Videothek in Mönchengladbach: Wie ein DVD-Verleih überlebt

Besuch im DVD-Verleih: Wie Mönchengladbachs letzte Videothek überlebt

Seit man Kinofilme illegal im Netz gucken kann, mussten Videotheken schließen. Wie überlebt die letzte in Mönchengladbach? Ein Besuch.

Auf dem Weg zur letzten Videothek der Stadt hängt eines dieser roten Plakate – und es macht keine Hoffnung, dass diese Geschichte doch noch gut ausgehen könnte. „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single“ steht darauf – es ist Werbung für Online-Dating. In einer Welt, in der selbst die Liebe scheinbar eher über Internet-Chats entsteht als bei einem Kinobesuch, in der Kunden mit Online-Banking vermutlich nie wieder der Spezies Bankkaufmann begegnen werden – warum sollte in dieser Welt auch nur ein einziger Mensch zu einer Videothek fahren, um sich eine DVD auszuleihen?

Mitten im Gewerbegebiet, zwischen Baumarkt und Mega-Supermarkt, steht die flache Halle, vielleicht vier Meter hoch und rundum verglast. Über der Tür steht „Bari Videofuchs“ und „Familienvideothek“. Wer hindurch tritt, macht eine Zeitreise: Die flachen Regale stehen mit dem Rücken zum Schaufenster, die bunten Cover der DVDs leuchten im Kontrast zum grau-blauen Teppichboden. Rund um die Jahrtausendwende – das ist fast 20 Jahre her – sahen Videotheken kaum anders aus. Rolf Schaa hingegen, darf man annehmen, schon.

Der Bart des Filialleiters dürften grauer geworden sein über die Jahre, denn er arbeitet schon seit 1988 für Bari, einer Zeit, in der Videotheken ihrem Namen noch alle Ehre machten – und Videokassetten verliehen. Heute steht der 62-Jährige hinter der langen grauen Theke in der Mitte des Raums, ein geruhsamer Typ. Doch inzwischen ist es selbst ihm zu ruhig geworden.

Es ist schwer zu sagen, wie viele Videotheken es noch in Deutschland gibt: Seit Jahren nimmt die Zahl ab, in vielen Städten, darunter Düsseldorf und Bonn, haben sie alle dichtgemacht. Zumindest in Mönchengladbach setzt sich der Trend fort: Gleich zwei mussten 2018 schließen. In der an der Waldhausener Straße hängt ein Sichtschutz in den Fenstern, der Eigentümer baut sie zur Wohnung um. Die andere in Odenkirchen, die Rollläden voller Graffiti, wartet auf ihr Schicksal.

Doch an der Künkelstraße bei Herrn Schaa ist noch Leben in der Bude. Zwei Männer lehnen an der Theke, die Jacken noch an, vor ihnen braune Plastikbecher mit Kaffee. Einer hat einen Hund dabei, er heißt Lee, so wie Bruce Lee, der Schauspieler. Wie soll ein Hund in einer Videothek auch anders heißen? Die Männer sind Freunde von Schaa, sie kommen fast jeden Tag her, sagen sie. Als Handwerker könnten sie sich ihre Aufträge selbst einteilen. „Wir gucken dem Jung‘ bei der Arbeit zu“, sagt einer. An einem Mittwochnachmittag im Jahr 2019 heißt das: etwa alle 15 Minuten ein Kunde in der Spielfilmabteilung.

Die Videothek auf der Waldhausener Straße wird zur Wohnung umgebaut. Foto: Milena Reimann

Also, warum kommen die Menschen noch hierher? Da ist der junge Mann, der sagt, sein Blick falle hier auf Filme, die ihm online nicht angezeigt werden. Und manche seien sogar günstiger. Da ist der ältere türkische Herr, der zögerlich zugibt, das mit dem Internet habe er noch nie so richtig verstanden. Und der Motorradfahrer, der sagt, er bräuchte online vier Accounts, um alles sehen zu können, was er will. Dann lieber zu Rolf Schaa. Bevor der in die Welt des Filmverleihs eintauchte, arbeitete er bei einem Herrenausstatter. Drei bis vier Kunden am Tag kamen – zu wenig für den kontaktfreudigen Mann: „Wenn die Leute Schlange stehen, das ist meine Welt.“ Ein Glück, dass die Frau des Bari-Inhabers bei ihm eine Lederjacke kaufte, und ihm einen Job in einer Videothek ihres Mannes anbot. Das klang damals noch verlockend.

