Mönchengladbach: Unterwegs mit der Gladbacher Tafel

Mönchengladbach : Unterwegs mit der Gladbacher Tafel

Zweimal in der Woche ist Ausgabetag bei der Gladbacher Tafel am Fleener Weg. Unsere Autorin durfte einen Blick hinter die Kulissen werfen.

"Was bringst du denn da mit?" Klaus Cörstges zeigt verwundert auf den Pappkarton, den sein Beifahrer aus dem Supermarkt schleppt und in dem definitiv keine Lebensmittel sind. "Der Sommer ist vorbei, es gibt Fliegenklatschen!", ruft Steffen Bernsdorf lachend. Eine ganze Kiste voll mit den Plastikklatschen hat der Filialleiter des Discounters Bernsdorf mitgegeben. "Sollen wir die wirklich mitnehmen?", fragt Cörstges und kratzt sich an der Stirn. "Na klar doch, ist umsonst!"

Seit 8.30 Uhr sind die beiden Männer für die Tafel unterwegs. Vier dank der Aufschrift schon von weitem zu erkennende Kühlwagen hat die Tafel, sie fahren alle verschiedene Routen ab. Bernsdorf und Cörstges fahren die Rheydter Route. In einem Aktenordner, der vorne auf der Ablage unter der Frontscheibe liegt, sind alle Adressen vermerkt.

Die Männer - Bernsdorf ist Rentner, Cörstges in Altersteilzeit - sind ein eingespieltes Team, seit ein paar Wochen fahren sie schon gemeinsam. Effizienz ist ihnen wichtig - bloß keine Zeit verlieren. Während Cörstges den Wagen rückwärts an die Laderampe der Supermärkte setzt (O-Ton: "Da muss ich noch ein bisschen üben"), springt Bernsdorf raus, läuft im Affentempo in den Laden und sagt dem Personal Bescheid. "Guten Morgen, die Tafel Mönchengladbach", ruft der 67-Jährige beschwingt, und schon wissen die Mitarbeiter, was zu tun ist. Sie führen ihn in die Lagerräume und zeigen ihm, wo die Ration für die Tafel steht. Wenn Bernsdorf dann das Rolltor nach draußen aufmacht, steht sein Partner schon bereit, die Türen des Lasters sind geöffnet, und er reicht ihm Kisten an.

Die grünen Kisten sind für Obst und Gemüse, die roten für alles andere. Handschuhe sind ein Muss, denn oft ist das Obst schon etwas matschig. "Einmal habe ich mir mit einer verfaulten Paprika die ganze Hose versaut", erzählt Bernsdorf. Nur, was vergammelt ist, lassen die beiden direkt da. Alles andere wird später sortiert. Seit es in den Discountern die Backautomaten gibt, kann die Tafel häufiger ganze Kisten mit Brezeln, Brötchen und Brotlaiben mitnehmen. Auf ein Musterformular wird eingetragen, welcher Supermarkt wie viele Kisten gespendet hat. Am Ende des Jahres wird eine Statistik erstellt. Sponsoren, die auffällig weniger gegeben haben als in vergangenen Jahren, werden von den Sponsorenbetreuern der Tafel darauf angesprochen.

Die Qualität der Spenden ist sehr unterschiedlich: Manches sieht makellos aus - man wundert sich fast, warum es aussortiert wurde -, manches wirkt hingegen schon ziemlich alt. Wichtig ist, dass vor allem bei Fleisch und Fisch die Kühlkette nicht unterbrochen wurde. "Sonst dürfen wir es nicht mitnehmen." Joghurt und andere Milchprodukte sollten das Haltbarkeitsdatum nicht mehr als zwei Tage überschritten haben.

Wie viel die beiden Freiwilligen mitnehmen können, variiert von Woche zu Woche. Manchmal müssen sie auch ohne Ware wieder fahren. Bei einem Supermarkt gibt es 15 Säcke Kartoffeln. Das ist selten - und wird prompt zum Witz des Tages. "Soll ich mal nach Kartoffeln fragen, Klaus?", neckt Bernsdorf seinen Partner bei jedem Supermarkt, den sie anfahren.

