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Interview: Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg (20): Viel Pathos in den Schützengräben

Interview: Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg (20) : Viel Pathos in den Schützengräben

Heldentum, Heimatliebe und Opferbereitschaft: Mit heroischen Begriffen sollte dem Töten und Sterben im Ersten Weltkrieg ein Sinn gegeben werden. Davon zeugt auch ein handschriftliches Gedichtbüchlein eines Soldaten aus Rheindahlen.

Die aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrten Soldaten schwiegen. Sie erzählten kaum etwas von ihren Erlebnissen, von den Gefühlen, die sie in den Krieg getrieben oder den Emotionen, die sie an der Front erlebt hatten. Ein wenig Einblick aber gewähren Geschichten, Tagebücher und Gedichte, die im Krieg entstanden, dort gelesen, geschrieben oder vorgetragen wurden.

 Ein Foto von Zenzes' Vater, Anton Keßler, als Soldat.
Ein Foto von Zenzes' Vater, Anton Keßler, als Soldat. Foto: Raupold, Isabella (ikr)

Walburga Zenzes hat ein kleines Büchlein von ihrem Vater Anton Keßler geerbt. Es enthält eine handschriftliche Sammlung von Gedichten. "Mein Vater hatte sehr viel für Gedichte übrig", erklärt seine Tochter, die in Rheindahlen lebt. Anton Keßler wurde 1917 eingezogen, da war er gerade 18 Jahre alt geworden. Mit an die Front nahm er seine kleine Gedichtsammlung. Einige Gedichte von Heinrich Lersch finden sich darin. "Auf Posten" beispielsweise hat er ausgewählt. Es ist ein sehr pathetisches Gedicht, in dem ein einsamer Soldat Wache hält. Es geht um das "opfernde Vaterland" und darum, "zu wehren dem Hass, dem Neid und der Gier". Dieser heldisch-vaterländische Grundton gefiel offensichtlich einem jungen Mann, der in den Krieg ziehen wollte.

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Als er nach Kriegsende zurückkehrt, schreibt er ein anderes Gedicht in sein Büchlein. "Vier bei der Garde und einer Husar" von Maria Weinand. Der Ton des Gedichts ist noch immer durchtränkt von hehren Gefühlen und nationalen Aufwallungen, aber es endet tragisch mit dem Tod von Söhnen und einem Gebet. In vielen Gedichten und Schriften findet sich die Verquickung religiöser Gefühle und Symbole mit Kriegsbegeisterung und einer Überhöhung der deutschen Sache. Ein besonders irritierendes Beispiel liefert Walter Flex, ein deutscher Schriftsteller, der sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte und sehr erfolgreich Kriegslyrik produzierte. Eines seiner Bücher heißt "Vom großen Abendmahl". Das einleitende Gedicht verbindet das christliche Abendmahl mit dem Kriegsgeschehen. Flex versteigt sich zu Sätzen wie "Aus deutschem Blut ist Christi Wein bereitet und in dem Blut der Reinsten wirkt die Macht des Herrn". Oder: "Gott heiligt unser Volk und es erlebt im Weltbrand der Entsühnung Opferfeier." Der Band enthält außerdem ein Weihnachtsmärchen, das Flex am Heiligen Abend 1914 seiner 5. Kompanie vorgelesen hat. Es handelt davon, wie die toten Soldaten von Gott den Auftrag erhalten haben, über ihr Vaterland zu wachen, ein heimlicher König - natürlich ein Soldat in Feldgrau- in "der Herzkammer der Erde" eine Märtyrerkrone trägt und "Dienst tut an der Seele seines Volkes". Das heute kaum erträgliche Pathos der Geschichte hat die Zuhörer, die sich in einer kleinen französischen Dorfkirche versammelt hatten, während draußen Geschütze feuerten, wahrscheinlich erreicht.

Ein etwas anderes Weihnachtsfest, aber ebenfalls vaterländisch überhöht, schildert Leutnant Wilhelm Waters aus Burgwaldniel in seinem Tagebuch: "Mitten im Kriege, wenige 100 Meter vom Feind entfernt, feiern wir Weihnachten, das Fest des Friedens, das Familienfest der Deutschen." Und etwas später: "Den Frieden haben unsere Feinde nicht gewollt. Sie haben uns in den Krieg hineingedrängt. (...) Hier unter dem Christbaum geloben wir unserem Kaiser aufs Neue feste Treue. Für ihn und unser liebes Vaterland opfert ein jeder von uns alles auf und so rufe ich euch zu: ,Frohes Weihnachtsfest!'"

(arie)