer Karriere als Dichter. Germanist Ralf Georg Czapla erklärte nun in Goebbels’ Heimat, in den Texten des späteren Nazis könne man „Teile der Vorgeschichte“ des Nationalsozialismus erkennen.

Die Eltern hätten ihn gerne als katholischen Priester gesehen. Doch der junge Mann, der da in ihrer Obhut an der Dahlener Straße heranwuchs, hatte schon früh andere Pläne: Joseph Goebbels wollte Dichter werden. Erste Versuche machte der 1897 in Rheydt geborene Paul Joseph Goebbels schon als Teenager. Eine lyrische Klage über den Tod eines Schulfreundes aus dem Jahr 1909 war eines seiner frühesten Werke. Und es war das erste, das der in Heidelberg lehrende Germanist Professor Ralf Georg Czapla bei einem Vortrag über das schriftstellerische Jugendwerk Goebbels’ auf Einladung der Otto von Bylandt Gesellschaft im Rittersaal von Schloss Rheydt vorstellte.

Warum die letztlich erfolglosen schriftstellerischen Bemühungen eines später zu einem der übelsten Hetzer der Nationalsozialisten und Verantwortlichen für den Holocaust missratenen Mannes für die Erklärung von Interesse  sind, ließ Czapla schon zu Beginn seines Vortrages anklingen: „Niemand wird als Nazi geboren. Niemand sieht in jungen Jahren seine Berufung darin, als Demagoge und Volksverhetzer in die Geschichte einzugehen.“ Weshalb Goebbels dennoch auf diesen schrecklichen Irrweg geriet, dazu liefern die schriftstellerischen Versuche und ihr Scheitern Erklärungsansätze. Vor allem, wenn man sie wie Czapla in Goebbels’ Biographie einbettet.

Von seinen Eltern stark religiös geprägt, sah sich Goebbels aufgrund einer Behinderung am rechten Fuß als Kind oft als Außenseiter. Sein Handicap kompensierte er auch, indem er es als ein Zeichen dafür deutete, von einer höheren Macht auserwählt zu sein. Folgerichtig strebte der Sohn einer Magd und eines Prokuristen der Vereinigten Dochtfabriken GmbH mit Studium und Promotion nach Höherem – und erlebte immer wieder herbe Enttäuschungen seiner übersteigerten Erwartungen.

Seine Beziehungen zu Frauen waren vor seinem Aufstieg in der Nazi-Hierarchie ebenso schwierig und letztlich unglücklich, wie seine finanzielle Lage in den frühen Jahren der Weimarer Republik. Als 1919 ein Leipziger Verlag bereit war, Goebbels’ Gedichte zu drucken, scheiterte das Projekt an dessen Mittellosigkeit und Stolz. Der Verlag verlangte, dass der Autor das Projekt vorfinanziere, doch dem fehlte das Geld. Das Angebot seiner vermögenden Freundin Anka Stalherm, den Betrag vorzuschießen, lehnte Goebbels jedoch ab. Es waren wohl solche Erfahrungen, die seine Phantasie zu Gedichten verarbeitete wie das von einem armen Mann, der „an dem Palaste stand“, um Brot bettelte und sich schämte.

Professor Ralf Georg Czapla sprach im Schloss Rheydt vor fast 100 Zuhörern über die literarischen Versuche von Joseph Goebbels. Foto: Ilgner Detlef (ilg)

Wie sehr sich Joseph Goebbels in die Vorstellung hineinsteigerte, ein von der Welt verkannter Außenseiter zu sein, und welchen Hass diese Frustrationen erzeugt haben müssen, lässt ein anderes von Czapla zitiertes Gedicht erahnen: „Trotzen ohne End’“ will der Sprecher in diesen Versen und Gott auf ewig verfluchen, „daß du mich ließest werden“. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der streng katholisch erzogene Autor vom Glauben seiner Eltern immer mehr gelöst.

Seinen neuen Erlöser glaubte Goebbels schließlich in Adolf Hitler gefunden zu haben. „Ich bin so etwas wie glücklich“, schrieb er, der sonst so gerne sein Leid Beklagende, 1926 nach einem Gespräch mit Hitler in sein Tagebuch. Während der Unterredung habe er „ein flammendes Licht“ und eine Wolke in Form eines Hakenkreuzes am Himmel wahrgenommen. Zwei Jahre später notierte Goebbels kurz und bündig: „Nationalsozialismus ist Religion.“ Und zwar eine, die einmal „Staatsreligion aller Deutschen“ werden müsse.

Die frühen literarischen Versuche des Rheydters spiegeln seine Gedankenwelt und Selbstdeutung ebenso wider, wie die allmähliche Deformierung seines Charakters. Nach Ansicht Czaplas weisen sie aber über das Persönliche hinaus. In den Texten Goebbels’ könne man „Teile der Vorgeschichte“ des Nationalsozialismus erkennen. Und mit Blick auf Äußerungen aus den Reihen der AfD setzte er hinzu: „Heute müssen wir uns fragen, ob wir schon wieder in einer Vorgeschichte sind.“