Die Säcke sind schwer, die beiden geraten ins Schwitzen. "Gleich gibt?s erstmal ein schönes Stück Kuchen, Klaus", versucht Steffen seinen Partner bei Laune zu halten. Als es anfängt zu regnen, wird jedoch auch seine eigene Stimmung schlechter. "Regen ist das Schlimmste", sagt er. Denn bei manchen Supermärkten können sie nicht direkt an die Rampe fahren, sondern müssen die Sachen über den Parkplatz schleppen.

Auf der Fahrt unterhalten sich die beiden über ihr Berufsleben. Cörstges war Architekt beim Land, Bernsdorf ist gelernter Former. "Den Beruf gibt?s heute gar nicht mehr", sagt er. 51 Jahre lang war er in der metallverarbeitenden Industrie tätig, hat unter anderem Aluminiumteile für die Innenausstattung des Museums Abteiberg gefertigt. Beide wollen mit ihrer vielen Freizeit etwas Nützliches anfangen. "Wer rastet, der rostet", ist Bernsdorf überzeugt.

Gegen 12 Uhr fahren Bernsdorf und Cörstges mit ihrem Wagen auf das Gelände des ehemaligen Betriebshofs am Fleenerweg. Dort steht heute das Gebäude der Tafel. Sie stellen ihren Wagen hinter den anderen Wagen ab und gehen erst einmal Kuchen essen. "Da freu ich mich schon den ganzen Morgen drauf", sagt Cörstges und lacht. In dem schlichten Aufenthaltsraum - grauer Linoleumboden, weiße Tische und Magnettafeln an den Wänden - ist jede Menge los. Bei Kaffee und Kuchen sitzen die Helfer zusammen, es wird laut gelacht und erzählt. Durch eine Anreiche in der Wand kommt der Kuchen, den zwei Frauen in der Küche nebenan schneiden. Sie packen einzelne Stücke ab, die nachher auch an die Kunden verteilt werden.

Zwei Räume weiter wird derweil eifrig geschuftet. Die Wagen fahren bis an das Tor heran, dann werden die Kisten ausgeladen. Rund zehn Helfer sortieren die Waren, für jede Obst- oder Gemüsesorte gibt es eine eigene Kiste. Während das Gewusel für Außenstehende nach Chaos aussieht, haben die Helfer ihr ganz eigenes System, jeder Handgriff sitzt. Jedenfalls fast immer. "Wer hat denn hier die Tomaten zu den Pflaumen gepackt?", hallt es plötzlich durch den Raum. "Oh, das war ich. Ich dachte, das wären Mirabellen", entschuldigt sich eine andere Helferin und lacht. "Die waren noch so gelb, die Tomaten", erklärt sie. "Du bist mir auch so ne? Mirabelle", brummelt es zurück.

Auch das Brot wird sortiert. Das übernimmt Annemarie Groterath, die betagteste Helferin. Groterath ist 84 Jahre alt, hat zwei künstliche Kniegelenke, ist aber kein bisschen müde, zu helfen, wo sie kann. Seitdem ihr Mann vor zehn Jahren gestorben ist, hilft sie zweimal in der Woche bei der Lebensmittelausgabe. Außerdem kümmert sie sich um den Aufenthaltsraum. "Ich nehme die Handtücher mit und wasche sie zu Hause und räume auch schon mal die Regale auf", sagt die resolute Dame mit der bunten Schürze.

Sie freut sich, dass sie noch gebraucht wird. Außerdem schätzt sie die Gemeinschaft. "Hier bin ich nie alleine, man kann was erzählen bei der Arbeit und kommt unter Leute", sagt sie. Neben ihrem Engagement für die Tafel hilft Groterath auch noch in einem Altenheim mit. Bevor die Ausgabe um 14 Uhr beginnt, kommen schon Vereine wie die Aidshilfe, der Arbeitslosentreff oder der Kinderschutzbund und suchen sich Lebensmittel für ihre Mitglieder aus.