Die Männer an der Theke schwärmen noch heute von der Anfangszeit, als die Videothek 24 Stunden geöffnet hatte. „Da konnte man auch nach einem Abend in der Altstadt noch hingehen“, sagt einer. Nachts kamen Kellner und Schichtarbeiter auf dem Heimweg zum Ausleihen. Das ist lange vorbei, die Videothek schließt heute um 22 Uhr. Streamingdienste wie Netflix und Amazon haben da noch geöffnet.

Die ehemalige Videothek in Odenkirchen wartet auf ihr Schicksal. Foto: Bauch, Jana (jaba)

Doch die sind nicht das größte Übel, betont Schaa, und auch der Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) nennt sie nur „Mitbewerber“. Das große Problem seien die illegalen Möglichkeiten, Filme zu schauen. Das gilt vor allem für aktuelle Kinofilme, die schnell in den Videotheken sind und laut IVD lange einen Großteil des Umsatzes machten. „Die Jugendlichen haben die heute nach zwei Tagen“, sagt Schaa.

Geht es denn nur bergab? Nicht ganz. Als 2018 die anderen Videotheken in Mönchengladbach schließen, merkt Schaa das – an Neukunden. „Die kamen aus Rheydt, das sieht man an der Postleitzahl“, sagt er. Manchmal reicht es, der zu sein, der am längsten durchhält.

Und eine Goldgrube, wenn man das so nennen kann, gibt es noch für die Videotheken. Sie beginnt auch in Mönchengladbach hinter der Tür mit der Aufschrift „Ab 18“. In der Erotik-Abteilung steht eine Plastik-Frau mit entblößtem Oberkörper zwischen DVDs mit Namen wie „Asian Cuties“ (Süße Asiatinnen) – und das ist noch ein harmloser Titel. Ein Großteil des Umsatzes kommt vom Verleih und Verkauf von Erotikfilmen, auf die menschlichen Triebe ist noch Verlass. Nur warum schauen die Herren, die etwas schüchtern durch die Regalreihen schleichen, die Pornos nicht einfach im Internet? „Viele haben Angst, sich online einen Computer-Virus einzufangen“, sagt Schaa. Die Videothek als Safer-Sex-Variante der digitalen Befriedigung.

Und so wechselt Schaa hinter seiner Theke zwischen der breiten Front zur Familienvideothek und der kleineren Ausgabe schräg hinten zum Erotikbereich. Früher hätten an einem Tag wie diesem locker drei bis vier Leute hier gearbeitet, heute ist Schaa alleine und hat noch Zeit, mit seinen Kunden zu quatschen. „Die Leute lieben das persönliche Gespräch“, sagt er. Und ein Kunde, den er per Handschlag begrüßt, stimmt zu: „Die Leute machen alles nur noch von zu Hause, hier trifft man wenigstens noch Menschen.“

Vielleicht ist es das, was noch in die Videothek treibt. Die Filme sind, wenn die Kunden von Schaa erst einmal mit einer Tüte Chips auf der Couch liegen, auch nur digitale Berieselung. Doch für den, der in eine Videothek geht, ist der Weg das Ziel. Ein kleiner analoger Umweg durch die digitalisierte Welt, ein winziges Aufbäumen gegen die eigene Bequemlichkeit und das gesellschaftliche Effizienzstreben. Schaa jedenfalls vertraut darauf, dass es auch in Zukunft Leute geben wird, die sich auf den Weg zu ihm machen. Sein Chef, dem mehrere Videotheken gehören, hat noch viel vor: Er habe schon ein Rabattsystem eingeführt für den Ankauf von DVDs. Und nebenan gebe es noch eine Halle, da könnten große Verkaufsaktionen stattfinden, oder vielleicht bauen sie einen Escape-Room hinein? Schaa ist sich sicher: „Wir halten hier noch eine Weile durch.“

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