Mönchengladbach: Von der Höhlenzeichnung bis zum Urinal

Mönchengladbach : Von der Höhlenzeichnung bis zum Urinal

Jürgen Becker begeisterte in der Kaiser-Friedrich-Halle mit seiner Kunstgeschichtsvorlesung. Mit Respekt (meist jedenfalls) vor der Kunst, aber ohne Ehrfurcht beschreibt er Bilder, denen er fantasievolle neue Titel gibt.

"Da woll'n wir uns mal einen schönen Abend machen" - mit diesem für Jürgen Becker klassischen Satz eröffnete der Kölner Kabarettist in der Kaiser-Friedrich-Halle seine "Kunstgeschichtsvorlesung" mit dem Titel "Der Künstler ist anwesend". Und legte los mit allen Klischees über Kunst, die man so kennt.

Aber das, was dieser eher platten Eröffnung folgte, war eine atemberaubende Wort- und Gedankenakrobatik, die sich an der Entwicklung der Kunst und Architektur seit den Höhlenzeichnungen von Lascaux bis zum Urinal von Marcel Duchamp aus dem Jahr 1917 entlang bewegte. Zwischen diesen Eckpunkten zeigte Becker ca. 120 Bilder von Gemälden, Tempeln, Pyramiden. Die projizierten Bilder allerdings - und das war ein Wermutstropfen an diesem gelungenen Abend - waren von schlechter Qualität.

Fixpunkt des Vortrags war das Bild von Max Ernst "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen" aus dem Jahr 1926, von dem Becker ausging und in intelligenten Schleifen immer wieder zurückkehrte.

Wie es Becker gelingt, Verknüpfungen zwischen dem Konzil von Nicäa, dem Bilderverbot des Islams, dem üppigen Menschenbild des Barock, zwischen Mittelalter und Renaissance ("2. Chance Renaissance"), zwischen Staat und Kirche, zwischen Römern, Griechen und Ägyptern, zwischen Politik und Kunst herzustellen, ist einfach genial.

Mit Respekt (meist jedenfalls) vor der Kunst, aber ohne Ehrfurcht beschreibt Becker Bilder, denen er fantasievolle neue Titel gibt: Den Laokoon aus der Laokoon-Gruppe nennt er den "Whistleblower der Antike", die Pyramide wird zum Vorläufer der Sunkist-Verpackung, aus dem "Tanz" von Matisse wird der "Feierabend im Priesterseminar". Becker nimmt vieles aufs Korn: Was die Richter-Fenster im Kölner Dom betrifft, so habe jemand die Frühmesse mit dem Frühschoppen verwechselt (dabei zeigt er die farbigen Fenster eines Vereinslokals), die Bilder von Caspar David Friedrich untersucht er mehr unter meteorologischen als romantischen Aspekten.

Fazit von Becker - und damit feuert er wieder eine seiner zahlreichen Spitzen ab: Kunst sei alles, was von Hasenkamp transportiert werden könne.

Die begeisterten Zuhörer können ganz nebenbei jede Menge lernen: beispielsweise wie die dorischen, korinthischen und ionischen Kapitelle unterschieden werden; dass barocke Architektur voller "Speckröllchen" ist, dass sich die Romanik durch "dicke Wände ohne Ende" auszeichnet. (Und sie erfahren, was bei Beckers im Flur hängt: der sprichwörtlich gewordene Röhrende Hirsch!)

Am Ende des abwechslungsreichen Programms fragte Becker Augen zwinkernd "Jetzt fragen Sie sich sicher, wie sie sich das alles merken können" - gute Frage, das kann manBnicht. Aber: Dieser Abend kann gar nicht anders als Lust machen, sich intensiver mit Kunst zu befassen, ein Bild mal genauer anzuschauen und zu hinterfragen. Becker zeigt, dass Kunst mehr ist als ein Bild an der Wand. Er zeigt, dass Kunst (neben dem Bonmot mit der Kunst-Spedition Hasenkamp) Ausdruck des menschlichen Denkens und Handelns ist.

(RP)
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