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Mönchengladbach: Verrechnet: Stadt schockt Bauherren

Mönchengladbach : Verrechnet: Stadt schockt Bauherren

55 Familien, die gerade in Neuwerk gebaut haben, verstehen die Welt nicht mehr. Die Stadt berechnet ihnen für die Erschließung 60 Prozent mehr als ursprünglich kalkuliert – ohne den Preissprung zu erläutern. Politiker sind empört.

55 Familien, die gerade in Neuwerk gebaut haben, verstehen die Welt nicht mehr. Die Stadt berechnet ihnen für die Erschließung 60 Prozent mehr als ursprünglich kalkuliert — ohne den Preissprung zu erläutern. Politiker sind empört.

Michael Kowalski weiß längst, dass er an der Sache selbst nichts mehr ändern kann. Er hat freundlich nachgefragt. Dann bohrender. Briefe und Mails geschrieben. Politiker eingeschaltet. Und noch mal Briefe und Mails geschrieben. Zwischendurch eine Klage erwogen. Sich schließlich an den Ausschuss für Beschwerden gewendet. Und trotz alledem wird es dabei bleiben, dass die frisch nach Neuwerk gezogene Familie Kowalski nicht, wie ursprünglich von der Stadt mitgeteilt, 10 000 Euro für die Erschließung ihres Grundstücks bezahlen muss, sondern fast 16 000 Euro. Es wird auch dabei bleiben, dass bei manchem seiner Nachbarn, die noch mehr zahlen müssen, die Finanzierung des Hauses nun vorne und hinten nicht mehr passt. All das weiß Michael Kowalski. Nur eines kann er noch immer nicht akzeptieren: dass ihm bis heute keiner von der Stadt verständlich vorrechnen kann, wie es zu diesem riesigen Preissprung in so kurzer Zeit gekommen ist. "Das ist pures Unvermögen. Seit uns das passiert ist, wundert mich nichts mehr. Wenn ich höre, dass irgendwo Millionen fehlen, muss ich ab jetzt davon ausgehen, dass diese Stadtverwaltung einfach nicht weiß, was sie da tut."

Die Politiker, die sich mit der Preisexplosion beschäftigt haben, werten die Angelegenheit — wenn auch in der Wortwahl verbindlicher — ähnlich. "Das ist weder transparent noch serviceorientiert. Wenn es um so viel Geld geht, muss man den Betroffenen das wenigstens erklären können. So geht man nicht mit Neubürgern um", sagt Ratsherr Robert Baues (CDU), der sich für die Bauherren eingesetzt hat. "Während andere einfach mit den Schultern gezuckt haben, hat er Abende lang in unserem Wohnzimmer gesessen und ist tätig geworden", sagt auch Michael Kowalski. Genutzt hat allerdings auch das am Ende nicht.

Denn die Stadt ist rein formal im Recht. Drum lehnten die Politiker im Ausschuss die Beschwerde der Familie Kowalski auch ab — mit hörbarem Bauchgrimmen. "Ich verstehe ihren Ärger voll und ganz", sagte Lothar Beine (SPD). "Das ist schon ein Hammer", befand Bernd Püllen (FWG). Erst recht, wenn man die Details kennt. Im Februar 2012 bekamen die Kowalskis die Rechnung über die Erschließungskosten. Die kam nicht nur viel früher als mündlich angekündigt, sondern lag auch um 6000 Euro höher als bei der Kalkulation wenige Monate zuvor. Die Stadt argumentierte mit einer Steigerung der allgemeinen Baukosten und einer Änderung der Rechtsprechung. Kowalski recherchierte im Internet. "Die pauschal genannten Zahlen stimmten hinten und vorn nicht", berichtet er. Als er die Stadt mit seinen Zahlen konfrontiert, lenkt die ein. Die Kostensteigerung lasse sich nicht detailliert aufschlüsseln. "Das bedeutet also, dass die Stadt den Bürgern 270 000 Euro mehr abnimmt und nicht darlegen kann, wofür", so Kowalski.

Schließlich entdeckt er noch einen Fehler bei der Bemessung. Man hat den falschen Verteilungsschlüssel angesetzt. Das erkennt auch die Stadt an und schickt eine neue Rechnung — um 650 Euro niedriger als die erste. "Wenn ich das als Laie kann, warum kann das bei der Verwaltung niemand?", fragt der Hausbauer. In der Sitzung des Beschwerdeausschusses hatte die Verwaltung die Chance, die Preisexplosion aufzuklären. Detaillierte Zahlen nachzureichen. Oder wenigstens anzukündigen, dies auf jeden Fall noch zu tun. Oder schlicht zu sagen: "Das ist wirklich unglücklich gelaufen. Das tut uns leid." Die Verwaltung sagte: nichts. Kein Wort. Dafür schrieb Michael Kowalski nach der Sitzung in seiner Wut noch einmal eine Mail an alle Parteien. Manche Passagen sind nicht zitierfähig. Aber sehr verständlich.

(RP/ac/anch)