Unverpackt-Laden in Mönchengladbach

Mönchengladbach: Verpackungsfrei kann jeder

Unsere Autorin schaut sich um in Mönchengladbachs Unverpackt-Laden Tante LeMi und bekommt Tipps für einen Alltag (fast) ohne Müll. Ihre Erkenntnis: Unverpackt-Einkaufen ist nicht unbedingt teurer als Einkaufen im Supermarkt, und eine gute Organisation ist bereits die halbe Miete.

Die Salatgurke eingeschweißt in Plastik. Bio-Milch im Tetrapak. Käse in der Plastikbox. Kaufen, öffnen, wegwerfen: Im Jahr 2016 produzierte jeder Deutsche nach Angaben des Umweltbundesamtes 220 Kilogramm Verpackungsmüll. Das meiste davon schleppte er sich beim Einkaufen selbst ins Haus.

Doch das Umdenken in Sachen Müllproduktion ist im Gange, auch in Mönchengladbach. Aus Recycling und Fairtrade entwickelte sich in den vergangenen Jahren die Bewegung „Zero Waste“: Müll, wenn möglich, gar nicht erst produzieren. Müllfrei einkaufen, ist das nicht aufwendig und teuer? Ich will es probieren und gehe zu Tante LeMi (Lebensmittel), dem ersten und einzigen „Unverpackt“-Laden der Stadt. Es gibt ihn schon seit über zwei Jahren, vor ein paar Monaten ist er umgezogen in die Gasthauserstraße 68.

Die Kunden bringen ihre eigenen Behälter mit. Foto: Theo Titz

Der Laden ganz ohne Einwegverpackungen ist zweimal die Woche geöffnet: mittwochs von 17 bis 20 Uhr und samstags von 11 bis 15 Uhr. Beim Eintreten denke ich an einen Tante-Emma-Laden: In den Regalen stehen Glasspender, gefüllt mit Nudeln, Reis oder Getreide, aus denen sich der Kunde etwas abfüllen kann. Die Behälter dazu muss er mitbringen. Auf einem Tisch sehe ich eine alte Waage aus Omas Zeiten, auf der die Rohware abzüglich des Behälter-Gewichts gewogen wird. Es gibt noch Platz, denn Tante LeMi hat sich vergrößert. „Vorher waren wir auf 35 Quadratmetern in einer Privatwohnung, doch der Bedarf ist gestiegen“, sagt Regina Reiser-Le Glou, die hier ehrenamtlich arbeitet. Es ist 17 Uhr am Nachmittag, eine Kundin betritt den Laden. „Heute ist es ruhig“, sagt Regina. „In den letzten Diensten hatte ich keine freie Minute.“

Die Zahnputz-Tabs von einem Start-up in Berlin sind zahnärztlich getestet. Sie schäumen in Kontakt mit Wasser – verpackungsfrei. Foto: Theo Titz Foto: Theo Titz

„Der Laden ist nur eins von vielen Projekten des Vereins Eine-Erde, der sich einsetzt für eine ressourcenschonende Lebensweise“, sagt Oliver Jansen. Er hat den Verein 2015 mitgegründet, inzwischen gibt es 420 Mitglieder. Nur wer Mitglied ist, darf in dem „Unverpackt“-Laden einkaufen, er ist damit Selbstorganisation des Vereins. Einkauf, Anlieferung und Verkauf – alles wird von ehrenamtlichen Engagement getragen. Mitglied werde ich relativ schnell: Die Eintrittserklärung liegt neben der Kasse, ich kann sie vor Ort ausfüllen und sie verpflichtet mich zu nichts. Ob und wie viel Jahresbeitrag ich zahle, entscheide ich selbst.