Vor den Toren wird es schon gegen 12.30 Uhr merklich voller. Die meisten Abholberechtigten kommen mit dem Bus. Monika Bartsch, Vorsitzende der Tafel, nennt sie allerdings "Kunden", das klingt netter. Im mittleren Raum des Gebäudetraktes haben die Helfer in Hufeisenform Tische aufgebaut und die grünen Kisten daraufgestellt. Lebensmittel, die gekühlt werden müssen, stehen in einer Kühltheke dahinter. Die Helfer genießen noch einmal die Ruhe vor dem Sturm, rauchen eine Zigarette oder trinken einen letzten Kaffee. Denn sie wissen: Gleich wird es anstrengend.

Um fünf nach eins zieht Hans Conrads schon mal das Rolltor am Küchenraum hoch. Hier verteilen er und eine weitere Helferin bereits abgelaufene Lebensmittel schon vor der Abholung. Außerdem gibt es die geschnittenen Stücke Kuchen. In einer Schlange kommen die Kunden vorbei und halten ihre Beutel auf. "Ein bisschen Wurst, Kartoffelsalat und zum Nachtisch noch ein Joghurt", sagt Conrads und legt die Lebensmittel hinein. Vor allem die Kuchenstücke sind begehrt.

Conrads ist 75 Jahre alt, wirkt aber zehn Jahre jünger. "Ich bin nicht der Typ, der sich im Jogginganzug vor den Fernseher setzt", sagt der Rentner. "Hier tue ich etwas für mich, bringe Struktur in meinen Alltag und gleichzeitig profitieren andere davon. Außerdem finde ich den Teamgedanken hier einfach toll." Manchmal trifft er einen Kunden in der Stadt. Dann bleibt er kurz stehen, um zu quatschen. "Es ist doch schön, wenn die Leute einen wiedererkennen."

Um zehn vor zwei begeben sich alle in Position. Die Ausgabe übernehmen ausschließlich Frauen, die Männer werden eher als Fahrer eingesetzt und haben somit ihr Tagewerk schon geschafft. Rund um den hufeisenförmigen Tisch stehen jetzt Helferinnen, Monika Bartsch ruft vorne die einzelnen Kunden durch ein Mikrofon namentlich auf. Wer an der Reihe ist, nimmt sich eine Kiste und beginnt vorne beim Obst seinen Rundgang um die Tische.

"Möchten Sie Blumenkohl? Oder Chicorée?", fragen die Helfer und halten beides hoch. "Wir haben das System vor kurzem umgestellt. Jetzt können die Kunden selbst auswählen, was sie möchten, und es geht für alle schneller", erzählt Monika Bartsch. Die Atmosphäre ist ausgesprochen freundlich - man kennt sich gegenseitig, hält ein kleines Schwätzchen, die Dankbarkeit seitens der Kunden ist groß. Ein Mann sagt zu einer Helferin: "Für Sie müsste man eigentlich jeden Tag eine Kerze in der Kirche anzünden. Es ist wirklich toll, was sie für uns machen."

An den Berechtigungsscheinen der Kunden können die Helfer ablesen, für wie viele Personen Essen abgeholt wird. Doch so genau nehmen sie es meist nicht. Wenn jemand Kinder hat, bekommt er auch schon mal eine Flasche Limonade oder ein bisschen Gebäck mehr.

Eine andere Helferin bedient etwas abseits die Kunden, die körperlich behindert sind oder nicht mehr gut laufen können. Sie holt ihre Einkaufstrollies rein und befüllt sie mit den gewünschten Lebensmitteln, dann bringt sie sie wieder raus.

Nicht alles, was nachmittags verteilt wird, ist morgens von den Fahrern abgeholt worden. Die Limonade beispielsweise - mit norwegischem Etikett - und lang haltbare Konservendosen werden von Spendenmitteln eingekauft. Auch Nudeln oder Reis kann die Tafel so schon mal anbieten. "Kartoffeln sind allerdings die beliebtesten Beilagen der Kunden", sagt Monika Bartsch. Deshalb freut sie sich über die 15 Säcke, die Cörstges und Bernsdorf von ihrer Tour mitgebracht haben.

(RP)
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