Serie Gladbacher Lesebuch (16): Von "Holländern" und anderen Unikaten

Serie Gladbacher Lesebuch (16): Von "Holländern" und anderen Unikaten

In dieser Folge des Lesebuchs berichten drei Autoren über merkwürdige Fahrzeuge, Rutschpartien am Münster und kalte Köstlichkeiten.

Lürrip Mein Elternhaus stand in Lürrip an der recht kurzen Walter-Flex-Straße, die nach dem Ende der NS-Zeit in Virchow-Straße umbenannt wurde. Ich weiß nicht, weshalb das Ding, das ich als Vierjähriger zu Kriegsbeginn bekam, Holländer hieß. Es war ein Vorläufer der heutigen Gokarts. Nicht annähernd so komfortabel wie diese. Statt mittels eines Lenkrades lenkte man das Gefährt mit beiden Füßen durch Bewegung der Vorderachse und statt kräftig in die Pedale zu treten, hatte man einen Hebel zwischen den Beinen, den man beidhändig packen und heftig vor und zurückbewegen musste, um von der Stelle zu kommen. Das Warenangebot war kriegsbedingt extrem knapp, und so besaß ich im ganzen Viertel den ersten und einzigen Holländer. Natürlich wollten alle Kinder damit fahren, und mir blieb nur die Wahl zwischen zwei Übeln. Entweder fuhren die anderen mit meinem Holländer und ich lief als akzeptiertes Mitglied der Clique nebenher. Oder ich drehte ohne Publikum einsam meine Runden, weil sich meine Kameraden gleich verdrückten, sobald sie nicht mehr fahren durften. Und ohne Publikum fahren ist doch ziemlich öde. Als mir der Holländer eines Tages gestohlen wurde und auch nicht wieder auftauchte, war ich fast froh darüber. Er konnte mir wirklich gestohlen bleiben.

Aber mein Holländer war damals nicht das einzige Unikat in unserem Viertel. Meinem Vater gehörte das erste und einzige Auto in unserer Straße, ein Opel P4. Nicht etwa in der gewöhnlichen Standardausführung. Nein, in der Luxusversion. Der Luxus bestand aus einem zusätzlich außen am Heck des Wagens angebrachten Koffer, offenbar einem Vorläufer des heutigen Kofferraumes. Eine teure Anschaffung im Nachhinein gesehen. Jedenfalls im Hinblick auf die mit dem Wagen privat zurückgelegte Fahrstrecke. Wochentags stand der Wagen nämlich ungenutzt in der einen halben Kilometer entfernten, in weitem Umkreis einzigen Garage bei einem autolosen Garagenbesitzer-Ehepaar.

Auch dieses Fahrzeug war damals eine echte Besonderheit. Wolfgang Hellfrisch besaß einen sogenannten Holländer, eine Art Vorgänger der heutigen Gokarts. Foto: Wolfgang Hellfrisch

Jeden Sonntagvormittag holte mein Vater das gute Stück aus der gemieteten Garage und parkte es erst einmal vor unserem Haus. Für den Nachmittag planten meine Eltern meist eine Kaffeefahrt nach Wassenberg. Zu mehr reichte die monatliche Zuteilung des rationierten Sprits nicht. Bis es soweit war, führte ich meinen Spielkameraden vor unserem Haus stolz unser Auto vor und demonstrierte auch die damals zur Fahrtrichtungsanzeige verwendeten Winker, indem ich sie mit dem Zeigefinger vorsichtig aus ihrer Versenkung hervorpulte. Leider ließen sie sich danach nicht mehr zurückstellen, und Wassenberg war für mich gestrichen. Lange funktionierten die Winker danach sowieso nicht mehr, denn schon bald darauf zog man den Wagen an die Ostfront ein, wo er schon bald - wie man uns kondolierend mitteilte - für Führer, Volk und Vaterland draufging.

Doch aller guten Dinge sind ja drei. Nicht nur, dass ich den ersten und einzigen Holländer und mein Vater den ersten und einzigen Wagen in unserem Viertel besaß, wir hatten auch das erste und einzige Telefon. Kaum ein Tag verging, an dem nicht insbesondere während der Mahlzeiten wildfremde Menschen bei uns anriefen, die andere wildfremde Menschen, die nicht selten zwei, drei Straßen oder noch weiter weg wohnten, mal kurz aber dringend und gefälligst sofort sprechen mussten. Und es war stets mein Job, diese Leute bei Nacht und Nebel, bei Sturm und Regen oder bei dichtem Schneefall und klirrender Kälte herbeizuschaffen. Es täte ihnen ja furchtbar leid, uns stören zu müssen, gaben sich die Störenfriede stets zerknirscht, die ganz offensichtlich unsere Telefonnummer so freigiebig unter die Leute gestreut hatten. Aber es käme auch ganz bestimmt nicht wieder vor, und es handele sich wirklich um eine außerordentlich wichtige und unaufschiebbare Angelegenheit. Doch will ich nicht wissen, wer von ihnen nicht längst unsere Telefonnummer auf seinem Briefkopf führte. Und das mit der Dringlichkeit wussten wir ja bereits von den Beteuerungen der uns unbekannten Anrufer.

Mit der Zeit kamen die Leute sogar von selber zum Telefonieren ins Haus, da sie sich doch bei uns schon so gut auskannten. Öffentliche Fernsprecher gab es zu jener Zeit noch nicht, und einen nicht bei sich telefonieren zu lassen, galt als äußerst unfreundlich. Unser Wohnzimmer war offensichtlich ein Vorläufer der späteren Telefonzellen. Ein Ortsgespräch kostete damals 20 Pfennig, unabhängig von seiner Dauer und es endete erst mit dem Auflegen des Hörers, auch wenn das erst nach Stunden geschah. Unsere ungeladenen Gäste legten jedenfalls meist nicht so bald den Hörer auf. Ab und zu musste man den vom langen Telefonieren Geschwächten einen Stuhl oder ein Glas Wasser oder beides hinstellen. Bevor sie dann irgendwann doch noch total ermüdet nach Hause wankten, legten sie zwei Groschen, wie die beiden Zehn-Pfennig-Münzen auch hießen, neben das Telefon.

Verwundert es da, dass ich eine Erfahrung aus Kindheitstagen mit in die Erwachsenenwelt nahm? Ich denke, man muss nicht immer und überall im Leben der Erste sein.

(RP)