Die Shampoo-Seifen und -Spülungen gibt es in verschiedenen Sorten. Die Verpackungen werden wiederverwertet. Foto: Theo Titz

Trockenware Für Trockenware werde ich bei Tante LeMi fündig: Verschiedene Sorten an Weizen- und Vollkornnudeln, Getreide, Reis, rote und braune Linsen, Hirse, Kichererbsen, auch Ausgefalleneres wie Grünkern oder Polenta. Ein Glasspender mit Müsli ist dabei, außerdem Mandeln, Hafer- und Hefeflocken, getrocknete Feigen und Tomaten. Hinzu kommen Olivenöl und Sonnenblumenöl zum Abfüllen. Alles ist vegan, alles aus kontrolliert biologischem Anbau. Ich entdecke Backpulver, aber Mehl kann ich nicht finden. Das finde man im Supermarkt in Papier verpackt, sagt Regina, Papier sei immer noch besser als Plastik. „Wir verkaufen vor allem Produkte, die hauptsächlich in Plastikverpackungen angeboten werden.“

Tracey Salahovic (vorne) und Regina Reise-Le Glou engagieren sich bei Tante LeMi. Foto: Lea Hensen

So ganz verpackungsfrei ist Tante LeMi nicht. „Das Großgebinde erreicht den Laden verpackt“, sagt Oliver. „Durch den gemeinschaftlichen Einkauf können wir Verpackungsmüll aber reduzieren.“ Auf den Einkaufspreis kommt ein Aufschlag von 23 Prozent, der ausschließlich in Vereinszwecke wie die Instandhaltung des Ladenlokals investiert wird. „Der Verkauf bei Tante LeMi ist nicht gewinnorientiert“, betont Oliver. „Durch den Einkauf im Großgebinde sind die Produkte günstiger als in anderen Unverpackt-Läden und für jedermann erschwinglich.“ Ich schaue mich um: Im Schnitt sind die Lebensmittel nicht teurer als die günstige bis mittlere Preisklasse im Supermarkt. Helle Penne sind im Kilogramm günstiger als von Barilla, aber etwas teurer als von Discounter-Preis-Marken wie ja!. Rote Linsen und Trockenfrüchte kosten weniger als bei Rewe. Vor allem in der großen Auswahl an Gewürzen von Anis bis Kreuzkümmel ist Tante LeMi günstiger als jeder Supermarkt.

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Der Verein setzt beim Import auf Nachhaltigkeit: Fast alle Produkte kommen aus Europa, statt Rohrzucker aus tropischen Ländern gibt es Rübenzucker aus der Region. Ausnahmen sind Espresso, Kaffee und Kokos. „Kokoschips haben wir in unser Sortiment aufgenommen, da man sie vielfach weiterverarbeiten kann, unter anderem zu Kokosmilch“, sagt Oliver. „Es ist unser Ziel, immer regionaler zu werden, in der Zukunft vielleicht sogar mit den Erzeugern zusammenzuarbeiten.“

Drogerieartikel Mit Produkten für Reinigung und Körperpflege stellt sich Tante LeMi einer besonderen Herausforderung, wenn es um müllfreies Einkaufen geht. In einem Regal stapeln sich runde Seifenstücke, Aleppo-Seifen und Haarseifen: sogenanntes festes Shampoo und feste Spülung. „Dass Shampoo und Duschgel aus der Flasche kommen müssen, hat sich im Kopf der Leute festgesetzt“, sagt Tracey Salahovic, die sich seit ein paar Monaten bei Tante LeMi engagiert. „Dabei ist ein Seifenstück mindestens genauso wirksam.“ Die Shampoo-Seifen sind zwar teurer als Shampoo aus dem Drogeriemarkt, halten aber wesentlich länger. In einem großen Glas sehe ich kleine weiße Tabletten, „aluminiumfreie Zahnputz-Tabs“ steht oben drauf, ein Tab kostet wenige Cent. In Kontakt mit Wasser sollen sie im Mund von alleine schäumen. Zahnärztlich getestet sind die Zahnputz-Tabs, die Zahnpasta in Plastiktube ersetzen, auch. Außerdem gibt es Bambuszahnbürsten und Kokosöl für Haut und Haare. Im Bereich Körperpflege ist das Sortiment noch ausbaufähig, aber Tracey zählt auf, was es woanders bereits gibt: Anstelle von Tampons und Binden die „Menstruationstasse“, anstelle von Wegwerf-Tüchern Taschentücher aus Stoff und Toilettenpapier ohne Plastik. „Viele Drogerieprodukte lassen sich auch selbst herstellen“, sagt sie. Der Verein organisiert dazu Workshops, ein Baukasten-System als Anleitung sei außerdem in Planung, erfahre ich von Oliver. Die Wunderwaffe dazu steht bei Tante LeMi im Regal: Natronpulver. „Zusammen mit Kurkuma, Xylit (Birkenzucker) und Schlämmkreide – ein Produkt aus feinem Kalkstein, das empfindliche Oberflächen schonend reinigt – mache ich meine Zahncreme selbst“, sagt Regina. Mit Kokosöl und ätherischen Ölen ließe sich aus Natronpulver Deo herstellen. Auch an Reinigungsmitteln deckt Tante LeMi den Bedarf. Es gibt große Kanister mit Waschmittel, als Pulver und flüssig, Klarspüler, Geschirrspüler, Allesreiniger und Bodenpflege, aus denen man sich etwas abfüllen kann. Dazu eine Palette an Zubehör: Stoffbeutel, Dosierhilfen, Brotboxen und Trinkflaschen.

