Mönchengladbach: Viktor Scholz: Der Orgelprediger

Mönchengladbach: Viktor Scholz: Der Orgelprediger

42 Jahre lang war Viktor Scholz als Kantor im Münster tätig. Sein Engagement verdanken die Gladbacher einem Zufall. Der gebürtige Russe über nahm 1957 die Aushilfe bei den Weihnachtsgottesdiensten. Bereits zum 1. Januar 1958 wurde er eingestellt. Als er mit Ehefrau Doris das erste Mal das Münster sah, wusste er: Hier will ich bleiben.

Wer die Wohnung des ehemaligen Münsterkantors Viktor Scholz (77) betritt, begibt sich auf eine Zeitreise. Insignien der Moderne wie Laptop, Mobiltelefon oder Fernseher sucht der Besucher vergebens. Dafür schlägt eine antike Wanduhr mit tiefem, vibrierendem Gong die volle Stunde. Ein Steinway&Sons nimmt einen Großteil des Wohnzimmers ein; nur wenige Meter entfernt beherrscht ein Cembalo den Nebenraum. Auf der Fensterbank: ein antikes Buch, kunstvoll bedruckt in lateinischer Schrift, daneben Souvenirs und Zierwerk. Nichts erinnert in diesen Räumen an die Eile der Gegenwart, an den Bedeutungsverlust von Kultur und klassischer Bildung.

In einer Parallelstraße zum Bunten Garten wohnt Viktor Scholz mit seiner Ehefrau Doris. Die Stille, die die Zimmer durchdringt, wird dann und wann jäh unterbrochen vom Aufheulen einer Bohrmaschine. Die Wohnung eine Etage tiefer, im Erdgeschoss des Hauses, wird gerade saniert - mit derart großem Eifer, dass die Handwerker auch gleich Scholz? Telefonleitung gekappt und aus der Wand gerissen haben. Scholz zuckt nur die Schulter, während er davon erzählt, und man registriert gleich: Es muss mehr passieren, um den Mann mit dem markanten Bart aus der Ruhe zu bringen.

Noch heute erinnert sich der examinierte Kirchenmusiker an fast jedes Detail seiner Ankunft in Gladbach. Es war das Jahr 1957. Der damalige Organist des Münsters, Aloys Neschen, erkrankte kurz vor den Weihnachtsgottesdiensten. Der Aachener Domkapellmeister empfahl Propst Joseph Kauff, Scholz als Ersatz zu engagieren. Und der beeindruckte. Bereits zum 1. Januar 1958 wurde er als neuer Münsterkantor eingestellt. Auch das wieder untypisch in Zeiten, in denen Jobwechsel und Rastlosigkeit Biografien wie Wolken über die Weltkarte verstreuen: Scholz und seine Ehefrau wussten intuitiv, dass sie bleiben würden, für immer. "Ich kannte die Stadt zuvor nur als Durchreisepunkt", erinnert er sich. "Dann blickten wir zum ersten Mal vom Geroweiher aus hinauf zum Münster. Und spontan sagten meine Frau und ich: ,Hier gehen wir hin und gehen nie wieder fort?".

Als Vitja Wladimirowitsch Kammeschow wurde Scholz am 10. Februar 1935 in Taganrog an der Küste des Asowschen Meeres geboren. Sein Vater war ein bekannter Cellist und Generalmusikdirektor der Stadt, der einst als Solist mit den Moskauer Sinfonikern vor Stalin aufgetreten war. Scholz? Mutter stammte aus Moskau und war von Beruf Flugzeugkonstrukteurin. 1945 flüchtete Scholz mit ihr nach Essen. Erst in Deutschland erfuhren sie, dass der Ehemann und Vater im Krieg gefallen war. "Mit zehn Jahren", erzählt Scholz, "fiel ich hinein in das Leben der Welt." Ernst Zenses, ein Essener Theologe, nahm sich seiner an, während Scholz? Mutter den Haushalt des Geistlichen besorgte. "Immer wieder bläute Zenses uns ein, dass wir auf der Straße kein Russisch sprechen sollten. Denn den Russen schlug ein großer Hass entgegen. Sie hätten uns die Pistole auf die Brust gesetzt", erzählt Scholz mit gesenkter Stimme. Seine musikalische Vorbildung erhielt Scholz 1947 bis 1954 bei Musikdirektor Heinz Gilhaus in Essen. Danach folgte ein Studium an der Bischöflichen Kirchenmusikschule in Aachen, das Scholz mit dem Kantorenexamen abschloss. An der Folkwang-Hochschule in Essen legte Scholz 1959 das staatliche Musiklehrerexamen für die Fächer Klavier und Orgel ab. Im Fach Orgel bestand er es mit Auszeichnung.

