Mönchengladbach: Von Kampf bis Zärtlichkeit

Mönchengladbach: Von Kampf bis Zärtlichkeit

In der Motorradwerkstatt von Gerhard Beck tanzen Männer Tango. Dabei bleiben sie unter sich, Frauen sind verboten.

Ein Hinterhof in Buenos Aires. Eine Werkstatt. Rauer Kalksandstein, nackte Betondecke. Es riecht nach Öl. Werkzeug, Farbdosen, an der Wand Lenkstangen. Im Hintergrund Motorräder. Halbfertig. An der Decke ein Ventilator. Und Kronleuchter. Ja, Kronleuchter. Aus den Boxen Tango. Halblaut.

Männer fassen sich an, mal sanft, mal fest. Ernste Blicke. Konzentration. Schuhe schlurfen. Seidig fließende Bewegungen, abrupt abgestoppt. Wiegender Schritt, wiegender Körper. Flirrende, vibrierende Energie. Treibender Rhythmus vom Laptop, lockende Stimme, Kraft, Dynamik. Führen und Folgen. Gezügelte Lust. Fast sakral.

Es könnte in der Tat eine Milonga in Buenos Aires sein. Aber diese Tanzveranstaltung findet mitten in Mönchengladbach statt. Auf der Rheydter Straße. Jeden Montagabend treffen sich bis zu 15 Männer, um miteinander Tango zu tanzen. Und zwar in der Motorradwerkstatt von Gerhard Beck. Er kennt Tanzlehrer Iwan Harlan seit drei Jahren: "Als er einen geeigneten Ort für seine Tanzstunden suchte, lag die Halle auf der Hand." Nach und nach trudeln die Tango-Freunde ein. Entspannt begrüßt man sich wie alte Freunde. Die Tänzer kommen nicht nur aus der Stadt, zählt Beck auf: "Zum Beispiel aus Wuppertal, Aachen, Bonn, Viersen, Düsseldorf, Dortmund. Darunter Baggerfahrer, Landschaftsgärtner, Lehrer, Mediziner, Schreiner." Bevor es losgeht, streut Iwan Harlan weißes Puder auf den Boden: "Babypuder. Der Boden ist zwar glatt, aber an einigen Stellen durch Ölflecken, Werkstatt halt, stumpf. Man kann zu dem Puder auch Tangokoks sagen." Er grinst.

Die Männer stehen nun im Kreis. Stille. Aufwärmphase. Der Tanzlehrer gibt die Übungen vor: "Ich beruhige den Geist, ich kontrolliere den Atem, ich stütze den Himmel, ich teile die Wolken. Und lasse die Sonne in mein Herz." Nach der intensiven Vorbereitung setzt die Musik wieder ein. Die Männer bewegen sich durch den Raum, einzeln oder zu zweit. Lassen sich in den Rhythmus fallen, probieren gemeinsame Drehungen.

"Tango ist Improvisationstanz, es gibt keine festen Schrittfolgen, alles ist möglich", erklärt Iwan Harlan, den nicht nur Gerhard Beck für einen der besten Tangotänzer in Europa hält. "Tango hört nie auf. Weil es um Körpersprache geht. Und je länger und intensiver man Tango tanzt, umso tiefsinniger wird der Ausdruck. Die seelische Komponente ist stark", so Harlan. Im Tango werde alles ausgedrückt: der Kampf ums Überleben, Herzschmerz. Der Tangotanz sei pure Musik, "der Blues des weißen Mannes." Stefan Degenhardt ist Nephrologe und den Tag über im Kreis Viersen mit Dialysepatienten betraut. Er ist vor ein paar Jahren in Paris abends zufällig auf eine Milonga in der Passage gestoßen. Ihn hat die Harmonie und Konzentration der Tänzer derart beeindruckt, dass er seit drei Jahren Tango tanzt. Zunächst im Tanzhaus in Düsseldorf. Den 61-Jährigen entspannt der Tango nach einem langen Arbeitstag: "Man kann nicht Tango tanzen und an die Arbeit denken."

Ralf Hoppen (45) hat sich über das Niederrheinische Musikfestival infiziert, das er seit 16 Jahren organisiert. Irgendwann, erzählt der Tischler, "wusste ich, dass ich das jetzt machen will". Ihn freut, dass sich in der Werkstatt "eine tolle Männerrunde" zusammengefunden hat. Spaß, Lachen, auch schon mal über Privates reden. Ihn faszinieren "die Moves." Der Abend hat für den Judokämpfer etwas Sportliches. Und man lerne Schritte ohne Choreographie, lerne beide Rollen, "des Führenden und des Folgenden. Man stellt fest, welche Fehler man beim Führen macht. Und: es gibt weltweit eine riesen Community. Überall gibt es Milongas."

Frauen sind bei den Abenden der Gladbacher Truppe ausdrücklich nicht zugelassen. "Wenn die Männer unter sich sind, öffnen sie sich eher als wenn Frauen im Raum sind", so Iwan Harlan. Zudem gehöre es zur Argentinischen Tradition, dass Männer miteinander das Tanzen üben, "für unverheiratete Frauen ist Tangotanzen in der Öffentlichkeit nicht schicklich." Tanzkollege Reinhard Schmalisch (67), ehemals Controller in der Automobilindustrie, bringt es auf den Punkt: "Die Power, die Dynamik - wir tanzen, um mit unseren Frauen dann noch besser tanzen zu können."

(RP)