Frische Produkte Da Tante LeMi nur zweimal wöchentlich geöffnet hat, werden dort keine Frischprodukte verkauft. Obst, Gemüse und Kartoffeln bekomme ich zum Teil lose im Supermarkt. „Wichtig ist eine gute Vorbereitung“, sagt Tracey. „Man sollte immer einen Stoffbeutel dabei haben oder ein Wäschenetz sowie Gläser und Frischhalteboxen.“ Brot bekomme man unverpackt bei jedem Bäcker. „Es reicht, rechtzeitig den Beutel aufzuhalten und darauf hinzuweisen, damit der Verkäufer gar nicht erst zur Tüte greift“, sagt sie. Grundsätzlich empfiehlt sie, mit den Verkäufern in Kontakt zu treten, das Anliegen offen zu kommunizieren. „Bei einem Metzger, den wir kennen, holen wir das Fleisch für unseren Hund in einer mitgebrachten Box ab.“

Gerade der verpackungsfreie Einkauf von Fleisch und Käse sei im Supermarkt aber schwierig. „Oft dürfen selbst mitgebrachte Behälter aus Hygienegründen nicht in Kontakt mit der Frischetheke kommen“, sagt Regina. Zudem sind Obst und Gemüse in Bio-Qualität im konventionellen Supermarkt oft zusätzlich verpackt. Eier gibt es nur in vorgepackten Kartons, auch das Angebot an Milchprodukten in Mehrwegglasflaschen ist begrenzt. Deutlich größere Chancen auf einen Einkauf ohne Einwegverpackungen habe ich bei einem Bio-Laden oder auf dem Markt. Oder im Hofladen direkt beim Erzeuger.

„Bei uns ist der lose Einkauf von Obst, Gemüse und Brot schon lange verbreitet“, sagt Katrin Strobel, Verkäuferin im Hofladen vom Bio-Gemüsebaubetrieb Lenßenhof in Odenkirchen, der einen Stand auf dem Wochenmarkt in Rheydt und auf dem Kapuzinerplatz hat. „Auch für Eier bringen einige inzwischen alte Eierkartons mit.“ Milchprodukte und Getränke gibt es in dem Hofladen in Mehrwegglasbehältern für einen Pfand von 15 Cent. Frisch geschnitten wird Käse in mitgebrachten Boxen verkauft. „Nur vorgeschnitten muss er in einer Plastikfolie aufbewahrt werden“, sagt Strobel. Zum Teil bietet auch der Hofladen Getreide und Reinigungsmittel zum Abfüllen an.

„Wir bemühen uns, die Kunden bemühen sich“, sagt Strobel. „Aber es ist natürlich noch ausbaufähig.“ „Müll zu reduzieren, hat einen wichtigen Symbolcharakter“, sagt Oliver. Das Sortiment von Tante LeMi wird darum regelmäßig erweitert. Ganz neu dabei ist eine Weinzapf-Anlage mit Bio-Riesling.

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