"Viktor Scholz hat das seltene Talent, mit der Orgel predigen zu können", erinnert sich der ehemalige Regionaldekan Edmund Erlemann an die jahrelange Zusammenarbeit. "Er spielt die Orgel, wie ich es in einer vergleichbaren Weise noch nirgendwo gesehen habe. Zudem ist er ein wunderbarer Chorpädagoge und kann junge Menschen begeistern." Doch beinahe wäre es gar nicht nicht zu einer Begegnung der beiden Männer gekommen.

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Wer an Gott glaubt, so heißt es, glaubt nicht an das Schicksal. Vielleicht nimmt Scholz auch deshalb diesen Begriff nicht in den Mund, wenn er von einem alternativen Lebensentwurf erzählt, der tragisch endete, bevor er überhaupt begonnen hatte. 1945 erfuhr die Familie über das Rote Kreuz, dass ein russischer Onkel in Paris lebte. Nach seinem Examen wollte Scholz seine musikalischen Studien dort weiterbetreiben, bei einem seiner großen Vorbilder: dem französischen Komponisten und Organisten Marcel Dupré.

Finanziell stemmen konnte die Familie den Aufenthalt nur, solange der junge Musiker bei seinem Onkel lebte. Doch bevor er konkrete Planungen treffen konnte, ereilte ihn und seine Mutter die traurige Nachricht: Ein Motorradfahrer hatte den Verwandten angefahren, ihm das Genick gebrochen und ihn so getötet. Kurze Zeit später erhielt Scholz den Anruf aus Mönchengladbach. Die baldige Festanstellung am Münster hinderte ihn nicht daran, viel unterwegs zu sein. Der Kirchenmusiker, der noch heute als Konzertpianist tätig ist, fuhr teilweise bis zu 100 000 Kilometer im Jahr. "Insbesondere als Orgelsachverständiger des Bistums Aachen musste ich viel reisen", erinnert sich Scholz, der zudem viele Jahre am St.-Gregorius-Haus in Aachen den musikalischen Nachwuchs unterrichtet hat. Bis heute hält der Kontakt zu seinen ehemaligen Schülern. Viele besuchten ihn zu seinem Geburtstag auch in diesem Jahr. "Manchmal kommen dann 30 bis 40 Schüler. Oft können sie nur noch auf dem Boden sitzen, weil wir nicht so viele Stühle haben", sagt Scholz und lacht.

Im Jahr 2000, nach 42 Jahren als Münsterkantor, ging er in Ruhestand. Doch es irrt, wer glaubt, Scholz hätte Langeweile. "Ich habe die Schlüssel zu drei Kirchen in der Stadt. Am liebsten fahr ich nach Windberg, um zu üben." Denn es existiere eine Parallele zwischen Leistungssport und Musik. "Selbst Mozart wäre ohne Übung nicht Mozart geworden", betont Scholz. "Wenn man ein neues Stück einstudiert, sind drei Stunden Übung gar nichts."

Für Konzerte nimmt er noch heute Reisen quer durch Deutschland in Kauf. Allerdings nur, wenn er gebeten wird. "Ich bin niemand, der bettelt", sagt er. Seine Musikleidenschaft ist auch innerhalb der Familie nicht ohne Resonanz geblieben. Von seinen drei Kindern haben zwei mit Musik zu tun: Ein Sohn ist Solofagottist bei den Düsseldorfer Sinfonikern, ein weiterer baut Orgeln in Mönchengladbach. Die Kinder, die dem Vater nacheifern - auch das etwas, das aus der Zeit zu fallen scheint.

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